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STUTTGART: DER SCHAUM DER TAGE von Edison Denisow – russische Opernrarität

05.12.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Russische Opernrarität in Stuttgart: „Der Schaum der Tage“ von Edison Denisow (Vorstellung: 4. 12. 2012)


Hochzeitsfeier mit Jesus-Karikatur in der Denisow-Oper (Foto: A. T. Schaefer)

 In der Oper Stuttgart kam Anfang Dezember eine russische Opernrarität zur Aufführung: „Der Schaum der Tage“ von Edison Denisow, die 1986 in Paris uraufgeführt wurde und ihre deutsche Erstaufführung 1991 in Gelsenkirchen hatte. 1994 wurde sie ungekürzt in Mannheim gespielt.

 Edison Wassiljewitsch Denisow (1929 in Tomsk geboren, 1996 in Paris verstorben) studierte in seiner Heimatstadt an der Universität Mathematik und an der Musikhochschule Musik. Von 1951 bis 1956 betrieb er auf Empfehlung von Schostakowitsch Studien am Moskauer Konservatorium, in dessen Lehrkörper er 1960 aufgenommen wurde. Auf seinen Reisen durch Russland beschäftigte er sich mit Volks- und Vokalmusik, daneben arbeitete er auch mit seriellen Techniken und elektronischen Mitteln. Nach der Uraufführung seiner Oper Der Schaum der Tage in Paris machte er sich 1993 um die Vervollständigung von Debussys Rodrigue et Chimène verdient.

 Die Oper von Denisow basiert auf den surrealistisch verfremdeten, 1946 publizierten Roman L’Écume des jours von Boris Vian, dem skandalumwitterten französischen Jazzer, Chansonnier, Schauspieler und Schriftsteller. Im Sommer 1960 fiel der Roman, der zeitweilig als Kultbuch einer Generation galt, in Russland dem Komponisten Edison Denisow in die Hände. In dem surrealen Werk, das in Stuttgart in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln gezeigt wird, geht es um die Liebe zwischen Colin, der sein Heim mit einer Maus teilt, und Chloé, in deren Lunge eine riesige Seerose wächst – wohl die Chiffre für Tuberkulose – und dadurch das frische Glück der Verliebten in einer Welt voller Überlebenszwänge zum Scheitern verurteilt ist. Chloé trägt den Namen eines Foxtrotts, der den Jazzkomponisten Duke Ellington weltberühmt gemacht hat. Colins Freund Chick, ein Anhänger der Schriften des Philosophen Jean-Sol Partre – sein Name steht wohl für Jean-Paul Sartre – ist mit Alise liiert, doch scheitert auch diese Beziehung. Der Epilog der Oper: Die Maus kann Colins Leiden nach dem Tod von Chloé nicht länger ertragen und überredet die Katze, sie umzubringen. Am Schluss nähert sich eine singende Schar blinder Mädchen, die auf einem Laufband weit ausschreitet und dennoch auf der Stelle tritt.

 Jossi Wieler und Sergio Morabito schufen eine ironisierende psychologische Inszenierung, in der die reale Welt, aber auch Colins Träume in Videosequenzen (Video: Chris Kondek) angedeutet wird. Und die religiöse Seite wird gar durch Auftritte von Jesus als Karikatur mit der Dornenkrone auf die Bühne gebracht, die zweigeteilt ist – im Vordergrund Colins Wohnung, im Hintergrund ein Restaurant (Gestaltung: Jens Kilian). Die Kostüme, von Anja Rabes entworfen, sind trefflich auf die einzelnen Rollen abgestimmt.

 Einige Beispiele surrealer Szenen: Colin lässt sich in einer Waffenfabrik anstellen, wo er sich in ein Blumenbeet legen muss, um mit seiner Körperwärme das Wachstum von Gewehren zu fördern. Mit seinem Verdienst kauft er Blumen, um damit Cloés Krankheit zu heilen. Chick wird von acht „Schutzmannen“ erschlagen, die Steuern eintreiben. Alise verbrennt die Bücher von Chick und damit auch ihre Liebe. Jedermann aus dem Publikum kann seinen Assoziationen freien Lauf lassen…

 In der Hauptrolle als Colin bot der britische Tenor Ed Lyon eine beeindruckende Leistung. Er agierte mit natürlich wirkendem Charme und überzeugte in jeder Szene. Sowohl stimmlich wie auch schauspielerisch drückte er die glücklichen wie tragischen Momente seines Lebens exzellent aus. Seine Geliebte Chloé wurde von der Sopranistin Rebecca von Lipinski gleichfalls überzeugend dargestellt. Erschütternd ihre Szene als Todkranke.

 Chick, den Freund von Colin, spielte der in Buenos Aires geborene Tenor Daniel Kluge kumpelhaft, während seine Freundin Alise von Sophie Marilley sehr einfühlsam dargestellt wurde. Die Schweizer Mezzosopranistin schaffte es, ihre Gefühlswelt in vielen Nuancen auszudrücken und das Publikum stets in ihren Bann zu ziehen. Spektakulär ihre Szene der Bücherverbrennung, bei der sie selbst in Flammen aufzugehen schien.

 Auch die vielen kleineren Rollen waren im internationalen Sängerensemble recht passabel besetzt: Der amerikanische Bass Mark Munkittrick stellte Jesus dar, der auf der Hochzeit auftritt und seine Hände in Unschuld wäscht, als Chloé stirbt. Den Direktor der Waffenfabrik stellte der deutsche Bassbariton Karl-Friedrich Dürr militärisch stramm auf die Bretter der Bühne, während der französische Bassbariton Arnaud Richard Colins Koch Nicolas mit köstlichem Humor kabarettreif spielte. Charmant die südafrikanische Sopranistin Pumeza Matshikiza in der Rolle der Isis, der Freundin von Chloé, komödiantisch der deutsche Bass Roland Bracht als Doktor Mangemanche.

 Besonders hervorzuheben ist die Leistung des belgischen Schauspielers Sébastien Dutrieux in der Darstellung der Maus. Er wirkte mädchenhaft zerbrechlich und verängstigt, war ungemein gelenkig und fahrig in seinen Gesten und erreichte eine unglaublich starke Bühnenpräsenz.

 Stimmgewaltig agierte sowohl der Staatsopernchor wie auch der Kinderchor der Oper Stuttgart (Einstudierung: Johannes Knecht, Choreographie: Andrea Böge).

 Zur Musik von Edison Denisow ein Zitat aus dem informativ gestalteten Programmbuch: „Was diese Oper auszeichnet, ist ihre packende Theatralität, in die Denisow seine persönlichen geistlichen Fragen übersetzt hat. Doch wie tragisch die Geschichte auch wird, die Musik verliert nie ihre Leichtigkeit. An den Stellen, an denen das Stück scheinbar in einen akademischen Jargon verfällt, geschieht dies mit abgründigem Humor.“

 Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling gelang es dem Staatsorchester Stuttgart, die melodische Partitur des Komponisten, die teils kammermusikalisch wirkte, teils von Chanson- und Jazz-Einlagen (auch Duke Ellington wird zitiert) durchsetzt ist und die Düsterkeit der Geschichte stets transparent leuchten lässt, wunderbar wiederzugeben.

 Das Publikum war von der Qualität des Opernabends begeistert und lohnte es allen Mitwirkenden mit minutenlangem, nicht enden wollendem Applaus. Besonders intensiv fiel der Beifall für Ed Lyon, Rebecca von Lipinski, Sophie Marilley sowie für den Maus-Darsteller und den Dirigenten aus.

 Udo Pacolt, Wien – München

 

 

 

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