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STUTTGART: LA TRAVIATA – „Liebe über den Wolken“

25.01.2015 | Oper

 „La Traviata“ in der Staatsoper Stuttgart: LIEBE ÜBER DEN WOLKEN

Giuseppe Verdis „La Traviata“ in der Staatsoper am 25. Januar 2015/

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Atalla Ayan, Mirella Bunoaica. Foto: A.T.Schaefer

Die Inszenierung von Verdis „La Traviata“ durch Ruth Berghaus stammt aus dem Jahr 1993. Sie macht kein naturalistisches Theater, sondern bietet eine Realität, die zur Kenntlichkeit entstellt ist. Außerdem herrscht im Bühnenbild von Erich Wonder eine schwarz-weiße Ästhetik vor, deren Intensität sich im Laufe des Abends noch steigert. Berghaus präsentiert gespenstische Tableaus, man spürt die Angst vor der Ansteckung an Tuberkulose, deren Opfer die Titelheldin Violetta geworden ist. Sie wird von der sehr begabten rumänischen Sopranistin Mirella Bunoaica mit feinen gesanglichen Schattierungen, ausgefeilter Klangbalance und stählern-kraftvollen Spitzentönen dargestellt. Violetta Valerys Pariser Salon ist hier zum extravaganten Casino geworden, dessen Drehtüren illustren Protagonisten der Pariser Halbwelt Platz machen. Violettas neuer Verehrer Alfredo Germont, den Atalla Ayan mit voluminöser stimmlicher Fülle verkörpert, besingt mit leidenschaftlicher Ausdruckskraft die Liebe. Beide verfallen hier einem glaubhaften Rausch, der alle mitreisst. Das zweite Bild bietet ein seltsames Büro über den Wolken mit einer riesigen Tunnel-Attrappe, auf der sich Gleise befinden. Das Ganze wirkt surrealistisch verfremdet. Violettas Landhaus bei Paris ist so nicht mehr zu erkennen. Man fühlt sich im Niemandsland. Als Alfredo bewusst wird, dass Violetta bereits ihren gesamten Besitz veräussert hat, verlässt er sie. Der von Motti Kaston mit des Baritons Grundgewalt agierende Vater Alfredos, Giorgio Germont, erscheint plötzlich und redet Violetta ins Gewissen. Er verlangt von ihr, auf Alfredo zu verzichten. Bei dieser Szene fehlt zwar zuweilen psychologisches Fingerspitzengefühl, das den Konflikt noch schärfer herausstellt. Dennoch gelingt es Ruth Berghaus, die tragische Situation grell zu beleuchten. Violetta nimmt rasch die Einladung von Flora Bervoix (gesanglich und darstellerisch ausgezeichnet: Maria Theresa Ullrich) an und schreibt dem Geliebten einen Abschiedsbrief. Jetzt steigt die Spannungskurve dieser eher schroffen Inszenieung erheblich, wennglich man das sensibel-intime Kammerspiel zwischen den Personen zuweilen vermisst. Im zweiten Bild gewinnt Baron Douphol in der grellen Darstellung von Ashley David Prewett Kontur, der von Violetta barsch verlangt, Alfredo zu ignorieren. Als Violetta vorgibt, den Baron zu lieben, gerät Alfredo ausser sich. Dieser Moment gelingt Ruth Berghaus am besten. Er ruft Zeugen, um sie vor aller Augen bezahlen zu können. Die Geldscheine fliegen über die Bühne wie blitzende Funken. Später werden die Scheine vor dem geschlossenen Vorhang aufgesammelt. Man nimmt hier kaum noch wahr, dass der empörte Baron Alfredo zum Duell fordert. Stark gelingt Ruth Berghaus auch die Sterbeszene Violettas, wo Mirella Bunoaica gesanglich nochmals brilliert. Alfredos verzweifelte Reaktionen hätten dabei auch noch drastischer und lebendiger sein können. Insbesondere die absteigenden Linien von Violettas Koloratur gelingen Mirella Bunoaica votrefflich. Im Lichtkegel erscheint der Tod der Kurtisane kalt und unwirklich, zu beiden Seiten ist der riesenhafte Tunnel ins Endlose gewachsen. Einzig das Schneetreiben gibt der Inszenierung eine lyrische Komponente. Dagegen nimmt man die Salon-Atmosphäre kaum wahr.

