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STUTTGART: IPHIGÉNIE EN AULIDE – Albernheit contra Strenge

24.11.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Stuttgart: „IPHIGENIE EN AULIDE“ 23.11.2012 (Premiere 1.11.) – Albernheit contra Strenge


Verkündung des göttlichen Willens: Ronan Collett (Kalchas), Hadar Halévy (Klytämnestra), Mandy Fredrich (Iphigenie) mit Staatsopernchor. Copyright: A.T.Schaefer

Unter den Reformopern Christoph Willibald Glucks hat dieses 1774 in Paris uraufgeführte Werk bis heute einen nicht nachvollziehbaren schweren Stand. Dabei bildet der darin geschilderte Abschnitt aus der Familiengeschichte der Atriden einen wichtigen Ausgangspunkt, um z.B. den durch „Elektra“ wesentlich bekannteren Konflikt der Ermordung Agamemnons und seiner Folgen besser zu verstehen. Hier jedenfalls geht es um dessen Verfehlungen, der ihm darob auferlegten göttlichen Strafe durch Behinderung der Flotten zur kriegerischen Rache an Troja, deren Erlass nur durch die Opferung seiner Tochter Iphigenie erfolgen könnte. Zunächst vermag er dies vor der Familie geheim zu halten, doch mitten in die Hochzeitsvorbereitungen von Iphigenie und Achilles platz die Nachricht, dass der Gang zum Altar keine Trauung, sondern ihren Tod bedeutet. Der ohnehin schon zwischen Macht-Ego und Vaterliebe zerriebene Agamemon, das Klagen und Aufbegehren seiner Gattin Klytämnestra und nicht zuletzt die alle Gattenliebe überwindende Opferbereitschaft Iphigeniens versöhnen die Gottheit. Die Tochter bleibt am Leben, der Sturm gegen Troja kann beginnen. Doch der plötzliche Sinneswandel lähmt die Beteiligten mehr als dass sie in Freude auszubrechen vermögen. Iphigenie und Achilles beginnen denn in ihr (Ehe-)Glück zu tanzen, während ihre Eltern von den Ereignissen und der damit verbundenen Seelenmarter noch so gelähmt sind, dass sie dem Beispiel der Kinder nur zögerlich folgen (eine der sinnfälligen Ideen von Hausregisseurin Andrea Moses). Auf den eigentlichen Jubel-Finalchor folgt denn noch der von Oberpriester Kalchas angeführte, den Zug in den Krieg anstimmende Schlussgesang, dessen Rhythmus von unablässig bedrohlich harten Paukenschlägen markiert ist. Neue Querelen sind da, wie wir es aus der Geschichte vielfach kennen, bereits vorprogrammiert. Kalchas ist es auch, der zuvor den göttlichen Willen verkündet hat, so wie es Gluck in der Originalversion des auf der Tragödie Racines fußenden Librettos von Le Roullet vorgesehen hatte. Doch die damalige Zeit war für seine nicht nur musikalischen Aufklärungsgedanken noch nicht so weit und bereit diese anzunehmen, weshalb er in späteren Aufführungen die Göttin Artemis selbst in Erscheinung treten ließ. Diese Form blieb selbst noch in der bedeutenden Wiederaufführung nach dem Zweiten Weltkrieg unter Karl Böhm bei den Salzburger Festspielen erhalten. Heute durchschauen wir jedoch diese Erpressung durch die oberste Instanz als machtpolitisches Kalkül, deren Vertreter Kalchas ist. Ronan Collett, jüngst aus dem Opernstudio ins Ensemble übernommen, stattet ihn mit entsprechend expressivem Nachdruck und einem bassbaritonalen Fundament aus, das sowohl in der Tiefe als auch der Höhe über hinreichend Spielraum verfügt.

