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STUTTGART: LA BOHÈME – mit dem Liebespaar zum Schwelgen

05.11.2014 | Allgemein, Oper

Stuttgart „LA BOHÈME“ 4.11.2014 – mit Liebespaar zum Schwelgen

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Weihnachtlich glitzerndes Treiben vor dem Café Momus (Inszenierung: Andrea Moses). Copyright: A.T.Schaefer

 Zumindest das Publikum an diesem Abend war sich gemessen an seinem müden Applaus nicht bewusst, über welche Juwelen die Stuttgarter Oper mit ihren Ensemble-Mitgliedern Atalla Ayan  und Mirella Bunoaica verfügt. Der brasilianische Tenor, in Erscheinung und Timbre von hoher Attraktivität, fühlt sich mit dem geforderten Puccini-Schmelz hörbar wohl und erteilt sowohl in einfühlsam ausgekosteter Melodik als auch in beherzt angegangenem Parlando von Anfang bis Ende eine Lektion in der Verbindung von Belcanto-Ideal mit der Robustheit veristischen Ausdrucks. Gekrönt von strahlend sicheren Höhenaufschwüngen inklusive mühelos erklommenem und diminuierend zurück genommenem hohem C ist er auch im jähen Wechsel zwischen zärtlicher Hingabe und unbeherrschter Eifersucht ein Rodolfo wie er im Buche steht.

Auch die Mimi der Rumänin Mirella Bunoaica kommt einer Idealbesetzung/verkörperung nahe, ihr warmer Sopran mit fließend leichter Tongebung und leuchtend aufblühendem Höhenregister harmoniert mit ihrem Kollegen aufs Beste, besonders wenn sich beider Stimmen vereinigen. Zudem ist sie in ihrer Bühnenpräsenz eine Sympathieträgerin zwischen Schüchternheit und selbstbewusster Kämpfernatur, deren von Krankheit gezeichnetes Schicksal somit in doppelter Weise emotional ergreift. Diesem Paar wäre eine dauerhaftere Zweisamkeit von Herzen zu gönnen.

Aus dem Vollen noch junger unverbrauchter Stimmen sowie entsprechendem Spieldrang können auch die weiteren Mansarden-Bewohner (hier in einem baufälligen angerüsteten Haus) schöpfen: Bogdan Bacius impulsiver Marcello mit fülligem flexiblem Bariton, Ashley David Prewetts  lässiger Schaunard mit spröderem,  kaum weniger ansprechendem  Bariton und Adam Palkas feinsinniger Collin mit heutzutage selten gewordener sonorer Bass-Resonanz. Yuko Kakuta balanciert als Musette vokaldarstellerisch virtuos zwischen Männer verschlingendem Verführungs-Glamour und gebührender Anteilnahme an Mimis Verdämmern.

Neben Mark Munkittricks chancenlosem Hausbesitzer Benoit und Kenneth John Lewis eitlem Alcindor oblag es vor allem dem Staatsopern- und Kinderchor den Akt vor dem Café Momus als Gesamtkunstwerk aus virilem Gesang und Spiellust mit Leben zu füllen. Andrea Moses Inszenierung liefert da in dem für heutige Verhältnisse recht realistisch ausgefallenen Bühnenbild (Stefan Strumbel) mit Häuserfassaden und Weihnachtsbaum sowie poppig-farbenen Kostümen von Anna Eiermann eine werkgerechte Vorlage. Dass die Optik eine von den Medien eingenommene und gläsern gewordene Gesellschaft mit allen entsprechenden Einrichtungen signalisiert, nimmt dem Werk erfreulicherweise nichts von der Authenzität, mit der hier Einblicke ins Leben zweifelhafter Künstler-Existenzen gewährt werden. Nur Mimis stiller und genau deshalb so bewegender Tod ist nach dem bis dahin nachvollziehbar gezeigten Hang zur öffentlichen Preisgabe als Showroom von zuviel ablenkender Aktion überlagert. Und der kurz angedeutete Applaus von am Rande stehenden Gaffern ist ein wirklich unnötiger Querschläger in das so sensibel angelegte Ende von Mimi.

Der erste Kapellmeister Simon Hewett nahm sich Puccinis einfühlsamer Zeichnung einfacher Leute mit viel Detailliebe an und bewahrte das süffig und klangschön spielende Staatsorchester Stuttgart vor überbordender Lautstärke, die in diesem intimen Stück fehl am Platz ist.

Wie schon gesagt: beschämend schwaches Echo für eine erstklassige Wiedergabe

  Udo Klebes

 

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