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Foto: A.T.Schaefer

Der aus Mailand stammende Dirigent Giuliano Carella arbeitet mit dem fiebrig-glühend musizierenden Staatsorchester Stuttgart die Feinheiten der Partitur detailgenau heraus. Vor allem die morbide Tönung des verhaltenen Seelengemäldes kommt schon beim Vorspiel facettenreich zum Vorschein. Impressionistische Ansätze werden dabei nicht ausgespart. Die subtile Ausgewogenheit des Formwillens strahlt prägnant hervor. Alfredos Liebesmelodie und Violettas Schicksalsmotiv werden hier so betont, dass dem Zuhörer die suggestiven thematischen Bindungen sofort bewusst werden. Der Zusammenhang von Wort- und Tonelementen gipfelt eindringlich in den ausdrucksvollen Parlandoszenen. Hier überzeugen auch die weiteren Sängerinnen und Sänger Karin Torbjörnsdottir als Annina, Daniel Kluge als Gastone, Eric Ander als launiger Marquis von Obigny, Mark Munkittrick als Doktor Grenvil mit fulminantem Bass, Rüdiger Knöß als Violettas Diener Giuseppe sowie Daniel Kaleta als Diener Floras und Ulrich Wand als ein Bediensteter. Grandios agiert wie immer der lupenrein intonierende Staatsopernchor Stuttgart (Einstudierung: Christoph Heil), der die reiche Fülle der musikalischen Gedanken unterstreicht. Giuliano Carella beweist, dass er die Musik Verdis liebt. Hier wirkt nichts kalt und unvermittelt, sondern man lebt und leidet mit den handelnden Personen trotz der Kälte, die diese Inszenierung immer wieder ausstrahlt. Die Kostüme von Marie-Luise Strandt passen sich dem schwarz-weißen Schema dieser Regiearbeit an.

Man kann gut verstehen, warum gerade „La Traviata“ als beliebteste Oper überhaupt gilt. Sozialkritik und musikalischer Realismus sind jedenfalls eindeutig die Stärken der Regisseurin Ruth Berghaus. Die innere Bewegung der Beteiligten sticht leuchtkräftig hervor, und das gesamte Geschehen ist eindeutig auf Violetta konzentriert. Liebe, Verzicht und Tod werden als schlichte Wahrheiten postuliert. Das kann durchaus ergreifend sein, wie viele Passagen bei dieser Inszenierung zeigen. Gerade Mirella Bunoaica ist sehr aktiv am Bühnengeschehen beteiligt. Auch die emotionale Reaktion von Alfredos Vater erhält glaubwürdige Statur. Dass Verdi bei der Komposition der „Traviata“ vom zuvor entstandenen „Troubadour“ inspiriert wurde, zeigt sich bei den explosiv-begeisternden Chorszenen. So erfolgt auch bei Berghaus ein geradezu exotischer Massenauftritt im zweiten Akt – und der akustisch reizvolle Karnevalschor aus dem Hintergrund im dritten Akt brennt sich ebenfalls ins Bewusstsein ein. Hierbei lässt Ruth Berghaus die Zuschauer die innere Distanz Violettas am schmerzlichsten spüren. Der öffentlich repräsentative Rahmen tritt bei dieser Inszenierung allerdings eher in den Hintergrund. Verdi wendet sich der starken Gefühlswelt der Personen im zweiten und dritten Akt zu. Auch Ruth Berghaus lässt das Publikum diesen Wandlungsprozess spüren, wenngleich die vornehmlich private Atmosphäre eher unpersönlich wirkt. Der Wechsel von gesprochenem Wort zu ariosen Passagen gelingt immer wieder überzeugend, das menschliche Innen- und Außenleben findet in Musik und Inszenierung durchaus ihre passende Entsprechung. Das zeigt sich vor allem in der schicksalhaften Begegnung von Violetta mit Alfredos Vater. Das gesamte Spektrum menschlicher Gefühlsregungen wird hier abgedeckt, und Ruth Berghaus erfüllt auch diese Szene mit beeindruckender Intensität. Der Kampf zwischen äusserer Bestimmung und innerer Gefühlswelt Violettas kommt im zweiten Akt ebenso nicht zu kurz, bei Floras Fest eskaliert ein Ausbruch der offenen Konfilkte aller Beteiligten. Wie Violetta dann erst im dritten Akt ganz zu sich selbst findet, gelingt Ruth Berghaus ergreifend. Die leisen Gefühlsschwankungen stechen hervor. Man wünscht sich hier sogar noch stärkere Präsenz. Carella betont den sphärenhaften Violinsatz im dritten Akt mit der Tremolo-Reprise des „Alfredo-Themas“ nuancenreich. Das Staatsorchester Stuttgart folgt seinen Intentionen minuziös. Ruth Berghaus betont den gnadenlos realistischen Moment des Sterbens. Das des-Moll beim Zusammenbruch Violettas besitzt dabei unmittelbar packende Wucht. Da blitzt Feuer aus dem Orchestergraben.   

 Alexander Walther                 

 

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