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STUTTGART/ Liederhalle: 6. SINFONIEKONZERT "PARADOXE IKONEN" – inspiriert von Gemälden

17.05.2015 | Konzert/Liederabende

6. Sinfoniekonzert „Paradoxe Ikonen“ im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle . INSPIRIERT VON GEMÄLDEN

Beeindruckendes Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart am 17. Mai 2015 im Beethovensaal der Liederhalle/STUTTGART

Eine ungewöhnliche Programmzusammenstellung präsentierte Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling beim 6. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart unter dem vielsagenden Motto „Paradoxe Ikonen“. Anton Bruckner, der von bösartigen Zeitgenossen als „halbverblödeter Spielmann Gottes“ verhöhnt wurde, war eine „paradoxe Ikone“, denn er fühlte sich von seinen Gegnern zeitlebens verfolgt. Der wunderbar klar intonierende Staatsopernchor Stuttgart (Einstudierung: Johannes Knecht) interpretierte zunächst die beiden Bruckner-Motetten „Vexilla Regis“ und „Christus factus est“ für gemischten Chor a cappella. Der geheimnisvolle e-Moll-Charakter der ersten Motette strahlte in fantasievollen Legato-Bögen immer wieder hell auf. Und die aufsteigende Figur des „Dresdener Amen“ aus Richard Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ war präzis herauszuhören. Die dynamisch glänzend herausgearbeiteten Steigerungswellen bei der zweiten Motette betonte Sylvain Cambreling mit harmonischer Vielfalt. Eine hervorragende Leistung boten anschließend die beiden Sängerinnen Mirella Bunoaica (Sopran) und Maria Theresa Ullrich (Mezzosopran) bei Gerard Griseys von Piero della Francescas Gemälde „Madonna del Parto“ inspirierter Tondichtung „L’icone paradoxale“ für zwei Solosängerinnen und sehr großes Orchester. Mikrotonale Prozesse werden dabei auf die Spitze getrieben, im Zentrum steht wiederholt eine Posaune, die die harmonischen Ströme facettenreich lenkt. Magische Poesie beherrscht die Musik in seltsamen Parametern mit Tönen, Tempo und Zeit. Lichtveränderungen werden von den Stimmen umgesetzt – und Mirella Bunoaica und Maria Theresa Ullrich agierten hier äusserst souverän. Die Arbeit an dieser komplizierten Partitur dauerte mehr als hundert Stunden. Wie in einer imaginären Treppe steigen die Tonleitern auf und ab, was Sylvain Cambreling mit dem sehr konzentriert agierenden Staatsorchester Stuttgart glanzvoll unterstrich. Das große Orchester wird von Grisey in dunkle und helle Instrumente unterschieden, ein kleineres Orchester wird in zwei symmetrische Gruppen unterteilt und den Stimmen zugeordnet. Und die dunklen Instrumente des großen Orchesters artikulieren verlangsamt die Konsonanten der unterschiedlichen Piero-Signaturen. Beim Gemälde Piero della Francescas aus dem Jahre 1460 ist die schwangere Maria dargestellt, die (von zwei Engeln begleitet) mit eigentümlicher Geste auf ihren gewölbten Leib hinweist. Grisey hat dieses Bild zu der Bemerkung veranlasst, dass sich ein Raum auf einen anderen Raum öffnet: „Das Unendliche wird suggeriert“. Dies setzt er musikalisch mit elektrisierender Spannungskraft um, tiefe Blechbläserattacken antworten dem eruptiv eingesetzten Schlagzeug. Grisey, der 1998 in Paris starb, war der Überzeugung, dass man mit Klängen komponieren sollte – und kritisierte Pierre Boulez, der immer noch Noten schreibe. Sylvain Cambrling arbeitete mit den beiden Sängerinnen die enorm aufgeheizten Klangflächen und rhythmischen Verschiebungen mustergültig heraus. Eine positive Überraschung war ferner die Wiedergabe von Franz Liszts Tondichtung „Die Hunnenschlacht“, wo Cambreling einmal mehr den leidenschaftlichen Charakter dieser Partitur betonte. Inspiriert wurde Franz Liszt von Wilhelm von Kaulbachs Gemälde „Die Hunnenschlacht“ aus den Jahren 1834 bis 1837. Hier werden musikalische Schlachtfelder sehr suggestiv beschworen. Der katholische Choral „Crux fidelis“ war als Synonym für das Christentum deutlich herauszuhören. Der Choral setzte sich bei der gelungenen Interpretation auch mit großer Vehemenz gegen die kämpferisch-aufdringlichen Hunnenthemen durch. Triumphal erstrahlte dann das C-Dur-Finale mit seinen majestätischen Orgel-Klängen, die von Ansi Verwey mit starker Transparenz beschworen wurden. Zum Abschluss erklang Anton Bruckners „dem lieben Gott“ gewidmetes „Te Deum“, weil es seinen „Verfolgern noch immer nicht gelungen“ sei, ihn „umzubringen“. Das große Verdienst Sylvain Cambrelings ist es hier in jedem Fall, mit dem glühend musizierenden Staatsorchester und dem strahlkräftigen Staatsopernchor die ekstatischen Momente dieser ungeheuren Musik aufwühlend zu unterstreichen, die sich gegen Ende immer weiter zuspitzen. Die bestens aufeinander abgestimmten Gesangssolisten Mirella Bunoaica (Sopran), Maria Theresa Ullrich (Mezzosopran), Stuart Jackson (Tenor) und Attila Jun (Bass) machten den gewaltigen Lobgesang auch akustisch zu einem besonderen Ereignis. Die Größe Gottes wurde dabei zusammengehalten durch die eröffnenden Streicherfiguren, deren Oktavsturz gigantische Energien barg. Posaunen und Trompeten markierten den glanzvollen Beginn „Te deum laudamus“. Von seiner ehernen Einstimmigkeit hob sich licht das Solistenterzett ab mit den Worten „tibi omnes angeli proclamant“. Und immer andachtsvoller wurde dabei die geheimnisvolle Stimmung bis zum erschauernden „Sanctus“ durchgehalten. Mit höchster Kraft meldete sich der Lobpreis „Pleni sunt coeli“, in den unvermittelt die mystisch-ergriffenen Episoden „tu devicto mortis“ und „aperuisti“ eingeblendet wurden. Der Solotenor verlieh der Sequenz „“Te ergo quaesumus“ etwas Einsam-Entrücktes. Und in erhabenem Triumph hob das „Aeterna fac“ des Chores an. Das energische Anfangsthema übernahm mit aller Macht wieder die Herrschaft am Beginn der Reprise. Begeisternd erklang die Passage „per singulos dies benedicimus te“. Die hochragende Fuge des Finales wurde ausgezeichnet getroffen, die Passage „In te, domine, speravi“ erhielt dank Sylvain Cambrelings einfühlsamem Dirigat eine geradezu „mystische“ Aura. Melodische und harmonische Linien mehrerer Sinfonien schienen bei diesem innerlich brodelnden C-Dur-Schluss aufzublitzen. Quarten und Quinten erhielten die ihnen gebührenden Konturen. Ein jubelnder Triumphgesang der Menschheit an ihren Gott beschloss dieses Werk in einer Interpretation, die ohne allzu rasche Tempi auskam. 

 Alexander Walther             

 

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