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STUTTGART: JENUFA – Bilder, die unter die Haut gehen. Wiederaufnahme

10.01.2016 | Allgemein, Oper

 STUTTGART/Staatsoper: Leos Janaceks „JENUFA“ als Wiederaufnahme in der Staatsoper am 9. Januar 2016

BILDER, DIE UNTER DIE HAUT GEHEN
Jenufa WA_2014-15(c)A.T. Schaefer_1.2.15 55
Rebecca von Lipinski, Angela Denoke, Pavel Cernoch. Copyright: A.T.Schaefer
Die Brünner Fassung der Oper „Jenufa“ von Leos Janacek gilt als schroffer und kontrastreicher wie die andere Fassung. Zwischen „Tosca“ von Puccini, „Pelleas et Melisande“ von Debussy und „Salome“ von Richard Strauss bildet dieses Werk aus dem Jahre 1904 einen Meilenstein, der weit in die Zukunft des 20. Jahrhunderts weist. Maria Jeritza in der Titelrolle machte das Werk dann weltberühmt.

Der Regisseur Calixto Bieito hat in seiner Inszenierung diese aktuellen Bezüge grell herausgearbeitet. Es ist das Tschechien von heute. Der große szenische Wurf beginnt in einer ärmlichen Fabrik in Osteuropa, wo Menschen wie konsterniert Altkleider durch die Gegend schleppen. Kids nehmen Drogen. Der „Modernitätsschub“ schreitet unaufhaltsam vorwärts, lässt den Zuschauer nicht zur Ruhe kommen. Die Müllberge werden von den Arbeitern mit Fußtritten traktiert. Im dritten Akt füllt sich dann der leere Fabrikraum mit Nähmaschinen und grellem Licht. Die Grafitti-Zeichnungen an den Wänden verschwinden.

Trotz kleiner szenischer Schwächen gelingt es Calixto Beieito bei seiner Inszenierung immer wieder, den dramaturgischen Bogen bis zum Zerreissen anzuspannen. Es wird sofort klar, wie stark Jenufa Steva liebt, von dem sie ein uneheliches Kind erwartet. Stevas Halbbruder Laca liebt Jenufa ebenfalls und entstellt sie aus Eifersucht. Und auch die Küsterin liebt ihre Stieftochter Jenufa so sehr, dass sie deren neugeborenes Kind tötet. Schließlich behauptet sie, das Kind sei an einer Krankheit gestorben. Die Wahrheit kommt jedoch ans Licht, die Küsterin gesteht den Mord vor versammelter Menge, Laca und Jenufa blicken ihrer ungewissen Zukunft entgegen.

Gut arbeitet Bieito (Bühne und Kostüme: nach Entwürfen von Gideon Davey; Bühnenbild: Susanne Gschwender) die starke Zuneigung Stevas zur Küsterin heraus. Bei Bieito sind eindeutig die Männer die Verursacher der Probleme (Dramaturgie: Xavier Zuber). Die Väter sind tot – und es gibt hier eigentlich keine männlichen Bezugspersonen für Steva und Laca. Auch deswegen eskaliert die Situation so unaufhaltsam. Der stärkste Moment ist zweifellos jene Szene, wo die Küsterin Alpträume wegen des im heulenden Wind weinenden und schreienden toten Kindes bekommt. Diese Passage besitzt absolut etwas Gespenstisches. Auch die sozialen Probleme werden krass angesprochen. Die Buryas führen einen Betrieb, der kurz vor dem Zusammenbruch steht. Die Familie des Richters übernimmt schließlich den Betrieb. Die Schwäche der einen führt zur Tatkraft der stärkeren Familie.

