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STUTTGART/ Liederhalle: 6. SINFONIEKONZERT DES STAATSORCHESTERS unter Daniele Rustioni (Simone Schneider/Sopran)

Zauber und Wirklichkeit


Daniele Rustioni. Copyright: Davide Cerati

Sinfoniekonzert Nr.6 des Staatsorchesters Stuttgart mit Daniele Rustioni in der Liederhalle/STUTTGART

IM BANN DER VERZAUBERUNG

 Hans Werner Henze hat in seiner Tondichtung „Der verwunschene Wald“ (Aria und Rondo für Orchester) Lyrismus und Verzauberung auf eindrucksvolle Weise thematisiert. Dadurch entstehen dynamische Gegenwelten, deren Reiz der Dirigent Daniele Rustioni mit dem Staatsorchester Stuttgart voll auskostete. Das Rondo nimmt dann ein schnelleres Tempo wie die Aria an, man denkt sogar an eine Tarantella. Nach dem dahinjagenden Rondo folgt ein kurzes Finale furioso, dessen zerklüftete Strukturen der Dirigent Daniele Rustioni in hervorragender Weise herausarbeitete. Neue Gestalten in Melos, harmonischer Struktur und Architektur traten so deutlich hervor. Höchst artifiziell wirkten Satztechnik und Formgebung.

Die ausgezeichnete Sopranistin Simone Schneider erfüllte dann die Vier letzten Lieder aus dem Jahre 1948 von Richard Strauss mit leidenschaftlicher Emphase und starker Intensität, die ständig zunahm. Der dunkle, späte Glanz des „Frühlings“ korrespondierte in geheimnisvoller Weise mit dem herbstlich-versonnenen „September“, dessen Motive sich ständig verwandelten. Und auch die Sopranstimme schien sich hier zu verändern, gewann ein intensiveres Timbre. Insbesondere die Mittellage füllte Simone Schneider mit reifer Tiefe aus – das wirkte gar nicht mädchenhaft wie etwa bei Gundula Janowitz, sondern imponierte mit wahrhaft voluminöser Fülle. Die Arabesken, Girlanden und Kaskaden des Orchesters schillerten hier dank Daniele Rustioni und dem Staatsorchester Stuttgart in den hellsten und leuchtendsten Farben. Das einsame Solo-Horn prägte sich tief ein. Die Gesangslinien von „Beim Schlafengehen“ faszinierten mit reifem Pathos und einer überaus tragfähigen gesanglichen Mittellage. Simone Schneider blühte als Sopranistin mit dieser Musik förmlich auf, eingebettet von sphärenhaft-betörendem Streicherglanz. Die Orgelpunkte der Bässe bei „Im Abendrot“ hinterließen schließlich einen überaus tiefen Eindruck. Naturromantik gipfelte zuletzt in einem Hörnermotiv, das den Kantilenen der Sängerin zu antworten schien.

Eine exzellente Wiedergabe bot das Staatsorchester Stuttgart unter der impulsiven Leitung von Daniele Rustioni schließlich bei Gustav Mahlers erster Sinfonie in D-Dur „Der Titan“. Das Sonatenschema des ersten Satzes war bei dieser subtilen Interpretation klar erkennbar, das galt gerade für das Hauptthema mit seinem motivischen Werden und Wandel. Durchführung und Reprise erinnerten hier deutlich an Bruckner. Geheimnisvoll bereitete die Einleitung auf das Hauptthema vor. Dunkel empordrängende Bassmotive wurden von behutsamen Fanfaren und Hornrufen begleitet, die sich zu verfeinern schienen. Alles Vorhergehende zielte auf das Liedthema hin, das nun liednahe Gegenmelodien auslöste. Wie die Hörner aus dem mystischen Zwielicht bei dieser Wiedergabe eine heitere Wandermelodie emporhoben, war bemerkenswert. Das zweite Thema löste sich aus dem Nachhall. Gerade das reiche motivische Stimmengeflecht kam bei dieser Wiedergabe sehr gut zur Geltung. An Schubert erinnerte das robust musizierte Scherzo des zweiten Satzes. Die Volksmelodie des „Bruder Jakob“ besaß erhabene Größe. Fetzen böhmischer Melodien traten dabei fast gespenstisch hervor, was Rustioni mit dem Staatsorchester facettenreich betonte. Manche Streicher-Akzente hätten auch noch präziser sein können. Der Trauermarsch in Callots Manier besaß makabre Feierlichkeit. Die hitzige Durchführung des Finales war eine Tour de force sondergleichen, da wurde wirklich aus einem Guss musiziert. Daniele Rustioni heizte hier die Glut immer weiter an. Die lodernde Erregung wurde durch das zweite Thema in den Violinen noch weiter gesteigert. Nach sehr ernster und erregter Auseinandersetzung mit dem ersten Thema zeichnete sich in kurzen Ausblendungen schon der sieghafte Schluss ab. Themen und Fanfaren krönten diese beglückende Wiedergabe in einer unbeschreiblichen Schluss-Apotheose. Das strahlende D-Dur behauptete sich letztendlich mit überwältigender Kraft und ungeheurem Elan bis zu den explosiven letzten Takten, die ihresgleichen suchten. Eine solche Ansammlung harmonischer Fieberkurven hat man wirklich selten erlebt. Heftigste Auseinandersetzungen gipfelten in einem ohrenbetäubenden Sturm der Siegesgewissheit und Entfesselung elementarster Kräfte.

Jubel, Ovationen, Dirigent und Orchester wurden stürmisch gefeiert. 

Alexander Walther  

 

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