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STUTTGART: FIDELIO – zwischen Pflicht und Emotion. Premiere

26.10.2015 | Allgemein, Oper

STUTTGART: Premiere „Fidelio“ in der Staatsoper Stuttgart am 25. Oktober 2015

ZWISCHEN PFLICHT UND EMOTION
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Rebecca von Lipinski, Josefin Feiler, Roland Bracht. Foto: A.T. Schaefer
„Meine Pflicht hab ich getan“ steht auf dem Bühnenvorhang der Neuinszenierung von Ludwig van Beethovens Oper „Fidelio“ von Jossi Wieler und Sergio Morabito. Aufs Korn genommen wird hier ein gnadenloser Überwachungsstaat, in dem Menschen willkürlich abgehört werden. Unzählige Mikrofone sind deswegen auf der Bühne zu sehen, der weiß getünchte Bühnenhintergrund lässt eine einfallsreiche architektonische Silhouette mit zerklüftetem Untergrund erahnen. Da ist die Fantasie gefordert. Wieler und Morabito verlegen die Handlung eindeutig in unsere heutige Zeit, Reminiszenen an die Schreckensherrschaft der Französischen Revolution werden trotzdem wach. „Fidelio“ liegt übrigens eine Erzählung von Nicolas Bouilly zugrunde. Einer Frau gelingt es in der Verkleidung eines Mannes, ihren Gatten aus dem Jakobiner-Kerker zu befreien. Über allem liegt hier die Schablone der königlichen Zentralgewalt, die die grausamen Machenschaften eines Intriganten bloßstellt. Die emanzipatorischen Werte, für die Florestan schmachtet, werden dabei immer wieder auf die Spitze getrieben. Sein Kerkermeister Rocco ist angewiesen, ihn langsam verhungern zu lassen. Nur Leonore vermutet ihn in Pizarros Gefängnis.

Das Regieduo Wieler/Morabito macht deutlich, wie sehr die gesprochenen Dialoge diese Oper prägen. Deswegen werden auch alle gesprochenen Passagen bei dieser Aufführung übernommen. Sie entwickeln ein nicht immer gleich geglücktes Raum- und Regiekonzept im Ausgang von den gesprochenen Partien. Beethoven erarbeitete seine einzige Oper zwischen 1805 und 1814 in drei Anläufen. Und in Stuttgart wird sie in der Fassung letzter Hand gespielt. Ein Schreiben warnt dann den Gefängnisdirektor Pizarro vor dem unangekündigten Besuch durch den Minister. Hierbei kommt auch in Stuttgart Leben in die Handlung. Unterstützt von Marzelline (der Tochter des Gefängnisdirektors) gelingt es Fidelio, Rocco dafür zu gewinnen, die Gefängnisse zu öffen. Pizarro hat auch Fidelios Heirat mit Marzelline zugestimmt.

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Roland Bracht, Michael Ebbecke. Foto: A.T. Schaefer

Der zweite Akt bringt bei dieser eher schlichten Inszenierung einen stimmungsvollen Unterschied hinsichtlich der Lichteffekte. Man sieht im Hintergrund einen fast silbrigen Vorgang, der einen schwarzen Schrein sichtbar werden lässt. Den verzweifelnden Florestan vermag Michael König mit nie nachlassender Intensität zu verkörpern. Seine Stimme meistert auch extreme Höhenlagen ohne große Anstrengung. Das ist imponierend. Unterschiedlichste Klangfarben werden hier zum Klingen gebracht. Ihn hält nur noch der Glaube an seine Frau Leonore aufrecht, die von Rebecca von Lipinski mit ausdrucksvollem Timbre und ungemein wacher stimmlicher Energie gesungen wird. Die Inszenierung vermag auch plastisch zu verdeutlichen, dass Leonore Florestan erkennt, als dieser erwacht – umgekehrt ist dies aber nicht der Fall. Pizarro gibt sich Florestan dabei in recht ungestümer Weise zu erkennen: Er will ihn erstechen. Leonore offenbart ihre Identität als Florestans Frau, hält Pizarro mit einer Pistole in Schach. Don Fernando, der Minister, erkennt in dem Gefangenen seinen totgeglaubten Freund. Pizarro wird für seine Verfehlungen bestraft – und alle feiern Leonores mutige Tat.

