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STUTTGART: ENDSTATION SEHNSUCHT (Ballett) – Psychische Hochspannung

27.09.2015 | Allgemein, Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „ENDSTATION SEHNSUCHT“ 25.9.2o15 –

Stuttgarter Ballett

„ENDSTATION SEHNSUCHT“ 25.9. – Psychische Hochspannung

ENDSTATION Amatriain, Reilly_004
Starke Lebens-Gegensätze – Alicia Amatriain (Blanche) und Jason Reilly (Stanley). Copyright: Stuttgarter Ballett

Mit harter Kost vor vollem Haus startete die Compagnie in die neue Saison. John Neumeiers ein knappes Jahr nach dem Tod des Autors Tennessee Williams 1983 entstandenes Tanz-Drama hat in den gut 30 Jahren nichts an der glücklichen Verquickung von exquisiter Bewegungs-Qualität und dramaturgisch erzielter Stimmungsdichte verloren. Das Drama gegensätzlicher Welten zwischen traditionellen und neuen Lebensmustern am Beispiel der verblühten Oberschicht Südstaaten-Schönheit Blanche entfaltet sich als Rückblick der Protagonistin durch die Ineinanderblendung verschiedener Zeitebenen auf so klare Weise, dass auch Erstbesucher die Zusammenhänge und Bezüge auf Anhieb verstehen können. Neumeiers mit klassischen und innovativen Elementen virtuos spielende Choreographie im eigenen milieugerechten Bühnenraum und ebensolchen Kostümen zielt mitten hinein ins Herz des Konfliktes zwischen Realität und Flucht in die Vergangenheit.

Mit Alicia Amatriain und Jason Reilly standen sich zwei der neu gekürten Stuttgarter Kammertänzer in den Hauptrollen als Lebensantipoden gegenüber. Amatriain hat die Blanche seit ihrem Debut im Mai an entscheidenden Stellen aufgefächert, setzt anstatt einer anfangs dauerhaften Miene des In sich Hineinblickens auf Wechselphasen zwischen Panik und Hoffnung. Ein gewisser dabei zu beobachtender Hang zum Manierismus mag nicht jedermanns Geschmack sein, nimmt der Tragik manchmal etwas an natürlicher Berührung von ihrem Schicksal. Ihr leicht erscheinender Umgang mit der windungsreichen choreographischen Rollenanlage steht auf einem anderen Blatt – das ist reife Kunst!

Jason Reilly ist durch seine langjährige Rollenvertrautheit zu einem gestandenen Stanley geworden und mit seiner besonders athletischen Figur die Idealverkörperung des rohen, von Blanches vornehmem Getue sexuell provozierten polnischen Einwanderers. Kraft und Lebensgefühl für diesen Charakter sind von ihm einheitlich erfasst.

Blanches Schwester Stella frönt an seiner Seite einem offeneren, freizügigeren Verhalten, das von Elisa Badenes mit überspringender Vitalität und leichtfüßiger Hingabe ausgelebt wird. Blanches homosexueller Mann Allan wurde wieder von dem erst jetzt fix ins Corps übernommenen Marti Fernandez Paixa mit jugendlichem Charme und einer gesunden Mischung aus Selbstbewusstsein und Verunsicherung gestaltet und fand mit Adam Russell Jones als ebenfalls sehr jungem Freund zu rührender, wenn auch noch der Vertiefung bedürfender Annäherung.

Nach dem eher auf schnelle Nummern setzenden Männer-Trio aus Blanches Stundenhotel-Befriedigung, zu dem der jetzt zum Solisten beförderte Pablo von Sternenfels als aufbrausender Soldat und Fabio Adorisio als wenig Aufhebens machendem Shaw neu hinzugekommen sind, findet Blanche in Stanleys Box-Kumpan Harold den passend weicheren und gefühlvollen Anbeter. Roland Havlica fügt ihm noch eine Spur von Schüchternheit hinzu, die in Kontrast zur drahtigen Figur des Halbsolisten steht und daraus einen reizvollen Kontrast ergibt. Ein voll auf allen solistischen Posten befindliches Corps de ballet rundete den starken Gesamteindruck von Blanches Blick auf die hektische Welt in New Orleans ab – auch dank der passgenauen Chaos-Musik von Alfred Schnittkes Erster Symphonie. Kurze Stille am Ende zeugte von großer Betroffenheit und mündete in enthusiastischen Applaus.

