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STUTTGART: KAMMERBALLETTE. Auf Spitze zwischen Minimalismus und Expressionismus

06.03.2016 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„KAMMERBALLETTE“ 11.3. 2016 (Premiere 4.3.2016) – Auf Spitze zwischen Minimalismus und Expressionismus

Eine Erstaufführung, eine Wiederaufnahme und eine Uraufführung – das neueste Ballett-Programm des Stuttgarter Balletts bringt im intimeren Ambiente des Schauspielhauses vieles hautnah ans Publikum, was im größeren Opernhaus verloren geht oder teilweise von der Sicht eingeschränkt ist. Ideal für Stücke, deren Atmosphären greifbar sein müssen, um ohne Verluste wirken zu können.

Belassen wir der hauseigenen Choreographin, der Halbsolistin Katarzyna Kozielska auch deshalb den Vortritt, weil sie die Novität des Abends beigesteuert hat. Die gerne andere Kunstformen in ihre Arbeiten mit einfließen lassende Polin hat die Erwartungen nach ihrer letzten so erfolgreichen Schöpfung „A Memory“ 2014 sehr hoch gesteckt und kann sie mit „NEURONS“ nur deshalb nicht ganz einlösen, weil die an sich phantastische Idee, gemessene menschliche Gehirnströme, also die alle Gedanken und Gefühle bestimmende Kommunikation zwischen Neuronen in unserem Gehirn, in Tanz umzusetzen, letztlich in ihrer Choreographie nicht ohne diese Vorinformation erkennbar ist, ja selbst so nur in einigen Ansätzen verständlich wird. Dazu gehört ohne Zweifel der Beginn, an dem auf der zunächst ganz dunkel gehaltenen Bühne eine wie in Trance auf Spitzen trippelnde und in einem trichterförmigen metallenen Kleid steckende Tänzerin auf Hüfthöhe von einem Lichtkreis umgeben ist, während über ihr ein Rad aus beleuchteten Speichen schwebt. Miriam Kacerova gelingt das an diesem (wie bei allen anderen Beteiligten) Debutabend ganz entspannt und auch im weiteren Verlauf in einem Solo mit leuchtkräftiger Eindringlichkeit. Die sich oft in kleinen Gruppen oder in Paaren wie in Wellen über die sich später aufhellende und von Nebelschwaden durchzogene Bühne bewegenden Figuren wandeln sich parallel zur anfangs mystisch verhaltenen Cello-Musik von Max Richter zu dynamisch gesteigerten, wie motorisch getriebenen Minimal-Music-Klängen von John Adams zu virtuoseren Spitzen-Formationen und Hebungen, deren klassische Linie etwas gekippt und ironisch aufgebrochen ist und bereits als spezielles Markenzeichen der Choreographin bezeichnet werden kann. In schnellen mit einem gewissen Witz aufgeladenen Sprung-Sequenzen machen Fabio Adorisio und der durch seine Quecksilbrigkeit erneut hervorstechende Adam Russell-Jones auf sich aufmerksam. Die mit silbernen, sich im Licht brechenden Applikationen im Brustbereich versehenen raffiniert geschnittenen anthrazit farbenen Kostüme von Thomas Lempertz greifen das Thema der Gehirnströme im von Blau- und Grautönen bestimmten Bühnenuniversum auf. Ein Sinn für Bühnenästhetik und die pfiffige Übersetzung klassischer Formen in lustvoll bewegten Tanz machen letztlich auch Kozielskas neues Werk zu einem lohnenden Hingucker.

Diesbezüglich herrscht auch bei Altmeister Hans van Manen großer Verlass auf bewährte Rezepte eines aufs Wesentliche beschränkten und konzentrierten Vokabulars. Gut zwanzig Jahre nach der Uraufführung beim Nederlands Dans Theater gelangte sein „KAMMERBALLETT“ nun auch in das immer wieder betonte größte außerhalb seiner Heimat existierende Repertoire seiner Werke beim Stuttgart Ballett. Noch reduzierter als sonst begegnen sich hier vier Männer und vier Frauen in einem großen runden Lichtkegel auf leerer Bühne, teils ganz auf sich selbst bezogen, teils Beziehungen zu Partnern aufbauend. Ihre mitgebrachten Hocker werden dabei immer wieder amüsant miteinbezogen, in dem sie sich darauf setzen, sie dem/der anderen hinten wegziehen oder ganz den Platz wechseln. Annäherungen oder bereits bestehende Verbindungen werden nur ganz leise in Ansätzen spürbar, überwiegend herrscht Distanz oder Coolness, aber nicht zu ernst, sondern in sanfter Ironie. Die durch die Farben gelb, orange, braun und schwarz individuell hervorgehobenen Trikots (lang und schulterfrei bei den Damen, Shorts und langarmig bei den Herren) unterstützen dieses Spiel symbolisch, dessen zwischenmenschliche Komponente hier etwas verhaltener als bei anderen Stücken des Choreographen zum Tragen kommt. Vielleicht braucht aber auch die in dieser Vorstellung zum ersten Mal angetretene Alternativ-Besetzung noch weitere Gelegenheiten, das unterschwellig Vorhandene spürbarer zu machen. Bei Elisa Badenes und Robert Robinson als erfahreneren Solisten funktionierte das bereits mehr als bei den meisten anderen, die sich vorläufig noch auf die unbedingt notwendige im Takt präzise Übereinstimmung mit den Klavier-Kompositionen von Kaja Karajew, Domenico Scarlatti und John Cage konzentrierten.

Ebenfalls beim Nederlands Dans Theater (1969) aus der Taufe gehoben und einige Jahre später ins Stuttgarter Repertoire übernommen wurde „ARENA“ von Glen Tetley, dessen ins klassische Gefüge wie ein Schlag hinein fahrende Modern Dance-Elemente damals einer Revolution geglichen haben müssen und selbst heute noch – zumindest bei dieser extremen Kreation – zwischen Verstörung und Faszination hin- und herbeuteln. In einem von nicht ganz bis zum Boden reichenden roten Wandsegmenten eingeschlossenen Raum, an dessen vorderen Enden ein sich drehender Ventilator sowie ein fließendes Waschbecken befinden, messen sich 6 Jungs an ihrer Potenz. Entweder sie kreisen um ihre eigene Stärke oder versuchen ihre Macht gegenüber den anderen durchzusetzen. Dabei kommt es zu konditionellen Höchstleistungen, wenn einer dem anderen eine gefühlte Ewigkeit kopfüber die Schulter hängt, immer wieder schnell zwischen grätschendem Zubodengehen und attackierendem Ausfahren der Arme gewechselt wird oder der anfangs auf einem Stapel Stühle thronende Anführer dieser „Gladiatoren“ diese schließlich in einem Anfall auseinanderzieht und wild durch die Gegend wirft. Die elektronisch wimmernde, stöhnende und ächzende Klangkulisse von Morton Subotnick unterstützt diese Extreme wie die Schreie eines Bullen. Ein großes Kompliment vor allem für den Halbsolisten Louis Stiens, der sich in der dominierenden Rolle beängstigend verausgabt, aber auch Robert Robinson als kampfbereitem Partner und Pablo von Sternenfels als wirbelwindartig den Raum durchmessendem Einzelgänger. Auch die anderen drei Jungs (Özkan Ayik, Alexander Mc Gowan und Noan Alves de Souza) halten dieses Kräftemessen unter Dauerspannung.

Die Publikumsbegeisterung war ihnen somit alle gesichert.

                                                                                                                      Udo Klebes

 

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