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STUTTGART Ballett „THE LADY AND THE FOOL“/“GAITÉ PARISIENNE”

22.04.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett

„THE LADY AND THE FOOL“/“GAITÉ PARISIENNE” 21.4. (WA) –  Viel Liebe:


Gaité parisienne. Foto: Ulrich Beutenmüller

 Die Kombination der an diesem Abend erstmals zusammen gespannten Einakter ist keineswegs beliebig, denn sie bieten sich in mehrererlei Hinsicht dazu an: in ihren auf der Bühne eher ungewöhnlichen Liebesgeschichten, ihrer choreographisch weit gespannten Strukturen und ihrer musikalischen Verwandtschaft bearbeiteter Opern- und Operettenmelodien.

John Crankos „THE LADY AND THE FOOL” wurde 1954 vom damaligen Sadler’s Wells Ballet uraufgeführt, nach mäßigem Erfolg in umgearbeiteter Form ein Jahr später an Covent Garden dauerhaft durchgesetzt und gleich in der ersten Spielzeit des Choreographen als Direktor des Stuttgarter Balletts 1961 als deutsche Erstaufführung präsentiert. Die letzte Wiederaufnahme erfolgte 2001 zum 40 Jahr-Jubiläum der Kompanie, damals mit seinem ganz frühen Einakter „Pineapple Poll“ gekoppelt, der heute auch zum Repertoire der Cranko-Schule gehört. Die Geschichte von einer dem Luxus ergebenen Lady, die ihre Schönheit hinter einer Maske verbirgt, weil sie trotz ihres sorgenfreien Lebens unglücklich ist und ihr bewusst wird, dass Äußerlichkeiten nur zweitrangig sind, ist in seiner Menschlichkeit ein typisches Cranko-Stück. Die Erkenntnis der Lady geht so weit, dass sie am Ende vorzieht, an der Seite zweier Clowns, die sie aus einer Laune heraus zu einem Fest eingeladen hatte, und die ihr in ihrem wahren ungekünstelten Dasein wertvoller erscheinen, ein ungewisses Straßenleben zu führen. Also eine Handlung mit einer berührenden Botschaft, ein Juwel an choreographisch reichhaltiger Erzählkraft verbunden mit der glanzvollen Demonstration klassischer Ballett-Formen. Entfaltet in einer zeitlos nüchtern festlichen Ausstattung mit ebensolchen Kostümen von Astrid Behrens, wiederum einstudiert von Stuttgarts auch im neunten Lebensjahrzehnt unermüdlicher Choreologin Georgette Tsinguirides, die verdientermaßen zum Schlussbeifall auf die Bühne geholt und ihren entsprechenden Ovationen zuteil wurde.