Dies wird bei der Aufführung spannungsvoll gelöst. Stark sind ebenso die großen Momente des Leidens in den gewaltigen Monologen von Jenufa und der Küsterin im zweiten Akt. Der Aufschrei der Küsterin, als Jenufa ihr den Kindesmord verzeiht, beweist die gesangliche und darstellerische Präsenz der Sopranistin Angela Denoke, die der Figur eine voluminöse Strahlkraft und einen strömenden stimmlichen Fluss verleiht. Sprachrhythmus und Wortseele finden bei dieser hervorragenden Interpretation ganz zusammen. Rebecca von Lipinski vermag die ungeheure Aufwallung der Gefühle bei ihrer glänzenden Darstellung als Stieftochter Jenufa sehr gut herauszuarbeiten. Jenufas kleinmotivische Deklamation ergänzt die einzelnen Teile zu einem imponierenden Mosaik, das Sylvain Cambreling als einfühlsamer Dirigent mit dem Staatsorchester Stuttgart voll glühender Energie zusammenhält. Der gesteigerte Empfindungsausdruck triumphiert auch bei den beiden ausgezeichneten Tenören Pavel Cernoch als Laca und Gergely Nemeti als Steva Burya, deren Wiedergabe zudem an Mussorgskys Naturalismus denken lässt. Obsessive Ostinati erinnern zuweilen sogar an die Minimal Music.

Wie sehr das slawische Herz bei Janacek schlägt, vermag Sylvain Cambreling mit dem Staatsorchester und dem von Christoph Heil wieder einmal exzellent einstudierten Staatsopernchor fabelhaft zu verdeutlichen. Das Pochen des Xylophons mit dem Übergang zu drohenden Paukenschlägen gelingt dem Staatsorchester ebenfalls in bemerkenswerter Weise. Janaceks Bearbeitung des Schauspiels „Ihre Ziehtochter“ von Gabriela Preissova lässt auch dem Operntext viel Freiraum. Echte Volksmusik blitzt hier jedenfalls beim Auftritt der Rekruten im ersten Akt und dem sphärenhaften Mädchenchor im dritten Akt auf. Die Ausweitung von Melodik und Harmonik lässt der Folklore genügend Raum, was die anderen Sängerinnen und Sänger mit charakteristischen Finessen aufgreifen. Renate Behle vermag der alten Buryja reife Tiefe des Ausdrucks zu verleihen, Mark Munkittrick ist ein sonorer Alter. Scharfes und schauspielerisch reizvolles Profil gewinnen Michael Ebbecke als recht übermütiger Richter sowie Maria Theresa Ullrich als seine Frau, die er ziemlich unwirsch zum Tanz auffordert. Da zeigt Calixto Bieito viel Sinn für psychologische Detailarbeit. Lauryna Bendziunaite überzeugt ferner als leidenschaftliche Tochter Karolka.

Idunnu Münch (Schäferin), Esther Dierkes (Barena), Yuko Kakuta (Schäferjunge Jano), Karin Horvat und William David Halbert (1. und 2. Stimme der Tante) sowie Bertram Schwarz als versierter Solotrompeter ergänzen das Ensemble in vorzüglicher Weise. Einzelne Motive stechen dank der präzisen Orchesterleitung Cambrelings überdeutlich hervor – so etwa die „Säuglingsmusik“ aus dem Dialog zwischen Jenufa und der Küsterin am Anfang des zweiten Aktes. Auch die schlängelnde Melodie am Ende von Jenufas Eröffnungs-Monolog bleibt stark im Gedächtnis. Das Schwergewicht auf hohe Stimmen strahlt bei dieser Wiedergabe deutlich hervor, sie werden allerdings immer wieder sanft und geschmeidig in den Orchesterteppich eingebettet. Klar wird außerdem, wie stark Janaceks Musik die einzelnen Charaktere umformt und verwandelt. Selbst die punktierte Figur bei Lacas Ankunft kommt so nicht zu kurz, sie beschreibt treffend seine innere Unruhe. Cambreling und Bieito finden bei dieser Szene ganz zusammen. Beim Aufschrei der Küsterin „Laca, wirklich und wahrhaftig“ wirbeln die unbegleiteten Geigen forsch empor. Tonartenwechsel wie die C-Dur-Passage gegen Ende der Oper betont Sylvain Cambreling mit dem Staatsorchester höchst geschickt. Das zeigt sich auch beim Orgelpunkt auf C, der sich genauso erschöpft wie Jenufas Widerstand und einen Ganzton zum B herabsinkt.

Alles in allem ist Calixto Bieito also eine packende Inszenierung geglückt, die nur bei kleinen „Mätzchen“ wie etwa dem aus dem Kühlschrank hervorgeholten Bären manche Frage offen lässt (Kostüme: Ingo Krügler; Mitarbeit Regie: Lydia Steier; Licht: Reinhard Traub). Für alle Mitwirkenden gab es Ovationen und begeisterten Schlussapplaus.

 
Alexander Walther

 

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