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STUTTGART: DIALOGUES DES CARMELITES – „Der allgegenwärtige Tod“

28.04.2012 | KRITIKEN, Oper

Staatsoper Stuttgart: „DIALOGUES DES CARMÉLITES“ 27.4.2012 – Der allgegenwärtige Tod:

Die vor einem Jahr entstandene Stuttgarter Erstaufführung von Francis Poulencs zentralem Bühnenwerk, das 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde und mit seiner überaus tonalen Grundstruktur das Kuriosum einer damals im Prinzip längst überholten Harmonie und
gleichzeitig einer keineswegs rückwärts gewandten Klangsprache markiert, verfehlte auch bei dieser zweiten Aufführungsserie und fast durchweg neuer Besetzung nicht ihre beklemmende Wirkung. Trotz jener Schnittstellen zwischen Spiel und Realität, die sich durch Thomas Bischoffs Konzept eines Theaters auf dem Theater ergeben – einem Theater der Revolution, das von statistischem Personal in Gang gehalten wird und die Personen für ihre Auftritte durch eine seitliche halb herunter gelassene Wand auf die Bühne führt, schiebt und dort auch wieder abholt. Deren Dialoge sind ganz auf körpersprachlichen Ausdruck ausgerichtet, indem sie immer wieder still verharrend frontal ins Publikum schauen. Michele Canzoneris in Brauntönen gehaltener weiter Bühnenraum, in den Klosterszenen durch hochklappbare Zellen-Türrahmen und ein überwölbendes in verschiedenen Farben aufleuchtendes gläsernes Kreuz stimmungsvoll ergänzt sowie Rosella Leones schlichte Schwestern-Gewänder sowie symbolisch steife Mäntel für den Adel bedienen die Zeitlosigkeit des Stoffes. Nur die Hinzufügung der Figur der Faucheusse, eines weiblichen Sensenmannes, den die Schauspielerin Catherine Janke zweifellos wendig und mit einfühlsamem Vortrag der vor Beginn der beiden Teile gesprochenen Revolutions-Texte von Heiner Müller veranschaulicht, ist denn doch ein überflüssiges ständiges Todes-Umgarnen der Beteiligten.

Musikalisch liegt diese Serie in den Händen von Marc Soustrot, der dem sehr ausgewogen spielenden Staatsorchester Stuttgart eine
Wiedergabe entlockt, die einerseits die melodische Akzentuierung wie auch die Schroffheit der Farbgebungen und den beständigen Parlando-Fluss berücksichtigt und in einem unerbittlich dräuenden Hinrichtungsmarsch mit den einkomponierten Schlägen des Fallbeiles gipfelt.

In der zentralen Gestalt der von Angst befallenen Adligen Blanche de la Force gewinnt Anne Catherine Gillet durch ihren lieblich timbrierten und lyrisch feinen und leuchtkräftigen Sopran und dennoch bestimmten Ausdruck bald aller Sympathie, und hätte damit gleichfalls überzeugend die von Heiterkeit erfüllte Lichtgestalt ihrer Mit-Novizin Constance ausgefüllt. Dies tat indes die etwas dunkler-melancholische und noch einen Tick durchsetzungsfähigere Stimme von Ana Durlovski gleichfalls rollendeckend.

Unter den reiferen Kloster-Schwestern gebührt die Krone der imposanten Irmgard Vilsmaier, die die hartherzige Mère Marie mit explosiver hochdramatischer Attitude und gewichtigem Tiefenfundament dennoch streng unter Kontrolle gehalten verkörpert. Doris Soffel konnte ihr Rollendebut als Madame de Croissy und damit ihre längst überfällige Rückkehr an ihr einstiges Stammhaus leider aufgrund einer hartnäckigen Erkältung nicht verwirklichen, so dass wiederum Rosalind Plowright mit ihrem imposanten und phasenweise passend zur Rolle etwas ausgemergelten und schartigen (Mezzo)Sopran und einer spannend aufgebauten Todesszene zum Einsatz kam. Über reiche Mittel in allen Lagen, eine
schlanke und bewegliche Höhe verfügt die auch hinter Klostermauern sympathisch wirkende Simone Schneider , deren Madame Lidoine ein weiterer Baustein im Rahmen ihres Wechsels vom Koloratur- ins Jugendliche Dramatische Fach bedeutet. Auf der weiblichen Seite ergänzten Diana Hallers klar und warm ansprechender Mezzo als Mère Jeanne und die ebenfalls mit schönem Sopran-Material aufhorchen lassende Sylvia Rena Ziegler als Soeur Mathilde.

Die Herren der Schöpfung müssen handlungsbedingt zurückstehen, ohne nicht auch mit bemerkenswerten Beiträgen zu punkten. Das taten vor allem die beiden Tenöre, der dunkle, leicht gedeckte und ein feines Französisch deklarierende Dmytro Popov als Blanches Bruder und der wie eh und je artikulatorisch klare, helle und rundum tragfähige Heinz Göhrig als Beichtvater. Selbst der sonst leicht zum Poltern neigende Michael Ebbecke fand in der großen Eingangsszene des Marquis de la Force zu differenzierter und fast wie erfrischt klangvoller Tongebung – an Bühnenpräsenz
mangelt es ihm ohnehin nie.

Keine Schwachstellen auch in den kleineren Partien: Kai Preußker (Beamter), Torsten Hofmann und Daniel Raschinsky (Kommissare), Ronan Collett (Thierry/Dr.Javelinot/Kerkermeister).

Fein intonierte die kleine Formation des weiblichen Staatsopernchores die knappen, aber vor allem in der Schlussszene umso eindringlichen Einwürfe der Karmeliterinnen.

Udo Klebes

 

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