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STUTTGART/ GISELLE – Zwei Mal wertvoller Zuwachs

Stuttgarter Ballett: „GISELLE“ 19.+20.4. – Zwei Mal wertvoller Zuwachs

giselle Badenes, Jones 2014_15
Mustergültiges neues Paar: Elisa Badenes (Giselle) und Alexander Jones (Albrecht). Copyright: Stuttgarter Ballett

 Vor kurzem noch hat sie bereits den Bauern-Pas de deux durch ihre Spitzenkunst veredelt, jetzt schlüpfte die kleine Spanierin Elisa Badenes auch in die Titelrollen-Gestalt und setzte darin – das darf ohne Übertreibung gesagt werden – für den ganz klassischen Kodex im Rahmen des Stuttgarter Balletts einen neuen Standard, der mit der internationalen Elite in diesem Fach bestehen kann. Generell liegt die große Kunst im besonderen des klassisch-romantischen Tanzes in ihrem Anspruch völlig leicht und ohne Anstrengung zu wirken und bei den Handlungsballetten gleichzeitig die Natürlichkeit des Ausdrucks zu wahren. Genau das erfüllt die jüngste Erste Solistin der Compagnie in einer höchst bewundernswerten Form. Sie beweist auch, dass nicht unbedingt ideale Körpermaße wie lange Beine und Arme dafür erforderlich sind.  Wie eine Eins durchsteht sie alle Arten von Balancen, ob in beschleunigtem Tempo auf einem Bein über die Diagonale im ersten oder bei den vielen langsamen, verzögerten Arabesquen im zweiten Akt. So erfrischend aufgeweckt, anfangs schüchtern anmutig sie im Leben dem incognito werbenden Albrecht gegenübertritt, so ganz ins Jenseitige gerückt ist ihr Wesen im Reich der Wilis, als ob ihr Flügel gewachsen und sich ihre körperliche Hülle verflüchtigt hätte. Keine Trauerweide, sondern ein leuchtendes Irrlicht. Herz und Seele schwingen bei ihr in einmütigem Konsens mit der so eingängigen und doch nicht oberflächlichen Musik Adolphe Adams durch den ganzen Körper. Ein Rollenportrait zum Niederknien.

Giselle Kacerova 2014_15
Rundum erfreuliches Debüt: Miriam Kacerova als „Giselle“. Foto: Ulrich Beuttenmüller

Für Miriam Kacerova war es also gewiss doppelt schwer, am Abend danach ihr Rollendebut zu geben. Umsomehr überraschte und erfreute, wie selbstsicher sich die Solistin von Beginn an mit den Herausforderungen zurecht fand, ihrem Tanz eine durchgängig weiche Linie und klar formulierte Phrasierungen in den verschiedensten Positionen gab. Und ebenfalls gleichzeitig ohne mimische Aufgesetztheiten, zumal in der Wahnsinnsszene, aber auch im Flehen um Gnade vor der Geisterkönigin Myrtha, auszukommen. Nicht ganz so mitreißend bravourös, nicht ganz so entrückt wie ihre jüngere Kollegin, aber dennoch von einer rundum geschlossenen und überzeugenden Interpretation. Zusätzlich stand sie vor der Herausforderung mit einem kurzfristig neuen Partner als Albrecht auszukommen, und zeigte sich auch diesbezüglich unbeirrt und von einer bemerkenswerten Geistesgegenwart.

Jener Albrecht, der bereits als offizielle Besetzung am Vorabend aufgetreten war, Alexander Jones (jüngst im Portrait im März 2014 vorgestellt) bewies in seiner neuen Rolle neben viel partnerschaftlichem Geschick wiederum weiter gewachsene technische Fertigkeiten wie z.B. die in einem hinreißenden Crescendo gesteigerte Kette von aus dem Stand heraus mit wechselnden Beinen weich abgefederten Sprüngen. Und ein so standesbewusster und dennoch liebevoller wie im Ringen um Giselles Rückgewinnung tief leidender Albrecht war hier schon lange nicht mehr zu sehen. Die hinzugewonnene Männlichkeit in Verbindung mit dieser Gefühlstiefe ließ das traurige Ende des allein Zurückbleibenden zur paradiesisch verklärten Musik ohne Sentimentalität als zum Heulen schön erleben.

Als Gegenspieler Hilarion fiel Roland Havlica mit unauffälliger Präsenz und etwas müde wirkendem Kampfgeist unter den Wilis weniger auf als der wieder Charisma und tänzerische Emphase zeigende Jesse Fraser.

Als neue Myrtha regierte Ami Morita die Wilis in legitimer Strenge und klar gezogenen Bahnen. Als neue würdige Solo-Wilis waren Daniela Lanzetti und Elizabeth Wisenberg zu sehen. Letzterer oblag auch in beiden Vorstellungen der Bauern-Pas de deux, und sie erfüllte ungeachtet der nicht ganz optimalen Harmonie mit ihrem Partner die virtuosen Kniffe dieser Einlage mit gebührend zündender Vitalität. Die männliche Hälfte Robert Robinson konnte die etwas steife und nicht immer flexible Form trotz gesteigerter Leistung noch nicht ganz abschütteln.

Magdalena Dziegielewska hatte als Batilde einen wohl differenzierten, aber nicht ganz so herrschaftlich imponierenden Auftritt wie wir es von Sonia Santiago kennen, die diesmal in der Rolle von Giselles Mutter um Güte bemüht war, ohne ihren sonstigen Adel ganz ablegen zu können.

Wolfgang Heinz steuerte mit dem Staatsorchester Stuttgart sowohl Spritzigkeit, Innigkeit wie auch hinreichend entwickelte Dramatik an den Höhepunkten bei und wurde in die Ovationen für die beiden Hauptpaare mit einbezogen.                                      

  Udo Klebes

 

 

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