Festzustellen ist, dass sich die Rasanz dieser Aufführung gegen Ende hin mächtig steigert. Das Verließ öffnet sich zuletzt, offenbart blaue Säcke, Aktenberge und scheinbar ein Kopiergerät. Die Zusammenhänge bleiben bei dieser Passage allerdings eher unklar. Hervorragenes leistete der Staatsopernchor unter der Leitung von Johannes Knecht. Auch die Wucht des Kerkerquartetts ließ nichts zu wünschen übrig, denn der umsichtige Dirigent Sylvain Cambreling heizte dem fulminanten Staatsorchester Stuttgart vor allem beim Gefühlstumult im Jubelduett der Wiedervereinten mächtig ein. Die enthusiastische Erregung des zweiten Finales prägte sich so tief ein. Die harmonische Räumlichkeit der Florestan-Arie Nr. 11 erfasste der deutsch-kanadische Tenor Michael König mit kraftvoll aufwärts gerichteten Modulationen. Und die geheimnisvolle Verklärung von f-Moll zu As-Dur erstrahlte hier in harmonischer Vielschichtigkeit. Die Vision wird dabei zur permanenten Grenzüberschreitung, ein Aspekt, den der Dirigent Sylvain Cambreling mit dem vor allem gegen Schluss vorzüglich musizierenden Staatsorchester Stuttgart souverän löste. Insbesondere der dramatische Impuls dieser Musik wurde überzeugend herausgearbeitet. Die Anregungen aus der italienischen Oper waren bei der Premiere jedenfalls sehr deutlich herauszuhören. Und darauf machten auch die überwiegend exzellenten Sänger Ronan Collett als Minister Don Fernando, Michael Ebbeke als dämonischer Don Pizarro, Roland Bracht als voluminöser Kerkermeister, Josefin Feiler als dessen leuchtkräftig singende Tochter Marzelline, Daniel Kluge als Pförtner Jaquino sowie Juan Pablo Marin als erster sowie Ulrich Wand als zweiter Gefangener gesanglich in abwechslungsreicher Weise aufmerksam. Aufgewühlte Allegro-assai-Teile wechselten sich mit lyrischeren Piu-lento-Teilen in facettenreicher Weise ab. Die auf den lyrischen Teil folgende Coda erhielt dank Sylvain Cambreling und dem mit großem Elan musizierenden Staatsorchester Stuttgart ein elektrisierendes Gepräge, dessen Spannungsbögen nicht nachließen. Man begreift bei dieser Inszenierung in jedem Fall, dass Marzelline als Opernfigur eine Funktion hat, die direkt aus derjenigen Leonores abgeleitet ist. Aus der Liebe Marzellines „zu Fidelio“ ergeben sich bühnenwirksame Konflikte für Leonore. Das haben Jossi Wieler und Sergio Morabito gut erkannt und plastisch herausgearbeitet. Auch die enorme psychologische Spannung zwischen Pizarro und Florestan bringt diese Inszenierung trotz mancher szenischer Schwäche sehr gut über die Rampe. Großartiges leistete bei der Inszenierung wie immer der überragende Staatsopernchor, es kam zu packenden Massenszenen und aufwühlenden Staccato-Attacken. Die Satzfolge Rezitativ-Arie wurde immer wieder so akzentuiert, dass man eine deutliche Nähe zur Welt der Opera seria erkannte. Eine starke Szene ist bei dieser Inszenierung auch die Eröffnung des ersten Finales, als die Gefangenen zum ersten Mal nach langer Zeit ins Freie treten. Das allmähliche Anschwellen der sichtbaren „Chorbesetzung“ gelang Sylvain Cambreling bei der Premiere mit dem Ensemble in grandioser Weise. Da gingen den Zuhörern die gewaltigen Crescendo-Steigerungen wirklich unter die Haut. Und dem Regieteam Wieler/Morabito gelingt es immer wieder, die an sich statisch wirkende Szene zu lockern und aufzubrechen. Beethovens raffinierte Wiederholungstechnik wird hier sinnvoll genutzt. Zu Beginn des zweiten Aktes überträgt sich dann das Stimmungsgemälde in sinnvoller Weise auf die Musik. Bei Florestans Eröffnung „Gott, welch Dunkel hier“ wurde der orchestrale f-Moll-Strom zwar unvermittelt unterbrochen, aber das Orchester löste sich unter der Leitung von Sylvain Cambreling behutsam von den klanglichen Bahnen, auf denen sich der Satz vor dem Einsatz des Sängers bewegt hatte. Tonart, Tempo und Begleitmuster gerieten so musikalisch nie aus aus der Balance und verloren au
ch in dynamischer Hinsicht nicht ihr Gleichgewicht. Im Programmheft wird übrigens auf Wieland Wagners Inszenierung des „Fidelio“ aus dem Jahre 1955 hingewiesen, mit der das Ensebmle drei Mal in Paris gastierte. Das großräumige, opulente Bühnenbild hat der im Juli 2015 verstorbene Bert Neumann geschaffen. „Fidelio“ ist seine letzte umgesetzte Opernarbeit. Die Kostüme von Nina von Mechow passen sich mit coolem Outfit der heutigen Zeit an.

So gab es für das gesamte Ensemble frenetischen Beifall – nur vereinzelte verhaltene „Buh“-Rufe für das Regie-Team. Insgesamt ist es eine durchaus stimmige Inszenierung, die sich aber im ersten Akt allzu sehr in kleinen Details verliert (Putzfrauen-Szene). Das Regie-Konzept setzt allerdings ganz bewusst bei den Dialogen an – als gezielter Protest gegen die Konvention. Insofern ist diese Inszenierung mutig.

 
Alexander Walther

 

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