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STUTTGART/ Liederhalle: 3. SINFONIEKONZERT DES STAATSORCHESTERS/ Simon Hewett

17.01.2016 | Konzert/Liederabende
  1. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart in der Liederhalle Stuttgart

EIN BEGEISTERNDES DEBÜT

  1. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart im Beethovensaal der Liederhalle am 17. Januar 2016/

    Das berühmte „Dies irae“-Motiv wurde beim dritten Staatsorchesterkonzert unter der feurigen Leitung von Simon Hewett bei drei Meisterwerken  in die Höhe gehoben. Zunächst erklang die sinfonische Dichtung „Die Toteninsel“ von  Sergej Rachmaninov nach dem Gemälde von Arnold Böcklin. Die tiefen Streicher fingen die düstere a-Moll-Stimmung des Werkes treffsicher ein, deren geheimnisvolles Wiegen im Fünf-Achtel-Takt deutlich im Gedächtnis blieb. Der Klang der Totenglocken schien sich bei dieser Wiedergabe so immer unheimlicher auszubreiten, wobei Rachmaninovs melancholische Stimmung genau getroffen wurde. Als präzises Leitmotiv war auch das „Dies irae“ herauszuhören, dessen Intensität sich ständig steigerte. Weltläufige äußere Eleganz vermischte sich hier mit gelegentlichen Temperamentsausbrüchen und dem elegischen Zauber einer an Tschaikowsky angelehnten Melodie, die unter die Haut ging. Das Zwiespältige und Mysteriöse arbeitete Simon Hewett hier mit dem Staatsorchester Stuttgart glanzvoll heraus. Auch die Seitengedanken besannen sich rasch auf ihre starken rhythmischen Kräfte. So geriet der geheimnisvolle Kahn mit dem mysteriösen Fährmann in greifbare Nähe.

Elena Graf_(c)MatthiasMatthei
Elena Graf. Copyright: Matthias Matthei

Ein ausgezeichnetes Debüt gab die jungen Erste Konzertmeisterin des Staatsorchesters, Elena Graf (Violine). Sie interpretierte das noch relativ tonale Konzert für Violine und großes Orchester aus dem Jahre 1950 von Bernd Alois Zimmermann, das deutlich von den Schrecken des Zweiten Weltkrieges geprägt ist. Dabei legte die Celesta gespenstisch ein Leuchten über die dunkle Klanglandschaft, die viele Rätsel aufgab. Arpeggierte Akkorde arbeiteten sich empor, im zweiten Satz besaßen die Kantilenen in den höchsten Registern eine befreiende Wirkung. Elena Graf betonte exzellent den enormen Klangfarbenreichtum dieses Werkes, was sich auch in den komplizierten Intervallen und schnellen Läufen in der Höhe zeigte. Die vielen Tempowechsel brachten sie spieltechnisch nicht aus der Ruhe. Im dritten Satz kam dann mit dem Rumba ein südamerikanisches Flair auf, das Elena Graf genüsslich auskostete. Der prachtvolle Tutti-Klang konnte sich auch im Finale bestens entfalten, wo die Streicher einem kurzen Bläser-Choral in reizvoller Weise antworteten. Elena Graf arbeitete dann die Kaskaden und Arabesken ihrer Kadenz virtuos heraus. In der fahlen „Fantasia“ trat der Schrecken des Kriegs-Trümmerhaufens zutage. Die für Zimmermann typische Vielschichtigkeit der Zeitgestaltung machte sich so deutlicher bemerkbar. Zuweilen erklangen auch heftige Glissandosteigerungen der Violine.
Als Zugabe bot Elena Graf noch eine brillante Piece von Eugene Ysaye mit facettenreichen Intervallspannungen.

Zuletzt begeisterte das Staatsorchester Stuttgart unter der überaus mitreissenden Leitung von Simon Hewett mit den schwungvoll dargebotenen Sinfonischen Tänzen op. 45 aus dem Jahre 1940 von Sergej Rachmaninov, wo ebenfalls das „Dies irae“-Motiv zitiert wird. Die Kantilene des Alt-Saxophons stach deutlich hervor und sorgte für den nachfolgenden tänzerischen Schwung. Recht schroff und forsch kam dann der zweite Satz im „Tempo di valse“ daher. Das alles wurde vom Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Simon Hewett glasklar und ohne Schwulst musiziert. Zuletzt gipfelte diese famose Wiedergabe in einem strahlend-leuchtenden Halleluja mit lange verhallendem Tamtam-Schlag, was man bei dieser Wiedergabe besonders schön heraushören konnte. Deutlich wurde hier vor allem, dass es sich bei dieser Komposition keineswegs um illustrative Gebrauchsmusik handelt. Crescendo-Effekte, sinnliche Harmonierückungen und  peitschende Rhythmen prägten sich bei den Zuhörern tief ein. Die Weltuntergangsstimmung wirkte wie weggewischt. Liszts pathetische Wucht war ebenfalls herauszuhören. Elegische Träume und wuchtige Akkorde hielt Hewett klug in der klanglichen Balance. So bebte bei den letzten Staccato-Attacken die Erde. Jubel.

Alexander Walther

 

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