Udo Klebes

Mit harter Kost vor vollem Haus startete die Compagnie in die neue Saison. John Neumeiers ein knappes Jahr nach dem Tod des Autors Tennessee Williams 1983 entstandenes Tanz-Drama hat in den gut 30 Jahren nichts an der glücklichen Verquickung von exquisiter Bewegungs-Qualität und dramaturgisch erzielter Stimmungsdichte verloren. Das Drama gegensätzlicher Welten zwischen traditionellen und neuen Lebensmustern am Beispiel der verblühten Oberschicht Südstaaten-Schönheit Blanche entfaltet sich als Rückblick der Protagonistin durch die Ineinanderblendung verschiedener Zeitebenen auf so klare Weise, dass auch Erstbesucher die Zusammenhänge und Bezüge auf Anhieb verstehen können. Neumeiers mit klassischen und innovativen Elementen virtuos spielende Choreographie im eigenen milieugerechten Bühnenraum und ebensolchen Kostümen zielt mitten hinein ins Herz des Konfliktes zwischen Realität und Flucht in die Vergangenheit.

Mit Alicia Amatriain und Jason Reilly standen sich zwei der neu gekürten Stuttgarter Kammertänzer in den Hauptrollen als Lebensantipoden gegenüber. Amatriain hat die Blanche seit ihrem Debut im Mai an entscheidenden Stellen aufgefächert, setzt anstatt einer anfangs dauerhaften Miene des In sich Hineinblickens auf Wechselphasen zwischen Panik und Hoffnung. Ein gewisser dabei zu beobachtender Hang zum Manierismus mag nicht jedermanns Geschmack sein, nimmt der Tragik manchmal etwas an natürlicher Berührung von ihrem Schicksal. Ihr leicht erscheinender Umgang mit der windungsreichen choreographischen Rollenanlage steht auf einem anderen Blatt – das ist reife Kunst!

Jason Reilly ist durch seine langjährige Rollenvertrautheit zu einem gestandenen Stanley geworden und mit seiner besonders athletischen Figur die Idealverkörperung des rohen, von Blanches vornehmem Getue sexuell provozierten polnischen Einwanderers. Kraft und Lebensgefühl für diesen Charakter sind von ihm einheitlich erfasst.

Blanches Schwester Stella frönt an seiner Seite einem offeneren, freizügigeren Verhalten, das von Elisa Badenes mit überspringender Vitalität und leichtfüßiger Hingabe ausgelebt wird. Blanches homosexueller Mann Allan wurde wieder von dem erst jetzt fix ins Corps übernommenen Marti Fernandez Paixa mit jugendlichem Charme und einer gesunden Mischung aus Selbstbewusstsein und Verunsicherung gestaltet und fand mit Adam Russell Jones als ebenfalls sehr jungem Freund zu rührender, wenn auch noch der Vertiefung bedürfender Annäherung.

Nach dem eher auf schnelle Nummern setzenden Männer-Trio aus Blanches Stundenhotel-Befriedigung, zu dem der jetzt zum Solisten beförderte Pablo von Sternenfels als aufbrausender Soldat und Fabio Adorisio als wenig Aufhebens machendem Shaw neu hinzugekommen sind, findet Blanche in Stanleys Box-Kumpan Harold den passend weicheren und gefühlvollen Anbeter. Roland Havlica fügt ihm noch eine Spur von Schüchternheit hinzu, die in Kontrast zur drahtigen Figur des Halbsolisten steht und daraus einen reizvollen Kontrast ergibt. Ein voll auf allen solistischen Posten befindliches Corps de ballet rundete den starken Gesamteindruck von Blanches Blick auf die hektische Welt in New Orleans ab – auch dank der passgenauen Chaos-Musik von Alfred Schnittkes Erster Symphonie. Kurze Stille am Ende zeugte von großer Betroffenheit und mündete in enthusiastischen Applaus.

Udo Klebes

 

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