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STUTTGART: DER FREISCHÜTZ zum 150. MALE! Vom Skandal zum Kult

29.10.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Stuttgart „DER FREISCHÜTZ“ 28.10.2014 – zum 150. Male! Vom Skandal zum Kult:

Stuttgart

„DER FREISCHÜTZ“ 28.10. – zum 150. Male! Vom Skandal zum Kult:

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Matthias Klink als Max. Foto: A.T.Schaefer

Bei der Premiere am 12. Oktober 1980 ereiferten sich die Gemüter über die bildstarke Inszenierung von Achim Freyer – 34 Jahre später ist daraus ein zusehends beliebteres und gewissenhaft gehegtes und gepflegtes Schmuckstück des Repertoires geworden. Nicht nur weil so pralle und stückgerechte Bühnenbilder und Kostüme (Freyer war auch damals schon sein eigener Ausstatter) selten geworden sind, auch weil die teils ironische Überzeichnung der Figuren bis hin zu jedem einzelnen Chorsänger einen gesamtheitlich märchenhaften Charakter erzielt, der sich zeitloser behauptet als eine realistische Darstellung. Der große szenische Aufwand mit den bis in den Zuschauerraum hineinreichenden stilisierten Wald-Verkleidungen macht allerdings nur Sinn, wenn der spielerische Inhalt so weit wie möglich erhalten und an nachfolgende Besetzungen weitergegeben wird. Diesbezüglich ist auf die Stuttgarter Oper immer Verlass und so ist der dauerhaftesten Inszenierung des Hauses auch beim Jubiläum der 150. Vorstellung ihr Alter in keinem Moment anzusehen (szenische Einstudierung: Verena Stoiber). Wieviel Potential letztlich darin steckt, zeigt auch mit welcher Lust sich der Staatsopernchor noch heute auf die ohnehin dankbare Aufgabe stürzt, seine hohe Klasse als Singschauspieler beweist und zumal mit dem Jägerchor samt Dirigenten auch jetzt wieder einen Glanzpunkt beherzt zupackenden Musikantentums und vergnüglicher Rollenzeichnung setzt.

Für diese Geburtstagsvorstellung wäre eine fallweise idealere Sängerschar zu wünschen gewesen, doch auch mit Abstrichen und Einschränkungen konnte sich das musikalische Niveau insgesamt betrachtet hören lassen.

Matthias Klink hatte sich seine neueste Rolle mit der gewohnten szenischen wie musikalischen Akribie erarbeitet und erbrachte zudem den Beweis, dass Max nicht unbedingt mit einem heldisch veranlagten Tenor besetzt sein muss. Mit der Sensibilität des Mozart geübten Interpreten führte er seine breiter, aber nicht wesentlich an Volumen zugelegte Stimme mit schlankem, aber nicht schmalem Charakter bis in die quälerische Vehemenz seiner Arie und blieb der Partie auch dank seines Ausdrucksvermögens und seiner hohen darstellerischen Identifikation des in Zweifeln und Zwängen befangenen Jägerburschen nichts schuldig. Dasselbe gilt für Catriona Smiths wohltuend unpathetische Agathe, ihr fülliger gewordener Sopran verfügt sowohl über das passend romantisch schimmernde Timbre und die Piano-Kultur als auch ausreichenden Atem und Durchschlagskraft für die jubelnden Ausbrüche.

Die zwei weiteren Hauptpartien waren in früheren Jahren qualitativ meist besser besetzt. Lauryna Bendziunaite, neu im Ensemble, mangelt es als Ännchen nicht an spielerischem Engagement und frischer Vokalität, aber an der Ausgeglichenheit zwischen einer ungleichmäßig ansprechenden Mittellage und einer zu forsch und phasenweise unkontrollierten Entfaltung in der Höhe. Zudem irritierte ihr bemühtes, aber doch sehr akzentbehaftetes Deutsch in den Dialogen dieser Nationaloper bisweilen sehr. Mark Munkittricks Kaspar bewegt sich am Durchschnitt eines lang gedienten, erfahrenen Sängers, der (zumal neben Klinks präziser Leistung) unüberhöre Mängel an Intonation und Tiefen-Resonanz nur phasenweise durch eine zu Kaspar passende Rauhbeinigkeit kaschieren kann. So bleibt auch das vor geschlossenem Vorhang ins Publikum gerichtete Racheverlangen „Schweig, damit Dich niemand warnt“ ohne die bedrohliche vokal fesselnde Wirkung.

Immer noch eine Autorität in Präsenz und (nachgelassener) Stimmkraft: Matthias Hölle lässt als greiser Eremit mit weißem Wallebart und balsamischem Bass, der in dieser Inszenierung noch vor der Ouvertüre in einer Sprechszene Agathe die später erwähnten geweihten weißen Rosen überreicht, kaum einen Wunsch offen. Ein bisschen von dem gestandenen Charakter Karl Friedrich Dürrs als Kuno hätte dem auf hohem Podest thronenden Fürst Ottokar gut getan, um ihm neben wenig durchschlagskräftiger Mittellage mehr Glaubwürdigkeit als Regent zu verleihen. Sicher hätte sich anstatt des als Gast engagierten Alexander Hajek im doch sonst so weitreichend eingesetzten Ensemble eine bessere Besetzung gefunden.

Thomas Elwin aus dem Opernstudio lässt als Kilian einen vorerst noch wenig ausgeprägten Tenor vernehmen.

Bereits als Assistent von Ex-GMD Manfred Honeck hatte er nachdrücklich auf sich aufmerksam gemacht; jetzt ist Timo Handschuh als GMD des Ulmer Theaters nach Stuttgart zurückgekehrt und präsentiert mit dem Staatsorchester Stuttgart eine zwischen klassischer Geradlinigkeit und romantischem Farbreichtum gut ausbalancierte Wiedergabe der Partitur, zaubert gleich zu Beginn mit dem einsetzenden Hörnerthema und den sich darunter schiebenden Streichern eine Naturstimmung, in der der Wald förmlich zu riechen ist. Flüssig und wo geboten in Ruhe ausgekostet sind die Tempi, flexibel die Begleitung der Sänger und zupackend frisch die Ensemble-Steigerungen. Und weil die Musiker rundum mitzogen, konnte sich Webers Musik  lebendig und nuanciert entfalten.

Anlässlich des Jubiläums wurden zum Schlussapplaus neben dem damaligen Dramaturgen Klaus Peter Kehr auch alle Kräfte auf die Bühne gebeten, die von Anfang an dabei waren: Musiker, Techniker, Statisten und Puppenspieler. Die Hauptperson Achim Freyer musste aufgrund einer aktuellen Regiearbeit in Korea passen, schickte aber eine von Operndirektor Jossi Wieler verlesene Grussbotschaft, in der er seine Dankbarkeit an alle Beteiligten samt dem immer noch interessierten Publikum dafür aussprach, dass in der seit vielen Jahren herrschenden Wegwerfmentalität ein Kunstwerk erhalten wird. Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

                                                                                                                      Udo Klebes

 

 

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