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STUTTGART/ Liederhalle/ Beethovensaal: DIE SCHÖPFUNG von Joseph Haydn. Modernität der Partitur betont

STUTTGART/ Liederhalle: MODERNITÄT DER PARTITUR BETONT

Haydns „Schöpfung“ beim Musikfest als Eröffnungskonzert am 30. August 2014 im Beethovensaal der Liederhalle/STUTTGART

Neue Tore werden geöffnet – dieses Jahr steht das Musikfest Stuttgart unter dem Motto „Herkunft“. Unter der impulsiven Leitung von Hans-Christoph Rademann, dem Nachfolger Helmuth Rillings als Leiter des Musikfests der Internationalen Bachakademie Stuttgart, entwickelte sich Joseph Haydns „Schöpfung“ zu einem aufregend modernen Werk, dessen formale Gestaltung als Oratorium jedoch immer treffsicher betont wurde. Diese poetische Schöpfungsgeschichte nach Miltons „Verlorenem Paradies“, die Haydn auf einer seiner Londoner Reisen mitgebracht hatte, übersetzte Baron van Swieten (Diplomat des Wiener Hofes) ins Deutsche und inspirierte Haydn zur Komposition. Gekonnt interpretierten die Gächinger Kantorei und das Bach-Collegium Stuttgart unter Rademanns Leitung das ungestüme Orchestervorspiel von der „Vorstellung des Chaos“. Lastende Leere wurde hier zu Klang, wogte in fahlem Dunkel gestaltlos zwischen den Tonarten hin und her und schien sich bei dieser Wiedergabe eindrucksvoll formen zu wollen. Man hörte plötzlich drängende Seufzer-Figuren, die sich eindringlich hochsteigerten, während der übergewaltige Klage-Ausbruch zu den ehernen Schritten des chromatischen Quartfalles facettenreich erklang. Wagnersche „Tristan“-Harmonien schienen schemenhaft aufzutauchen, bis alles kraftlos und fahl zurücksank und sich verflüchtigte. Der von Rene Pape (Bass) voluminös gesungene Raphael erzählte fulminant von der ersten Schöpfungstat Gottes. Das Flüstern des Chores wirkte dabei fast schon unkörperlich: „Und der Geist Gottes schwebte auf der Fläche der Wasser…“ Kaum weniger anschaulich schilderte Daniel Behle (Tenor) als Uriel den Sieg des Lichtes über das Dunkel – und als er auf Luzifer und seine abtrünnige Schar anspielte, malte wiederum der chromatische Quartfall die schmerzliche Verzweiflung „in des Abgrundes Tiefen“, von der auch ein kurzes Chor-Fugato Zeugnis ablegte. Die Tat des zweiten Schöpfungstages erzählte wiederum Pape als Raphael mit weichem, aber kernigem Timbre. Sturm und Gewitter wurden hier von Hans-Christoph Rademann in realistischen und zugleich idealistischen Klängen mit dem konzentriert agierenden Ensemble nachgezeichnet. Das Wunder von Meer und Land erklang in Raphaels würdevoller Arie „Rollend in schäumenden Wellen“ glücklicherweise ohne falsches Pathos. Annette Dasch (Sopran) gestaltete als Gabriel die Arie „Nun beut die Flur das frische Grün“ mit nie nachlassender Intensität. So entstand ein Stück Naturpoesie mit Klangzauber. Man fühlte sich dabei sogar an Schubertsche Harmonien erinnert. Der kraftvolle Chor „Stimmt an die Saiten“ erinnerte in Rademanns Interpretation an Georg Friedrich Händel. Und der majestätische Sonnenaufgang besaß große Nähe zu Haydns „Jahreszeiten“. Ein geheimnisvoller Nachzauber umhüllte den Mond. Händel und Beethoven schienen dann beim Chor „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ deutlich zu sprechen. Aus romantischen Schatten entstand plötzlich hymnisches Feuer. Der zweite Teil wurde auch bei dieser Wiedergabe ganz vom Geist der Erschaffung der neuen Kreatur beherrscht. Die Tiere