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STUTTGART/ Kammertheater. I’M SEARCHING FOR I:N:R:I (eine Kriegsfuge) von Fritz Kater alias Armin Petras. Orpheus und Eyrydike begegnen sich wieder

12.03.2016 | Theater

Premiere „I’m searching for I:N:R:I“ („eine kriegsfuge“) von Fritz Kater im Kammertheater Stuttgart

ORPHEUS UND EURYDIKE BEGEGNEN SICH WIEDER

Premiere „I’m searching for I:N:R:I“ („eine kriegsfuge“) von Fritz Kater (alias Armin Petras) am 11. März 2016 im Kammertheater (Schauspiel)

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Fritzi Haberlandt, Andre Jung. Copyright: Thomas Aurin

Der vielfach ausgezeichnete Opernregisseur und Intendant Jossi Wieler hat diesmal beim Schauspiel Regie geführt (Bühne und Kostüme: Anja Rabes; Musik: Wolfgang Siuda; Video: Chris Kondek). Es geht hier um Biografien, die durch den Krieg zerstört worden sind. In gewaltigen Zeitsprüngen nimmt man das Berlin im Jahr 1941 genauso wahr wie etwa den Sommer 1989 in West-Berlin. Die beiden Hauptfiguren sind Rieke und Maibom (ein Journalist und Nazijäger), deren Beziehung im Westdeutschland Ende der 50er Jahre in geheimnisvoller Weise wieder auflebt. Denn Rieke ist Eurydike und Maibom ist Orpheus, der sich auf die Suche nach seiner Geliebten macht. Die Spur führt nach Bonn-Bad Godesberg und in die Eifel. Das Scheitern der Liebes- und Lebensgeschichte dieser Figuren steht eigentlich im dramatischen Zentrum der Handlung, weil sich die beiden ausgezeichneten Darsteller Fritzi Haberlandt und Andre Jung voll damit identifizieren. Die Gegenwart der vergessenen Vergangenheit ist hier stets präsent. Video-Projektionen verstärken den surrealistischen Eindruck zwischen Melodram und Film Noir, was die Zuschauer fesselt. Fritz Katers Stück „I’m searching for I:N:R:I“ spielt virtuos mit Bruchstücken, die als weiße und zerbrochene Steinplatten auf der Bühne zu sehen sind, die ansonsten recht kahl bleibt. Texte von Heinrich Böll, Hunter S. Thompson, Anna Seghers, William Faulkner, Marek Hlasko, Erich Maria Remarque oder Wilhelm Hauff („Das kalte Herz“) spielen dabei eine große Rolle.

Die dummen verfluchten Menschen können dabei niemals genug haben mit ihren eigenen kleinen Höllen. Wirklich berührend ist aber das psychologisch vielschichtige Kammerspiel zwischen Fritzi Haberlandt als Rieke und Andre Jung als Maibom in der letzten Szene, wo sie als Liebespaar trotz aller Irrnisse und Wirrnisse ganz zusammenfinden. Katers Drama entpuppt sich als Spionagethriller und Kriminalstück in einem. Satzlücken erinnern an die Sprache Heinrich von Kleists – schmerzhafte Lücken werden hier gnadenlos aufgerissen und von Jossi Wieler als Regisseur auch schonungslos aufgezeigt. Das Stück springt zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her – Erinnerungen und Albträume inbegriffen. Unterschiedlichste Schichten werden wie in einer griechischen Tragödie freigelegt. Das kommt vor allem am Schluss drastisch zum Vorschein. Heinrich Bölls Roman „Billard um halb zehn“ lässt zunächst drei Generationen einer Familie von Architekten die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts Revue passieren. Die fröhliche Wirtschaftswunderstimmung soll die wüsten Spuren der Vergangenheit tilgen, aber die neue Gesellschaft ist wieder die alte.

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Andre Jung. Copyright: Thomas Aurin

Der erschütternde Dokumentarfilm „Pornographie und Holocaust“ von Ari Libsker lässt in Fritz Katers Stück Verleger, Autoren und Journalisten zu Wort kommen. Es handelt sich dabei um Holocaust-Pornografie von jüdischen Autoren für ein jüdisches Publikum. Sadistische Nazioffiziere gewinnen schließlich die Oberhand. Auch das Phänomen des Eichmann-Prozesses wird dabei facettenreich thematisiert. Manja Kuhl überzeugt als ausgeflippte Volljuristin Milena, die sich mit Andre Jung einen Schlagabtausch liefert. Auch der Film „Duell in den Wolken“ nach William Faulkner mit Rock Hudson spielt bei diesem vielschichtig inszenierten Theaterstück eine Rolle, dessen dicht gestaltete szenische Vorgänge nur selten Brüche aufweisen. Dafür wird auch von den weiteren Darstellern Lucie Emons (Julie) und Matti Krause (der junge Mann) eine konzentrierte Leistung geboten.

In Faulkners Roman erhält ein Reporter von einer Zeitung in New Orleans den Auftrag, über die Schauflüge anlässlich der Einweihung des Flughafens zu berichten. Faulkners Kriegsflieger gilt die Erde nichts mehr, sie leben ohne Zukunft und fürchten den Tod nicht. Und im Film „Beruf: Reporter“ zeigt Michelangelo Antonioni einen spannungsvollen Thriller, um in Rückblenden Themen wie Entwurzelung oder Flucht packend zu thematisieren. Im Dialog zwischen der unheimlichen Rachel und einem Polizeiinspektor tun sich seelische Abgründe auf, die das Publikum ratlos zurücklassen. Allerdings hätte man sich die kontrapunktischen Formen der „Kriegsfuge“musikalisch stellenweise noch drastischer und ergreifender gewünscht. Fritzi Haberlandt triumphiert jedoch in jedem Fall als durch den Zweiten Weltkrieg in beklemmender Weise traumatisierte Frau, die sich gottverlassen zwischen den Steinplatten hin- und herbewegt. Tränen der Wut und blinde Verzweiflung lassen den Zuschauer hier nicht mehr los. „Ich liebe Deutschland nicht, ich hasse Deutschland!“ lautet das Motto noch 1960 in Berlin-West. Die alten Nazis tauchen wie fahle Gespenster aus der Vergangenheit auf. Man erfährt etwa, dass der spätere Außenminister Joachim von Ribbentrop früher Johnnie-Walker-Vertreter von Berlin war. Zwischen Musik von Johann Sebastian Bach und unruhigen Rhythmen hört man schließlich, was „Fuge“ beziehungsweise „fugare“ eigentlich bedeutet: „Auf der Flucht sein…“ Womit deutlich aktuelle Bezüge hergestellt werden.

Das gesamte Ensemble wurde vom Publikum zuletzt frenetisch gefeiert. Das Stück von Fritz Kater (alias Armin Petras) stellt viele Fragen an die Zuschauer, die jeder für sich selbst beantworten kann.

Alexander Walther      

 

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