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STUTTGART: JUNGE CHOREOGRAPHEN – Von den kleinen Dingen bis zur Göttlichkeit

19.01.2013 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett: „JUNGE CHOREOGRAPHEN“ 18.1.2013 – Von den kleinen Dingen bis zur Göttlichkeit


Göttlich getanzter Vivaldi – ganz besonders von Myriam Simon und Constantine Allen. Copyright: Stuttgarter Ballett

Es ist jedes Jahr aufs Neue erstaunlich, was junge TänzerInnen – ungeachtet des Ergebnisses – im Zusammenspiel von Tanz, Musik, Kostümen und Licht bei ihren teilweise ersten choreographischen Versuchen auf der Bühne zuwege bringen. Und dabei vor allem Eleven und Corps-Tänzern ein Podium verschaffen, solistisch bzw. mehr als sonst im Mittelpunkt einer Aufführung zu stehen. Bereits hier, bei diesem nun schon seit 1958 von der Noverre-Gesellschaft veranstalteten und Modell für zahlreiche Nachahmer in anderen Städten bildenden Treffpunkt wurden so manche späteren choreographischen Größen und schon einige künftige (Erste) Solisten gewittert. So auch diesmal, doch zuerst zu den Kreationen selbst, die die Hauptrolle an diesen Abenden spielen.

Die Bandbreite von spracherweitertem Tanztheater über schräg Humorvolles bis zu flairvoller Neo-Klassik machte auch im 56. Jahr dieser Reihe die gute Mischung aus, die die Tanzliebhaber von Jahr zu Jahr wieder neugierig zu diesen Vorstellungen treibt.

Wo beginnen? Beim ersten Stück der Programm-Abfolge, beim stärksten oder beim schwächsten Eindruck? Lassen wir mal den drei Gästen unter den insgesamt zehn Tanzschöpfern den Vortritt, zumal mit „HIRAETH“ der südafrikanisch-niederländischen Tänzerin Wubkje Kuindersma der Abend startete. Zu einem musikalisch-akustischen Mix aus Stimmengewirr und Gegenüberstellungen von E- und U-Musik spürt die bereits teilweise als Choreographin arbeitende Tänzerin in einem von vielen Gesten unterstrichenen Schritt-Vokabular der Sehnsucht nach und dem Leid über verloren gegangene Orte und Personen nach, und zwar so als könnten sie die wie als Fühler und Taster verzweifelt eingesetzten Arme wieder für Momente zurückholen. Der zunächst irritierend gebrochen wirkende Ablauf gewinnt zunehmend an Ausdrucksdichte und findet unter den fünf Solisten zu besonders berührenden Momenten, wenn Elisa Badenes durch ihre filigrane Körperkunst auch Schwermütiges ganz leicht wirken lässt oder Mariya Batman und Louis Stiens in einem Pas de deux versuchen eine Beziehung wieder aufleben zu lassen.

Dénes Darab vom Slowenischen Nationalballett in Maribor hat sich mit „D-113“ seinen Erstling auf den eigenen Leib geschneidert. Zu typisch in sich kreisender Minimal-Music von Michael Nyman veranschaulicht er in diesem Solo den Sog und die vorantreibende Kraft eines Schnellzugs, gebündelt in einem Lichtkreis mit entsprechend körpernah geführten Bewegungen, deren Geschlossenheit und Geschmeidigkeit den bereits erfahrenen Tänzer verraten. Ebenfalls ein Solo kreierte die in ihrer Heimat Ligurien bedeutende und vielseitige Tanz-Künstlerin Lucia Boschi für einen Landsmann, den Corps-Tänzer Edoardo Boriani. Viel verwendet und doch immer wieder in einen anderen Zusammenhang gestellt erweist sich ein Teil aus Bachs Cellosolo-Suiten als animierende Basis für choreographische Darstellung. In der Tat wie ein „PENSIERO“ (= Gedanke) erobert sich das Stück für wenige Minuten den Raum und schwebt auch dank der musikalischen Umsetzung schnell dahin.

Bleiben wir bei Italien: Fabio Adorisio, der im Sommer seinen Abschluss an der Cranko-Schule machen wird, bringt in „MORTAL SOSPIRO“ (= tödlicher Seufzer) zwei Mitschüler, den viel Charisma aufweisenden Davit Khumaryan und die daneben etwas distanziert wirkende Mariana Layun vor filmischem Breitwand-Sound zu etwas sentimental angehauchter Entfaltung, wobei der Titel-Bezug im Ungefähren bleibt. Für (die zweite Arbeit) eines Schüler dennoch zweifellos eine respektable Leistung.

