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STUTTGART: DER BARBIER VON SEVILLA – ein Schmuckstück des Belcanto

12.01.2015 | Allgemein, Oper

Der Barbier von Sevilla“ in der Stuttgarter Staatsoper. EIN SCHMUCKSTÜCK DES BELCANTO. 11. 1.2015. Bejubelte Aufführung von Rossinis „Barbier von Sevilla“ in der Staatsoper/STUTTGART

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Foto-Copyright: A.T.Schafer

Beat Fähs Inszenierung ist zwar schon 21 Jahre alt, hat aber nichts von ihrer Aktualität verloren. Bühne und Kostüme von Volker Pfüller sind fantasievoll und füllen den Raum aus. Die Stärke ist hier der szenische Perspektivwechsel, der sich an den Arbeiten von M.C. Escher orientiert. Im Lauf des Abends fällt der blaue Vorhang im Bühnenraum, der zunächst mit Instrumentenkästen bestückt ist, wo sich der an diesem Abend sehr erfolgreich debütierende Sunnyboy Dladla als Graf von Almaviva sowie der von Enzo Capuano bravourös gesungene Doktor Bartolo tummeln. Eine endlose Leiter wird von der linken zur rechten Seite durchgezogen und bringt die Akteure in Verwirrung. Zu Hilfe kommt ihnen in Madrid auch noch der von André Morsch voluminös verkörperte Figaro als ehemaliger Kammerdiener des Grafen. Nach dem Perspektivwechsel ist alles in grelles Rot getaucht, man hantiert mit Geldscheinen auf der Bühne.

Überhaupt spielt das Geld hier eine gewaltige Rolle. Tag und Nacht streift der Graf nämlich erfolglos unter den Fenstern von Rosina (mit graziösen Koloraturen: Diana Haller). Nach Zusicherung reicher Belohnung entwickelt Figaro einen ausgefuchsten Plan, wie dieser zu Rosina vordringen kann. Beat Fähs Inszenierung erhält hier eine bemerkenswerte Situationskomik. Vor allem Almavivas Konfrontation mit dem eifersüchtigen Bartolo gelingt dem Ensemble bei der Aufführung glänzend. Größte Verwirrung entsteht tatsächlich, als der von Adam Palka ebenfalls nuancenreich gesungene Musiklehrer Basilio wie ein Snob und Gentleman erscheint, der Rosina unterrichtet. Erst das Geld des Grafen vermag ihn zum Rückzug zu bewegen. Die seelische Orientierungslosigkeit der Figuren hat Beat Fäh dabei auf die Spitze getrieben. Während der komödiantisch ablaufenden Rasur lenkt Figaro Bartolo ab, damit Almaviva und Rosina den Fluchtplan erfolgreich umsetzen können. Rosina ist überzeugt, dass Lindoro (der in Wahrheit Almaviva ist) im Dienste Almavivas steht. Diana Haller verleiht ihrer Verzweiflung über diesen „Verrat“ auch gesanglich in eindrucksvoller Weise Ausdruck. Bartolo eilt auf die Wache, um eine Entführung zu verhindern – Almaviva und Figaro dringen statt dessen ins Haus ein. Gegenüber Rosina gibt Graf Almaviva sich jetzt endlich zu erkennen und beteuert ihr gegenüber seine Gefühle. Bartolo muss am Ende auf die angebetete Rosina verzichten und sie an den charmanteren Grafen Almaviva abtreten. Die Sängerinnen und Sänger machen im Laufe dieser vergnüglichen Inszenierung die Instrumente immer mehr zum Handlungsmittelpunkt.