Jubel prasselte zu Recht auch auf das Ensemble, angeführt von der auch im für Tänzer bereits ungewohnt späten Stadium unverminderte Sicherheit und Leichtigkeit demonstrierenden Sue Jin Kang als Lady, wozu natürlich noch ihre anziehende Aura aus tiefer Menschlichkeit und warmer Strahlkraft kommt. Damit kann sie gleichermaßen in großer glanzvoller Linie demonstriertem Selbstbewusstsein als auch in den gebrochenen Details kleiner wertvoller Momente bei der Entdeckung wahrer Liebe überzeugen. Und so wie Friedemann Vogel (vor 10 Jahren tanzte er noch den Prinzen) den Clown Moondog als neue Herausforderung charakteristischer Darstellung zum Leben erweckt, mit einer beinahe kindlichen Unbefangenheit und dennoch wissenden, gesetzten Intuition, konnte sich ihre Begegnung und ihr von Zögern und Zaghaftigkeiten immer wieder gebremstes Zusammenfinden in einem spielerisch wie technisch hocherfüllten Pas de deux auf Augenhöhe abspielen. Vogel paart die von ihm gewohnte partnerschaftliche Selbstverständlichkeit mit natürlichem Empfinden und konzentriertem, aber nie überzogenem Gebärden eines Clowns, hinter dem bei aller Trauer auch der Sinn für leisen Humor steckt. Und weil ihm sein Kamerad Bootface in Gestalt von Arman Zazyan darin nicht nachsteht, wurde ihr gemeinsamer kämpferischer Pas de deux um eine Rose mit schlussendlichem Sieg ihrer Freundschaft zu einem weiteren Herzstück der Choreographie.Als Kontrast dazu gelangen die Szenen der um der Ladys Gunst bemühten Repräsentanten der hohlen Gesellschaft gleichermaßen zu Höhepunkten, so dass der eine oder andere Zuschauer durchaus dazu geneigt ist, sich von ihrer glänzenden tänzerischen Klasse blenden zu lassen und in den gleichen Zwiespalt gerät wie die Titelheldin. Denn so wie William Moore als eitler Gastgeber, Alexander Jones als hochkorrekter Offizier und Evan McKie als Prinz vom Scheitel bis zur Sohle ihre Vorzüge gegenüber den Gästen und insbesondere der Angebeteten in Wettbewerb-Manier auftrumpfend hervorkehrten, wurde das Grand Adagio mit seinen kunstvoll gespickten Soli zu einer verführerischen Leistungsschau von Stuttgarts unübertrefflich scheinender Herren-Liga. Ersterer prunkte mit Energiegeladenheit, zweiterer mit geschmeidiger Linie und letzterer mit einer bis sich in die feinste Handbewegung erstreckenden Eleganz und Perfektionsgabe. Und selbst die beiden aus der Gesellschaft heraus stechenden heiratswilligen Damen sorgten in der köstlichen Interpretation von Magdalena Dziegielewska und Katarzyna Kozielska mit den an die beiden Dirnen in Crankos „Zähmung“ erinnernden mimischen Motiven noch für spezielle Aufmerksamkeit. Das Corps de ballet umrahmte ebenfalls in Geberlaune diese hochkarätig besetzte Aufführung, die zudem unterstreicht, dass Stuttgart auch heute noch die erste Adresse in Sachen John Cranko ist.

Was aber nicht heißen soll, dass Maurice Béjarts „GAITÉ PARISIENNE“ schlechter bei ihnen aufgehoben ist, denn der 1978 vom Ballet du XXe siècle in Brüssel uraufgeführte Einakter gehört bereits seit 1983 und mit inzwischen über 150 Aufführungen zum fixen Repertoire der Stuttgarter. Die für den Choreographen bekannte Spannweite eines Gesamtkunstwerkes schlägt sich hier von stummen Tanzszenen bis zu Gesangsbeiträgen und Dialogen. Grundgerüst der bisweilen skurrile Formen annehmenden Dramaturgie sind Béjarts Erinnerungen an seine langjährige Lehrerin, der aufgrund ihrer Institution schlicht und einfach Madame genannten Rousanne, aufgefrischt durch die Lektüre einer Textvorlage zu einem Musical über das Leben des Komponisten Jacques Offenbach. So entstand mit vagen biographischen Bezügen die Handlung um den Tanzschüler Bim, der sich unter der strengen, aber auch liebevoll mütterlichen Ausbildung von Madame immer wieder in eine Traumwelt flüchtet, in der historische Gestalten des Zweiten Kaiserreiches und der Dritten Republik unter der Anleitung von Offenbach persönlich und seiner Musik lebendig werden und sich mit der Realität vermischen. Entsprechend verwandelbar ist das prunkvoll überwölbte Ballettstudio mit Hintergrund-Prospekten Pariser Stadt-Motive, und historisch opulent bzw. phantasievoll sind die Kostüme (beides: Thierry Bosquet).