Neu im Boot der Choreographie bewegten sich sowohl Corps-Tänzer Özkan Ayik mit einem auch musikalisch auf der Strecke bleibenden Duo namens „DOWN DOWN“, dessen passend zum Boden hin ausgerichtete Bewegungssprache von Rocio Aleman und Clemens Fröhlich nicht immer ganz synchron und dennoch ansprechend umgesetzt wurde, und der umschwärmte Solist Daniel Camargo, dessen ebenfalls eher bodenlastiges Männer-Duo „DO OUTRO LADO“ (= auf der anderen Seite) trotz teilweise beeindruckender Optik vor der Schneise eines frontal trennenden Scheinwerfers und von Nicholas Jones und Robert Robinson locker gespannt realisiert eher ein Beispiel dafür ist, dass ein exzeptioneller Tänzer nicht unbedingt auch eine ausgesprochene Begabung für Tanzkreation haben muss.

Halbsolist Brent Parolin kehrte wieder – nun mit einem Sextett namens „3 GRAD“, dessen Titel sich nicht ganz erschließt, auch wenn die drei Paare in ihren verschiedenen Rotton-Trikots in neoklassischer, phasenweise origineller Manier zu kammermusikalischen Streicher-Klängen von Alberto Iglesias durchaus Eindruck machen.

MANOMANCA“ ist bereits die vierte Arbeit des Halbsolisten David Moore. Für diesen Pas de deux eines Paares, das die anziehenden und abweisenden Gefühle seiner Beziehung so argumentiert, als wären ihm die Hände gebunden und dadurch manchmal unfreiwillig komisch wirkt, hat er sich gar die Erste Solistin Alicia Amatriain als Partnerin geholt, die neben seiner etwas blassen Persönlichkeit leicht die Oberhand gewinnt.

Bewusst als Höhepunkte des Abends für den Abschluss dieses Resumées aufgehoben:

Nach seinem enthusiastisch gefeierten Einstands-Pas de deux im letzten Jahr lastete eine große Erwartung auf Halbsolist Roman Novitzky. Es spricht für den Slowaken, dass er nicht auf der gleichen neoklassischen Linie weiter ging, sondern nun die Richtung zum kabarettistischen Tanz eingeschlagen hat. In „ARE YOU AS BIG AS ME?“ greift er u.a. den gleichnamigen Song von Hazmat Modine auf und lässt drei seiner Kollegen die anregenden Rhythmen wie in einem unablässigen Laufband köstlich komisch kommentierend aufgreifen, wobei sich neben Matteo Crockard Villa und Alexander McGowan ganz besonders Jesse Fraser als bestechend trockenes Talent für satirisch unterlegten Spaß hervortut.

Mit dieser originellen Note konnte es auf ganz andere Art nur noch Halbsolistin Katarzyna Kozielska aufnehmen. Die Polin bewegt sich auf ihrem zweiten Standbein mittlerweile so sicher wie ein alter Hase und befruchtet die Kombination von Tanz und Musik mit einer reichhaltigen, aber nie überbordenden Phantasie. Bei ihr wird meist klassische Musik, so auch in „SYMPH“, einer erfrischenden Kur unterzogen, mit so viel Feinsinn kippt sie deren (Spitzen)-Strukturen immer wieder, ohne ihren Takt und vor allem auch ihre Größe zu zerstören. Von den vier abwechselnd, aber auch parallel eingesetzten Paaren (zwei in blauen, eines in violetten und eines in dunkelbraunen Trikots) sorgte letzteres für den absoluten Höhepunkt, wenn der mit strahlender Physis und klarer Attitude auffallende Constantine Allen die wieder einmal mit inniger Anmut und lyrischer Leuchtkraft glänzende Erste Solistin Myriam Simon um die Schultern legt und sie für einige Sekunden wie eine Göttin auf einem Arm über sich erhebt. Vivaldis warm strömende Musik umhüllte dieses eindrucksvolle Bild so perfekt, als wäre sie genau dafür geschrieben worden. Bei Beethovens viel strapaziertem Kopfsatz seiner Fünften Symphonie bleibt es dabei eher eine Frage des Geschmacks, inwieweit sich dieses Schicksalsstück für ironische Brechungen eignet. So gekonnt, fein pointiert und musikalisch genau wie es hier (mit besonderer Akkuratesse herausragend Pablo von Sternenfels) geschah, müssten alle Einwände verstummen. Verdienter Jubel, in den beim finalen Aufmarsch aller beteiligten Choreographen noch einmal alle abgestuft einbezogen wurden. Auf ein Neues in 2014!

 Udo Klebes

 

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