Diese Entwicklung gipfelt darin, dass nun zuletzt einige Musiker vom Staatsorchester auf die Bühne schreiten und das strettahafte Finale mitgestalten. Das besitzt Schwungkraft, die sich immer mehr steigert. Zusammen mit dem ausgezeichneten Staatsorchester Stuttgart lässt der Dirigent David Parry dieses Schmuckstück der italienischen Opera buffa und des zauberhaften Belcanto regelrecht aufblühen. Es ist vor allem auch ein grandioses Fest der Stimmen, was die voluminösen Herren des Staatsopernchores Stuttgart als Schutzmänner bei der Verhaftungsszene eindringlich unter Beweis stellen. Der galante Witz von Rossinis Musik kommt so in atemloser Weise zum Vorschein. Ostinato-Passagen und Crescendo-Steigerungen führen hier immer wieder zu einem wahren harmonischen Taumel, der sich ausweitet. Die Gefühlskraft der Tonsprache Mozarts kommt dabei nicht zu kurz – auch der mediterrane Geist der Musik spricht eine deutliche Sprache. Figaros Auftrittsarie „Ich bin das Faktotum der schönen Welt“ besticht trotz einer leichten Indisposition von André Morsch aufgrund feiner klanglicher Differenzierungskunst. Auch Basilios Verlumdungsarie mit ihrem gesteigerten Crescendo ergreift dank Adam Palkas knisternder stimmlicher Emphase. Und die satirisch herausgearbeitete Szene zwischen der bisswütigen Rosina und dem hilflos zappelnden Bartolo gehört zu den schönsten Momenten dieser hervorragenden Inszenierung, die diesem Meisterwerk des Belcanto zu seinem Recht verhilft. Die Verarbeitung eines schulgerechten Kanons sticht auch grell heraus. Überhaupt liebt David Parry als musikalischer Leiter die makellose Detailarbeit, die dem ironischen Geist Rossinis gerecht wird. David Parry gelingt es bei der Aufführung, die thematischen Verzahnungen und melodischen Spitzfindigkeiten der Partitur sinnvoll zu unterstreichen. Dabei kommen ihm die weiteren Sänger Dominik Große als Almavivas Diener Fiorello, Irma Mihelic als Bartolos alte Haushälterin Berta, Stephan Storck als robuster Offizier und Gerd Barteit als serviler Notar zu Hilfe. Schon bei der rasant musizierten Ouvertüre ist Parry voll in seinem Element. Das Allegro versprüht unvergleichlichen Charme, man spürt sogar den Geist von Mozarts „Figaro“-Ouvertüre. Das atemlos hereinbrechende Hauptthema vermischt sich virtuos mit der lustig selbstbewussten Melodie der Bläser. Und das vorwärtsdrängende Schlussthema strahlt Zauber, Leichtsinn und Schwung aus. Prickelne Rhythmen und glitzernde Holzbläserthematik wechseln sich ab, begleiten die Sängerinnen und Sänger höchst dezent. Auch das Duett zwischen dem Grafen und Figaro gelingt bei der Aufführung ausgezeichnet. Die musikalisch raffiniert inszenierte unglaubliche Verführungskraft des Goldes blitzt im Orchestergraben auf und überträgt sich schnurstracks auf die Sänger, die miteinander wetteifern. Und diese elektrisierenden gesanglichen Funken springen dann auch auf das Publikum über. Wie Figaro hier seinen hinterlistigen Plan der Maskerade entwickelt, erschließt sich den Zuschauern sofort. Die delirierende Stretta am Schluss ist die Krönung dieser genialen szenischen Zuspitzung. Da hat Beat Fäh als Regisseur ganze Arbeit geleistet. Dass auch der zweite Akt eine starke Bühnenwirkung besitzt, obwohl Rossini selbst ihn für schwächer hielt, lässt Fäh ebenso deutlich werden. Irma Mihelic kann hier als bösartige alte Haushälterin brillieren: Die Liebe wird gnadenlos entlarvt und das Alter erbarmungslos verflucht. Bertas Verzweiflung nimmt das Publikum sofort gefangen. Und die Macht- und Zerstörungsfantasien Basilios explodieren wirklich in der Musik – sie scheinen in einem gewaltigen Gewitter zu gipfeln, das die Bühne grell erleuchtet und den Raum gänzlich ausfüllt. Brodelnder Brio-Zauber setzt sich durch.

Beat Fäh hat mit seiner exzellenten Inszenierung bewiesen, dass der unvergleichliche Zauber der Commedia dell’arte auch heutzutage noch nicht erloschen ist. Vor allem wird klar, dass Rossini ein begnadeter musikalischer Satiriker war, dessen Genialität die Zeitgenossen zunächst nicht verstanden. Deswegen ist das Werk bei der Premiere im Jahre 1816 in Rom wohl auch durchgefallen. Die vokalen Possenspielereien und Maskeraden erreichen bei dieser Inszenierung einen Höhepunkt, der bleibende Eindrücke hinterlässt. Dazu gehört auch Sunnyboy Dladlas Hausdebüt als wandlungsfähiger Graf von Almaviva, der mit weichem Timbre und kraftvollen Spitzentönen agiert. Der junge südafrikanische Tenor Sunnyboy Dladla ist ständiger Gast der Deutschen Oper Berlin und ist auch am Hessischen Staatstheater Wiesbaden als Graf Almaviva zu erleben. In Mozarts „Hochzeit des Figaro“ singt er auch am Theater an der Wien. Für diese Aufführung gab es zu Recht großen Publikumsjubel. Besser kann man dieses herrlich intrigante Verwirrspiel nicht inszenieren.

 Alexander Walther

 

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