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STUTTGART/ Liederhalle/ Beethovensaal: KONZERT GUSTAV MAHLER-JUGENDORCHESTER – Emotionen und Sphären

05.09.2016 | Konzert/Liederabende

Konzert Gustav-Mahler-Jugendorchester im Beethovensaal der Liederhalle Stuttgart: EMOTIONEN UND SPHÄREN

Musikfest Stuttgart: Gustav-Mahler-Jugendorchester musizierte am 4. September 2016 im Beethovensaal der Liederhalle

Bach und Bruckner ergänzen sich gut – besonders wenn sie mit stürmischem jugendlichem Elan interpretiert werden. Dies konnte man im Beethovensaal mit dem glanzvoll musizierenden Gustav-Mahler-Jugendorchester unter der impulsiven Leitung von Philippe Jordan erleben. Johann Sebastian Bachs Kantate „Ich habe genung“ BWV 82 lebte ganz vom Zauber der Themenkomplexe und tiefinnerlicher Intensität. Christian Gerhaher (Bariton) übernahm in der Eingangsarie ausdrucksstark die Rolle des biblischen Simeons. Bei der Arie „Schlummert ein, ihr matten Augen“ schien er sein markantes gesangliches Ausdruckssprektrum sogar noch erweitern zu wollen. Und das Gustav-Mahler-Jugendorchester begleitete ihn hier ausgesprochen dezent und einfühlsam. Innig-behutsam und dynamisch feingliedrig verzauberte Gerhaher seine Zuhörer auch bei der Arie „Ich freue mich auf meinen Tod“, wo er die thematischen Zusammenhänge offenlegte. Stille Töne demütig-gläubigen Vertrauens beeindruckten hier das Publikum. Eher erfrischend kam zuvor das Rezitativ „Mein Gott! wenn kömmt das schöne: Nun!“

Anschließend interpretierte das Gustav-Mahler-Jugendorchester die Sinfonie Nr. 9 in d-Moll von Anton Bruckner, wobei der Dirigent Philippe Jordan rasche Tempi und elektrisierende Rhythmen wählte. Dies kam auch dem Oktav- und Quint-Intervall zugute. Aus dunklem, raunendem Nichts formte sich der erste Satz, der hier auch wirklich geheimnisvoll gestaltet wurde. Die acht Hörner tasteten den Akkord der Grundtonart ab. Die Energien sammelten sich und stützten dabei das urgewaltige, in schroffen Oktaven abstürzende Hauptthema. Der Klang sank plötzlich eindringlich in leere Tiefen, was Philippe Jordan mit dem Gustav-Mahler-Jugendorchester facettenreich betonte. Es war bemerkenswert, mit welcher Intensität das dritte Thema aus wogenden Quinten ans Licht tauchte. Die Hörnermelodien schwangen sich sphärenhaft in die Höhe. Sehr gut gelang dem Orchester dann die gewaltige Durchführung, wo Philippe Jordan als Dirigent alle Kräfte bündelte. Und es war grandios, mit welcher Wucht die Coda gegen den Granitblock der Einleitungsfanfare prallte. Da zischten feurige kontrapunktische Funken empor. Leere Quinten beschlossen gespenstisch und schauerlich diesen ungeheuren Kopfsatz, dessen Eindringlichkeit man an manchen Passagen sogar noch aufwühlender hätte gestalten können. Im Scherzo triumphierten die unmittelbaren Staccato-Attacken sehr unbarmherzig und schroff, man vermisste zuweilen sogar den machtvoll aufstampfenden Rhythmus. Beim zarten Trio huschten gespenstische Schatten vorüber, die sich verflüchtigten. Eine poetische Stimmung mochte nicht aufkommen. Sehr überzeugend gestaltete das Gustav-Mahler-Jugendorchester das Finale, diesen wahrhaft berührenden „Abschied vom Leben“. Der schmerzliche Gesang führte die Geigen in entrückte Höhen. Hörner und Tuben stimmten diesen Abgesang an. Die Streichermelodie des zweiten Themas weckte erneute die Qual, wobei der Zauber kämpferischer Themenumkehrung sich hier tief einprägte. Und die Streicher enthüllten ergreifend die Vision des Jenseits. Assoziationen zur siebten und achten Sinfonie waren dabei deutlich herauszuhören. Vor allem die lyrischen Seitengedanken arbeitete Philippe Jordan mit dem Gustav-Mahler-Jugendorchester markant heraus. Die gewaltigen Ausbrüche entfalteten eine grandiose dynamische Kraft. Die Luft war bis zum Zerreissen angespannt.

Vereinzelte und unverdiente „Buh“-Rufe störten die Ovationen des Publikums. Man hat jedenfalls schon erheblich schlechtere Aufführungen dieser Sinfonie gehört, die in jedem Fall eine Herausforderung darstellt.  

Alexander Walther

 

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