Für Marcia Haydée, die in dieser Saison bereits zum dritten Mal für eine Charakterrolle an ihre langjährige Wirkungsstätte zurückkehrte, war es wohl keine Frage, dass sie wie bereits bei der letzten Neueinstudierung 2007 wieder die Madame verkörpern würde. Und das tat sie auch diesmal mit der ihr angeborenen Schlagkraft einer Persönlichkeit, der auch in kleinen tänzerischen Bewegungen alle Blicke folgen und die mit vollem Herzen zu kommandieren und liebkosen weiß. Solchermaßen herausgefordert bietet Alexander Zaitsev als Tanzschüler Bim diese mit vielen komischen Elementen durchsetzte Rolle mit einer drolligen und tänzerisch auf den Punkt gebrachten Vermischung aus Unterordnung und lustvollem Ausbruch. Die gute Laune zog sich so gut wie ganz durch das alle Kapazitäten der Kompanie fordernde Rollenregister. Angeführt von Meister Offenbach, mit dem der ob seiner Maske kaum wieder zu erkennende Filip Barankiewicz ein Volltreffer-Debut an Schwindel erregender Drehfreudigkeit und mit schwerelos schlaksig geworfenen Beinen hinlegte, ergänzt durch spleenig süffisant gesprochene Kommentare und Aufforderungen. Weitere Publikums-Favoriten sind auch die vielbeschäftigten, ständig mitmischenden Freunde Bims, die ihm in unterschiedlichste Schwerpunkte setzenden Soli bereits an der Wiege seine tänzerische Zukunft geistig einhauchen und von den Herren Jones, McKie, Havlica, Pettenella, Moore und Novitzky mit ehrgeiziger und lustvoller Note ausgekostet werden. Im Verlaufe des kaleidoskopartigen Bilderbogens begegnen wir der heiter gelassenen Elizabeth Mason als Mädchen in Weiss, dem von Nikolay Godunov mit Stolz erfüllten Heldenvater, der zauberhaften Myriam Simon als Ballerina, dem viel Spannkraft in seine Sprünge legenden Arman Zazyan als Napoleon III., dem passend ganz auf sich bezogenen David Moore als Ludwig II. von Bayern sowie den harmonischen und tänzerisch ungetrübten Liebenden in Gestalt von Alicia Amatriain und Friedemann Vogel (hier wieder der Klassiker par excellence). Olga Polyakova kann sich als Terpsichore und Strassensängerin mit angenehmem, aber nur im oberen Bereich tragfähigem Sopran leider nur phasenweise durchsetzen, wodurch ihre im französischen Original gesungenen Beiträge nicht ausreichend zur Geltung kommen.

Das in weiteren Kleinrollen und unterschiedlichen Gruppierungen eingesetzte Corps de ballet vervollständigt das sich bis zum Cancan steigernde Tableau mit viel Tanzfreude, bis zuletzt Bim alleine vor der Spiegelwand des Ballettsaals zurück bleibt. Er hat, auch wenn er Madame nicht immer gefolgt ist und in seine Träume geflüchtet war, seine Bestimmung als Tänzer gefunden.

Was wären indes die beiden Werke ohne ihre Musik: bei Cranko die vom Dirigenten Charles Mackerras arrangierte Zusammenstellung von Themen aus unbekannteren Verdi-Opern, bei Béjart die vom letzten Ravel-Schüler Manuel Rosenthal bearbeiteten zahlreichen Ohrwürmer aus Offenbachs Feder. Für das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von James Tuggle  eine dankbare Gelegenheit solch reiche Melodienseligkeit entsprechend (manchmal etwas zu knallig und lärmend) zu entfalten. Und so transportieren beider mal berauschende, mal moussierende Klangwelten die Choreographien zusätzlich in die Herzen des Zuschauers.

Noch intensiviert wurde die Begeisterung durch die nachträglichen Glückwünsche zu Marcia Haydées vor wenigen Tagen begangenem 75. Geburtstag – mit Luftballons, herabfallenden Girlanden und sogar einem vom Orchester begleiteten Ständchen des stehenden Publikums. Das Stuttgarter Ballett weiß eben immer etwas zu feiern!                                       

  Udo Klebes

 

 

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