Die Regie siedelt das Stück in einer nichtssagenden Zeit an, wo nur die stilisierten gerafften Gewänder der Sklavinnen und lange Hosenüberwürfe bei den Männern an die griechische Mythologie erinnern. Agamemnons Machtzentrale, ein massiver Tisch mit Schachspiel und Bürosesseln steht ganz vorn an der Rampe des Einheitsbühnenraumes, einer großen unfertig wirkenden Fabrikhalle mit Galerie. (Bühnenbild und Kostüme: Christian Wiehle). Im ersten Teil hebt sich in der Mitte aus dem mit Sand aufgehäuften Boden der Umriss eines Schiffes mit weißen Liegestühlen, auf denen das zur Rache bereite Volk der Griechen auf die Fahrt begünstigenden Winde wartet. Diese Anspielung auf eine Kreuzfahrt, die alles andere als Abenteuer und Erholung bietet, gehört ebenfalls zu den stimmigen Einfällen der Regie. Solange die Lage ernst ist, bleibt diese auch seitens der Personenführung im etwas strengen klassizistischen Rahmen, der zu der an der französischen Tragédie lyrique orientierten Musik paßt. Der Altar ist gar eine richtige Guillotine, in die Iphigenie ihren Kopf legt. Was um aller Welt die Regisseurin dazu verleitet, die Vorfeier der Hochzeit, bei der der klangliche Gestus keineswegs aufgeweicht wird, als Comedy zu verblödeln, weiß wohl nur sie selbst. Da wird herumgetänzelt, geneckt und überkandidelt agiert, dass der Eindruck einer billigen Parodie entsteht. Darunter leiden auch die charaktervollen Tänze, die Gluck in die Partitur mit eingegliedert hat. Wo heute Ballett in Opern meist gestrichen wird, wäre es auch hier besser gewesen, darauf zu verzichten als sie mit billigem Füllsel zu konterkarieren. Zumal Dirigent Christoph Poppen speziell auch diese Phasen mit der gebotenen Feierlichkeit der Partitur spielen lässt und das Staatsorchester Stuttgart der manchmal etwas starren musikalischen Anlage zwischen Rezitativ und melodischen Nummern mit lockerem und dennoch nie aufweichendem Tonfall begegnet. Intime Momente wie die von der Oboe getragene Klage der Klytämnestra oder die von Hörnern und Trompeten umrankten festlichen Abschnitte seien hier als wirkungsvolle Kontrast-Elemente hervorgehoben. Das gelegentliche Hinwegeilen über einige Rubati wie in der Ouvertüre mit ihrem markanten Hauptthema verflacht einerseits diese Stellen, entspricht andererseits wohl unserer pathosfernen Auffassung. Diesem Stil steht die Mezzosopranistin Hadar Halévy mit einem etwas fetten, im Forte vibratoreichen Vortrag am nächsten. Bezwingend klar intonierte und von natürlicher Emotion getragene Passagen im unteren dynamischen Bereich sorgen für einen Ausgleich zu diesem heute schon etwas gewöhnungsbedürftigen Stimmklang. Als Klytämnestra verkörpert sie mit ihrer Größe den passend hoheitlichen Stolz als auch die tiefe Aufrichtigkeit ihrer Mutterrolle.

Ideal ausgesucht ist Mandy Fredrich als Iphigenie. Die im vergangenen Sommer als Königin der Nacht bei den Salzburger Festspielen international bekannt gewordene Sopranistin wurde mit ihren blonden Haaren zwar etwas übertrieben auf ein naives Girl getrimmt, spielte dieses jedoch überzeugend leichtfertig und im Zuge ihrer Opferbereitschaft mit gebotenem Ernst. Vokal gesehen ist sie mit ihrem flexibel ansprechenden, lyrisch farbenreichen und bemerkenswert sanft ein- und ausschwingenden hellen Sopran, der auch über einen ordentlichen Unterbau verfügt, zumal im Hinblick auf die feine Behandlung des französischen Textes, erste Wahl. Das gilt genauso für den ungarischen Tenor Gergely Németi, der mit der Beginn der Spielzeit von der Wiener Staatsoper gewechselt hat, und aufgrund Erkrankung kurz vor der Premiere nun erst in der fünften Vorstellung sein Debut als Achilles geben konnte. Der leicht stämmige, sich trotz der auferlegten Überzeichnung als spielalberner Bräutigam unverkrampft bewegende Künstler ist mit attraktivem Timbre, an Mozart geschulter geschmeidig kultivierter Stimmführung und sich bruchlos und mit Lust in klare, bereits eine heldischere Zukunft hörbar machenden Höhen aufschwingt, sowie exzellentem französischem Sprachgefühl ein wertvoller Zugewinn für das Stuttgarter Ensemble.

Der Japaner Shigeo Ishino tut sich mit letzterem Attribut als Agamemnon etwas schwerer, beeindruckt aber dennoch in der Bandbreite von fast gehauchten Passagen bis hin zu beinahe explosiver Wucht, in der der Bariton seine Rundung verliert und zum Spröden neigt. Mehr noch als der Sänger fesselt hier das schauspielerische Format, mit dem er den in sich zerrissenen König auf die Bühne stellt. Kai Preußker gibt dem königstreuen Arkas in mitfühlender Weise mehr darstellerisches Gewicht als mit seinem noch im Aufbau befindlichen Bariton, dem ein weiteres Jahr im Opernstudio ganz gut tun würde. Neu in diesem ist der Amerikaner Adam Cioffari, der der kleinen Partie des Patroklos sympathische Züge gibt und einen vielversprechenden Bassbariton hören lässt.

Der Staatsopernchor in der Einstudierung von Christoph Heil bewegt sich auf dem von ihm gewohnten Niveau eines Ensembles, das parallel zu einer transparent klangsatten vokalen Leistung in einem hohen Maße zur schauspielerischen Verdichtung des Geschehens beiträgt.

Einzelne Ovationen und insgesamt wohlwollende Zustimmung für ein zu Unrecht verkanntes Werk.

 Udo Klebes

 

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