wurden mit scharfen Akzenten vorgestellt. Annette Dasch ließ als Gabriel die Melodie „Auf starkem Fittiche schwinget sich der Adler…“ hell aufleuchten. Lerche und Taube ergänzten reizvoll das poetische Gemälde mitsamt dem elegischen Gesang der Nachtigall. Im beglückten Anschauen der Wunder fanden sich die drei Erzengel dann zusammen im ekstatischen Lobpreis des Herrn. Und der Chor fiel begeistert bei der Passage „Der Herr ist groß“ ein. Löwen, Tiger, Hirsch, Ross und Rind gefielen als präzis akzentuierte Tonmalerei. Raphaels Arie „Nun scheint in vollem Glanz der Himmel“ ergänzte intonationssicher Uriels Hymne an das erste Menschenpaar: „Mit Würd‘ und Hoheit angetan.“ Wie genial Haydn dabei ein Volkslied vertieft lebendig werden lässt, machte Hans-Christoph Rademann mit dem Ensemble sehr schön deutlich. Mystische Regionen wurden bei der Textstelle „Und aus dem hellen Blicke strahlt der Geist, des Schöpfers Hauch und Ebenbild!“ eindrucksvoll beschworen. In der Kühnheit der entlegenen Melodien waren wiederum Schubert und sogar Bruckner deutlich spürbar. Beim Jubelchor „Vollendet ist das große Werk“ ging die Gächinger Kantorei ganz aus sich heraus. Im dritten Teil betonte der Dirigent Hans-Christoph Rademann sehr deutlich, dass dieser weniger dramatisch als die beiden vorangegangenen Teile ist. Das neuerschaffene Menschenbild des Paradieses wurde plastisch und klangschön in den Mittelpunkt gestellt. Annette Dasch als Eva und Rene Pape als Adam fanden hier ganz zusammen. Schönheit und Harmonie um das „beglückte“ Paar wurden harmonisch durchsichtig geschildert. Die Singstimmen erhoben sich voller Reinheit zum Lobe des Schöpfers: „Von deiner Güt‘, o Herr und Gott, ist Erd‘ und Himmel voll.“ Ergriffen bewunderten sie die Werke Gottes. Von der Macht, die sie in „Wonne“ und Liebe verbindet, spürte man bei dieser konzentrierten Wiedergabe viel. Adam und Eva sangen dabei mit wunderbar tiefem Gefühl und gerieten sogar in koloraturfrohe Opernbezirke. Und in geradezu majestätischer Würde erstrahlte dann der Schlusschor: „Singt dem Herrn alle Stimmen!“ Bei diesen Passagen wäre sogar noch eine weitere polyphone Steigerung möglich gewesen. Großartig gestaltete Rademann mit dem gesamten Ensemble jedenfalls die große Doppelfuge „Des Herren Ruhm“. Das „Amen“  mit den sehr virtuosen Solostimmen von Miriam Burkhardt (Sopran), Constanze Hirsch (Alt), Wolfgang Frisch (Tenor) und Robert Elibay-Hartog (Bass) erinnerte entfernt an Händels „Messias“. Nach der überwältigenden Ballung der Energien brach in der Liederhalle großer Jubel des Publikums aus. Insgesamt gesehen ließ Rilling bei seinen Interpretationen aber eine noch größere klangliche Sensibilität walten.

Zuvor hatte Gernot Rehrl als Intendant der Internationalen Bachakademie Stuttgart das Konzert eröffnet. Er lobte die Leistungen Helmuth Rillings, der die Internationale Bachakademie und das Musikfest über Jahrzehnte bedeutungsvoll begleitet habe. Zum Thema „Herkunft“ machte sich auch Günther Oettinger als Vizepräsident der Europäischen Kommission und Ministerpäsident a.D. des Landes Baden-Württemberg seine Gedanken. Er lobte ebenfalls Helmuth Rilling, seine Rede war dann jedoch für das oftmals doch recht schwierige Stuttgarter Publikum zu politisch, weil er auf aktuelle Krisengebiete in der Welt einging. So kam es zu Unmutsäusserungen.

 Alexander Walther

 

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