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STUTTGART: KRABAT- Repertoiretauglichkeit bewiesen. Ballett

Stuttgarter Ballett: „KRABAT“. 31.5.2013 – Repertoiretauglichkeit bewiesen


Krabat in den Fängen des Meisters – Daniel Camargo (r.) und Roman Novitzky (l.). Foto: Ulrich Beuttenmüller
 
Vielleicht steckte Daniel Camargo die totale Anspannung des erst vor einer Woche neu übernommenen Opfers in „Le sacre du printemps“ noch in den Knochen, dass er im ersten Akt von Demis Volpis nun erstmals mit einer weiteren kompletten Alternativ-Besetzung gespieltem Zauber-Ballett nach Otfried Preußlers Roman nicht seine gewohnte Ausstrahlung entfaltete und dem neu in die Mühle kommenden obdachlosen Waisenjungen Krabat zunächst etwas steife Konturen gab. Doch die Liebe zu Kantorka schien seine Geister zu erwecken – bald nach der ersten Begegnung mit der Vorsängerin taute er auf und identifizierte sich ganz und gar mit dem zunehmenden Widerspruchsgeist des Gesellen wie auch mit der gesten- und zeichenreichen Choreographie. Das ausgedehnte Solo, in dem Krabat vor der Entscheidung steht, des Meisters Funktion zu übernehmen oder weiterhin für Kantorka und ihre Befreiung zu kämpfen, mobilisierte dann Camargos weit ausgreifendes körperlich-technisches Potential derart, dass Volpis Schrittmaterial gegenüber den beiden bisher gesehenen Interpretationen eine viel weiter reichende, kraftvollere, aber nie schwer wirkende Dimension erreichte.

Dieser Krabat hatte allerdings auch allen Grund sich von Kantorka hinreißen zu lassen, so viel Warmherzigkeit und mädchenhafte Unbefangenheit ging von Elizabeth Wisenberg aus. Die amerikanische Gruppentänzerin stürzte sich mit spürbarem Enthusiasmus in ihre erste Hauptrolle und entwickelte dabei eine Spontaneität, die ein paar Unsicherheiten und noch nicht ganz ausbalancierte Spitzendrehungen völlig unwichtig erscheinen ließ.


Berührend intime Liebe – Myriam Simon (Worschula) und Evan McKie (Tonda). Copyright: Ulrich Beuttenmüller
 
Auch das zweite Paar, vermochte in seiner großen Szene im ersten Akt die Liebe als flammendes Signal für den Versuch, das Böse
zu überwinden, sichtbar zu machen. Die Befreiung gelingt ihm zwar nicht, doch Myriam Simon (Worschula) und Evan McKie (Tonda) gestalten ihren Pas de deux vor ihrem (Wahnsinns-)Tod berührend, voll feiner Intimitäten und beweisen in der mit unkonventionellen Variationen arbeitenden klassischen Struktur ihre reife Technik. McKie beglaubigt auch den ehrlichen (Alt-)Gesellen, der Krabat väterlichen Beistand leistet.

Der neue Meister heißt Roman Novitzky und profitiert anfangs von der Wirksamkeit des langen weiten Zaubermantels und der Glatzenmaske mit einem verbundenen Auge, um noch gewisse Defizite an magischer Bewegungs-Ausrichtung aufzufangen. Sobald er jedoch herausgefordert ist, seine Macht zu verteidigen, erwachen auch seine Geister. Dass er gegenüber dem Zauberer Pumphutt in diversen Kämpfen unterliegt, kann allerdings dessen neue Besetzung Ami Morita (noch) nicht so recht glaubhaft machen, zu sehr muss die Gruppentänzerin gegen das verlangt rasante Tempo und viele flotte Beinüberwürfe ankämpfen. Da hatte indes auch die Erstbesetzung die Latte sehr hoch vorgelegt.

Pech hatte Novitzky leider als ihm sein Kopf durch eine Ungeschicklichkeit beim Beugen herunter fiel und dem Herrn Gevatter Tod der Höhepunkt der aufgebauten Spannung versagt blieb, den Kopf des Meisters abzunehmen, ihn triumphierend in der Hand kreisen und schließlich auf dem Boden zerdonnern zu lassen. Doch Oihane Herrero reagierte so geistesgegenwärtig und professionell, den Vorgang anzudeuten und schaffte es auch bis dahin, dem wie auf glühenden Kohlen schwebenden Todbringer durch die eng und gerade dadurch unheimlich anmutend gezirkelte Choreographie der Arme und Hände bedrohliche Verführbarkeit zu geben.

Mehr als Özkan Ayik in der Rolle des allerdings schwer zu profilierenden, zur Befreiung Rat gebenden Gesellen Juro, vermochte Constantine Allen dem Widerstand leistenden und dafür vom Meister wie als Sklave in den Fängen eines Seils gedemütigten Merten viel mitfühlenden Ausdruck zu verleihen. Alexander Mc Gowan verdingte sich erstmals als Waisenjunge Lobosch, und begegnete dem Meister mit viel Mut und gar kleinen Späßchen.

Im übrigen sind die weiteren Gesellen und die Mädchen zu loben, die ebenso zu diesem fesselnden Gesamtkunstwerk beitragen wie
die vom Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle mit viel Engagement umgesetzten, Unheil, Zauber und Hoffnung gleichermaßen überzeugend in Töne fassenden Kompositionen von Peteris Vasks, Philip Glass und Krzysztof Penderecki.

Auch im Repertoire und mit variierten Interpretationen hat dieses vom Publikum berechtigt gestürmte neue Handlungsballett seine Qualität, seine Theater-Schlagkraft und seine aus einer bisweilen seismographisch genaue Züge, die viel genaues Hinschauen verlangen, aufweisenden Choreographie unablässige Spannung bewiesen. Entgegen der sonstigen Gepflogenheit bei neuen Stücken wird Krabat der riesigen Nachfrage wegen bereits in der kommenden Spielzeit wieder aufgenommen. Darauf freut sich auch         

Udo Klebes

 

 

 

 

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