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STUTTGART/ Liederhalle/ Beethovensaal: HULDIGUNG AN DEN TEUFELSGEIGER. RSO STUTTGART/ Deneve, de la Salle

24.06.2015 | Konzert/Liederabende

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWRbeim Mittagskonzert im Beethovensaal der Liederhalle

 HULDIGUNG AN DEN TEUFELSGEIGER

 Ausnahmepianistin Lise de la Salle beim Mittagskonzert RSO Classix am 24. Juni 2015 im Beethovensaal der Liederhalle:

Zwei bedeutende russische Komponisten standen auf dem Programm des Mittagskonzerts mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR unter der fulminanten Leitung seines Chefdirigenten Stephane Deneve. Beide Werke sind übrigens am Wasser entstanden. Rachmaninow komponierte seine “Paganini-Rhapsodie” 1934 am Vierwaldtstätter See, Alexander Skrjabin schrieb sein “Poeme de l’extase” zwischen 1905 und 1908 am Genfer See. Die 27jährige französische Pianistin Lise de la Salle interpretierte zusammen mit dem elektrisierend musizierenden Orchester zunächst die Rhapsodie über ein Thema von Paganini für Klavier und Orchester op. 43 von Sergej Rachmaninow. Das bekannte a-Moll-Thema wurde hier mit glitzernden Kaskaden, Arabesken und Figurationen vorgetragen. Der dämonische Zauber des Teufelsgeigers Paganini war durchaus zu spüren – denn Lise de la Salle heizte das Tempo enorm an und spielte mit dem atemlos musizierenden Orchester in rasanter Weise um die Wette. Auch die plötzliche Erscheinung des “Dies irae”-Motivs wirkte dabei keineswegs aufgesetzt, sondern besaß zupackende Kraft. Diese 24 Variationen wurden hier wirklich mit leidenschaftlicher Glut gespielt, die sich immer mehr steigerte. Sprühendes Temperament und die Finessen des Anschlags konnten sich voll entfalten. Man begriff, warum Paganini als ein “Vampir der Violine” galt. Auch die von Tschaikowsky, Franck und Faure beeinflusste Tonsprache Rachmaninwos war deutlich herauszuhören. Lise de la Salle brachte den Flügel tatsächlich zum Singen und bot eine ganz eigenständige Interpretation – insbesondere bei den aufwühlenden lyrischen Passagen. Als Zugabe spielte sie noch aus den “Preludes” von Claude Debussy “Die Tänzerinnen von Delphi”. Ober-, Mittel- und Unterstimmen hielten sich stets die Waage. Auch die harmonischen Arabesken aus terzverwandten Akkorden glitzerten zauberhaft hervor. Die Pianistin hörte in die Musik hinein. Eine ausgezeichnete Wiedergabe bot das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR dann bei der sinfonischen Dichtung “Le poeme de l’extase” op. 54 von Alexander Skrjabin. Dieses “Lied der Verzückung” (eine Art kosmische Vereinigung) zeigte hier deutlich die Eigenheiten des späten Skrjabinschen Orchesterstils – mit Ausnahme von Farbenklavier und Duftorgel. Dass diese Partitur ein grandioses Kompendium raffinierter Instrumentationskunst ist, konnte man dank Stephane Deneve gut nachvollziehen. Er begreift diese Komposition vor allem als absolutes Werk. Glut und Pathos steigerten sich immer mehr, die gewaltigen Intervalle der Posaunen meldeten sich als Protest. Sehnsucht und Schmerz im Lento des Mittelteils kam durch das RSO ebenfalls überzeugend zum Vorschein. Flöte, Klarinette und vor allem die leitmotivartig eingesetzte Trompete bildeten einen dynamisch differenzierten Klangschwall, der sich zuspitzte. Mit Glut und Pathos wurden dabei die Verzückungen des Liebesaktes von der ersten zarten Sehnsucht bis zur Raserei beschrieben. Alle Vorgänge und Gefühlsregungen der erotischen Ekstase schienen sich hier präzis zu behaupten. sehnsüchtig meldete sich das Flötenmotiv – deutlich von der “traurigen Weise” des Wagnerschen “Tristan” angeleitet, andere Motive kamen schwärmerisch hinzu. Wonne, Trunkenheit und Entzücken vermochte Stephane Deneve mit dem Orchester immer aufwühlender herauszuarbeiten. Strawinsky bemerkte, dass Skrjabin sein Werk unter das Motto “Erhebt euch, ihr Elenden der Erde” stellen wollte. Die Crescendo-Steigerung am Ende war von ungeheurer dynamischer Wirkungskraft. Die vorwärtsdrängenden Synkopen schienen zu explodieren. Großer Schlussjubel.

Alexander Walther

 

 

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