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STUTTGART/ Liederhalle: BRUCKNERS 9. SINFONIE mit dem SWR-Symphonieorchester unter Teodor Currentzis

19.01.2018 | Konzert/Liederabende

STUTTGART: Anton Bruckners 9. Sinfonie mit dem SWR Symphonieorchester unter Teodor Currentzis am 18. Januar 2018 in der Liederhalle

GEWALTIGE KRÄFTE GEBÜNDELT

Bei seinem Antrittskonzert vor dem Beginn als Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters im Herbst formte Teodor Currentzis den ersten Satz von Anton Bruckners neunter Sinfonie in d-Moll tatsächlich aus dunklem, raunendem Nichts. Acht Hörner tasteten den Akkord der Grundtonart ab, bevor die feierliche Fanfare sich machtvoll behauptete. Immer mehr Energien versammelten sich, bevor das in schroffen Oktaven abstürzende Hauptthema hervortrat. Diese „Auseinandersetzung mit Gott“ erhielt bei Currentzis mystisch-sphärenhafte Dimensionen, wobei er ganz eigenwillige Tempi gerade für die Streicher einsetzte. Nach diesem gewaltigen Ausbruch sank der Klang in leere Tiefen und ins Endlose. Sehr mild setzte dann die zweite Streichermelodie ein. Nach einer erheblichen Steigerung tauchte aus wogenden Quinten das dritte Thema auf, die Hörnermelodien schwangen sich in geheimnisvoller Weise ans Licht. Und die enormen dynamischen Spannungen der machtvollen Durchführung kostete Theodor Currentzis mit dem SWR Symphonieorchester voll aus. Der mit Gott ringende Mystiker erreichte hier schwindelerregende harmonische Höhen, die sich immer weiter steigerten. Einzig die abschwellenden Crescendo- und Diminuendo-Passagen wirkten manchmal fast etwas übertrieben. Dadurch ging die Wirkungskraft verloren. Die Einleitungsfanfare prallte frontal gegen den Block des Hauptthemas in der Coda. Zuletzt reckten sich die leeren Quinten fast gespenstisch in die Höhe. Das Miteinander der Töne eines Akkords wurde dann im zweiten Satz sehr souverän in das Nacheinander einer Melodie aufgelöst, wobei Currentzis auch auf präzise rhythmische Kontraste größten Wert legte. Stampfend äusserte sich der Rhythmus – und die Oboe steuerte einen österreichischen Ländler bei, der von elektrisierender Wirkung war. Über das zartere Trio huschten wahrhaft gespenstische Schatten, die sich verdichteten. So kam keine rechte Ruhe für eine poetische Stimmung auf. Feingetönte Harmonien verdichteten sich langsam. Als „Abschied vom Leben“ bezeichnete Bruckner schließlich das langsame und feierliche Adagio dieser neunten Sinfonie.

Sehr ergreifend und persönlich ließ Teodor Currentzis diesen Satz hier musizieren, der sich wiederum geheimnisvoll in sphärenhafte Höhen emporhob. Dieser schmerzliche Zug des Gesanges ergriff auch die Geigen. Hörner und Tuben stimmten dann klangschön und in bewegender Weise den „Abschied vom Leben“ an, der auch in einen Schrei der Qual mündete. Tröstlich meldete sich das zweite Thema – und die Streichermelodie erweckte wieder neu die Qual bei der kämpferischen Themenumkehrung. Die Streicher enthüllten eine Vision des Jenseits, die völlig unter die Haut ging. In entrückter Schönheit erklang die Melodie der Wunschlosigkeit bis zur endgültigen Erlösung. Als „Finale“ folgte dann „Lontano für großes Orchester“ von György Ligeti aus dem Jahre 1967, wo sich Intervalle und Klangfelder zu immer dichteren atmosphärischen Klangbildern formten. Es klang alles wie ein an- und abschwellender harmonischer Fluss, wobei sich die Klangflächen immer intensiver behaupteten. Lineare und klangliche Dichte korrespondierten in facettenreicher Weise mit dynamischer Zurückhaltung, wobei sich Teodor Currentzis mit dem SWR Symphonieorchester immer tiefer in die verborgenen klanglichen Schätze dieser Partitur versenkte. Alle Stimmen wurden in einen Prozess der Umwandlung hineinmanövriert, wobei sich Klangfarbe und Dynamik gut ergänzten. Der Klangraum lebte ganz von Oktavverdoppelungen des Tritonusintervalls. Trompeten und Posaunen lösten sich im Piano-Aufstieg auf. Da Bruckner sich für seine unvollendete Sinfonie ja eigentlich einen Abschluss wünschte, ist diese Lösung mit Ligeti durchaus legitim. Stürmischer Schlussapplaus, begeisterte „Bravo“-Rufe.

Alexander Walther

 

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