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STUTTGART/ Kammertheater: DIE MARQUISE VON O. und DRACHENBLUT – Vielfältige Verbindungslinien

14.05.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Theater

Schauspiel Stuttgart:Die Marquise von O.“ und „Drachenblut“ im Schauspiel Stuttgart – 13. 5. 2014

VIELFÄLTIGE VERBINDUNGSLINIEN

„Die Marquise von O.“ und „Drachenblut“ am 13. Mai im Kammertheater/STUTTGART

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Fritzi Haberlandt, Max Simonischek. Foto: Bettina Stöss

Überraschenderweise entdeckt man bei dieser Produktion von Heinrich von Kleists „Marquise von O.“ und Christoph Heins „Drachenblut“ in der Regie von Armin Petras (Bühne: Annette Riedel; Kostüme: Aino Laberenz) immer wieder Gemeinsamkeiten. Im Zentrum des Geschehens stehen zwei starke Frauen zwischen Selbstbehauptung und Selbstverleugnung, die sich manchmal auch selbst im Weg stehen und dennoch zum Ziel kommen. Eine Story mit Happy End also. Der Skandal in der Novelle über die Marquise von O. besteht darin, dass die junge Witwe Julietta von O. erklärt, dass sie ohne ihr Wissen in andere Umstände gekommen sei. Fritzi Haberlandt mimt diese zuweilen wie entrückt wirkende Frau mit starker Wandlungsfähigkeit und intensiver Spielfreude, die die verschiedensten Stimmungen virtuos einfängt. Eine große Hebebühne trägt das Geschehen auf einer betont schlicht gehaltenen Szenerie mit wechselnden Lichteffekten. Obwohl sie aus Rücksicht auf ihre Familie diesen Mann heiraten möchte, wird sie von dieser verstoßen. Und tatsächlich meldet sich der von Hans Löw robust verkörperte russische Offizier Graf F.  bei ihr, denn er hat sie während der Besatzungszeit vor dem sexuellen Übergriff durch seine Männer bewahrt. Allerdings verschweigt er damit seinen eigenen Übergriff. Julietta verzeiht ihm und heiratet den Grafen – und eine neue Familie entsteht. Die Konflikte innerhalb der Familien eskalieren zuvor, bevor sie sich in Luft auflösen und das Problem beigelegt ist. Maximilian Simonischek stellt recht glaubwürdig den empörten Vater Herrn von G. dar, von dem sich die Tochter lieber erschießen lassen möchte, als ihr Kind herzugeben. Und auch der von Cristin König facettenreich gespielten Mutter macht sie heftige Vorwürfe: „Hör auf, die Kupplerin zu spielen!“ Die psychologischen Verwicklungen und Verwechslungen kommen hier trotz mancher dramaturgischer Schwächen recht gut zur Geltung. Auch Katharina Knap gefällt als ihr Bruder Heinrich und Hebamme, die Figuren sind dabei jeder Situation gewachsen. Einmal kommt es zu wüsten Raufereien, ein anderes Mal singt das Ensemble ganz lyrisch „Am Brunnen vor dem Tore“ und weckt dabei nostalgische Erinnerungen. Das mystisch-entrückte Element kommt ebenfalls nicht zu kurz, die Marquise schwebt oft zwischen Himmel und Erde, wird aber aus ihren idyllischen Träumen dann unsanft herausgerissen. Das sind die stärksten Momente dieser Inszenierung von Armin Petras, die zuweilen auch satirische Passagen besitzt. Manchmal hätte man sich sogar noch eine intensivere Personenführung gewünscht. Historische Kostüme kollidieren hier mit dem modern-abstrakt wirkenden Bühnenbild und lösen damit durchaus visuelle Reize aus.

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Foto: Bettina Stöss

Und worin bestehen nun die Verbindungslinien zu Christoph Heins „Drachenblut“ in der Textbearbeitung von Armin Petras? Sie finden sich vor allem in der von Astrid Meyerfeldt hervorragend gespielten Ärztin, die wie die Marquise von O. in einer diffusen Traumwelt lebt. Die Ärztin Claudia existiert in der DDR scheinbar unverwundbar und macht als Single-Frau Karriere in ihrem Klinikjob. Das Scheitern ihrer ersten Ehe ist für sie Irrtum und emotionale Katastrophe zugleich. Diese Erkenntnis prägt auch ihre Männerbeziehungen – so etwa zu ihrem verstorbenen Freund Henry (beweglich: Maximilian Simonischek). Allerdings steht hier die Triebbefriedigung im Vordergrund – und auf der großen Hebebühne demonstriert Astrid Meyerfeldt als Ärztin, dass sie die Männer eigentlich nicht so richtig an sich heranlassen will. Es gibt dunkle Punkte in ihrer Vergangenheit, die sie allerdings wegwischt – diese betreffen vor allem die heftigen Auseinandersetzungen mit der Mutter, die sie als Konkurrenz sieht. Und so kann sie zuletzt von sich behaupten: „Mir geht es gut“. Aber das will man ihr weniger glauben als der vitaleren Marquise von O. Sprachlosigkeit und Liebesunfähigkeit sind in dem DDR-Stück wesentlich stärker ausgeprägt. Das machen die anderen Schauspieler Cristin König als Mutter/Professor, Hans Löw als Vater/Maler, Katharina Knap als senile Frau Rupprecht und Fritzi Haberlandt als Mädchen ebenfalls sehr gut deutlich. Es ist hier alles mehr Schein als Sein, die Menschen haben große Verlustängste. In den rasanten Tanzszenen versucht Astrid Meyerfeldt als Ärztin Claudia eindringlich, aus ihrem seelischen Gefängnis auszubrechen, was ihr jedoch nicht richtig gelingen will. Die Figuren kreisen um sich selbst – das verbindet die beiden Stücke sehr stark an diesem Abend. Sie können nicht ausbrechen. Es scheint fast so, als ob „das heftige Nervenfieber“ der Marquise von O. auch die Ärztin Claudia gepackt habe, die sich ihrer Sache erst gegen Ende wieder sicher ist. Unangenehme Situationen werden einfach überspielt, man übt sich im geselligen Konversationston oder beschwört emotionale Gewitter, die sich ständig steigern. Die vielen Abtreibungen überspielt die Ärztin Claudia mit verdeckter Hysterie, die aber nur gelegentlich zum Ausbruch kommt. Kleists ungestüm-forscher Schreibstil und sein stürmischer Charakter korrespondieren mit Christoph Heins Spiel mit der Mythologie und dem Einfügen der Worte in definierte Echoräume. Das Aufbegehren und Ausbrechen aus beklemmenden gesellschaftlichen Verhältnissen wird immer klarer und deutlicher: Die Figuren beginnen sich vehement zu wehren und versuchen ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Das ist die entscheidende Botschaft dieses Abends. Die poetischen Bilder ergänzen sich – vor allem auch dann, wo man glaubt, dass die kinderlose Ärztin auf die Marquise von O. wie mit geheimem Neid zu blicken scheint. Hier gewinnt der bestechende Blick in die Vergangenheit deutliche Konturen. Beide Frauen versuchen mit aller Macht ihre emotionalen Beschädigungen zu überwinden. Ob ihnen dies auf Dauer gelingt, bleibt dahingestellt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bilden tatsächlich eine Einheit. Und die Musik von Johannes Hofmann unterstreicht durchaus die seelischen Abgründe. Der Abend lebte vor allem von den starken schauspielerischen Leistungen, die zu Recht viel Beifall erhielten.

 Alexander Walther

 

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