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STUTTGART/ Ballett: „THE LADY AND THE FOOL“ / „GAITÉ PARISIENNE“

12.05.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett: „THE LADY AND THE FOOL“ / „GAITÉ PARISIENNE” -11.5.2012 – Berührender Spass

Mit jeder neuen Begegnung wird noch deutlicher, welch wertvolle Botschaft John Cranko in seinem Einakter von der schönen Lady, die zwei Clowns aus einer Laune heraus zu einem Ball einlädt, und sich dann in einen von ihnen verliebt, durch den Tanz vermittelt. Vor allem jene beiden, Moondog und Bootface, sind so dankbar menschlich  gezeichnet, dass schon gewaltig viel schief gehen muss, wenn ein Darsteller darin nicht aufzugehen vermag. An diesem Abend schlüpfte Evan McKie erstmals in die Hauptrolle und brachte hinter seiner weißen Schminke einen wechselseitigen
Charakter zum Vorschein, mit einer selbstbeherrschenden Schale, die auch in der klassischen Haltung keine Nachlässigkeiten kennt und seine Schritte mit äußerster Korrektheit und Musikalität setzen lässt, sowie einem weichen Kern, der zumal in den Pas de deux zeigt, dass er das Herz auf dem rechten Fleck hat. Beim Kampf um eine Rose blitzt dann auch noch jene Lust am Spiel auf, die diesen Part erst vervollkommnet. Özkan Ayik  bringt dazu als Bootface die passend tragikomische Note mit ein, die diesem „Verlierer“ das entsprechende Mitleid des Publikums sichert.

Als Lady wandelt sich Alicia Amatriain von anfänglich gespielter Koketterie über Gelangweiltheit zum Liebeserwachen und kann sich auf Spitze jederzeit sicher gegenüber den drei Repräsentanten der vornehmen Gesellschaft behaupten. Unter diesen hatte Brent Parolin als Gastgeber eindeutig die Nase vorne, so genau und ausgewogen zentrierte er seine Drehungen und Sprünge und hätte in seiner ausgeprägt durchscheinenden Arroganz sicher auch einen guten Prinzen abgegeben. In diesem Part ist David Moore vorläufig noch darum bemüht, dem abverlangten Schrittmaterial Kontur zu geben und auch in der natürlich gegebenen Präsenz mehr Gesicht zu erreichen als nebeneinander stehende Posen. An Ausstrahlung und einer gewissen Charakterfestigkeit als Offizier mangelt es Roland Havlica nicht, seine technische Zuverlässigkeit gerät indes
dort an Grenzen, wo er als Partner gefragt ist. Da geraten seine solistisch effektiv erzielten Bewegungen ins Schlingern, werden fahrig und unruhig.

In Maurice Béjarts Paris-Revue mit der Vermengung von biographischen Akzenten und phantasievollen Ausschmückungen stand nun Arman Zazyan als Tanzschüler Bim an der Spitze des Ensembles und gewann mit dem drolligen Charme eines großen Kindes, seiner emotionalen Mitteilsamkeit in der Bindung an seine Ballettlehrerin Madame (wiederum die mit herzlicher Strenge regierende Marcia Haydée) sowie der
Quecksilbrigkeit seines tänzerischen Einsatzes viele Sympathien. Erstmals in die Maske Offenbachs verwandelte sich Alexander Zaitsev und entfachte in Anbetracht seiner bekannt schweren Zugänglichkeit zu komischen Rollen ein bewunderungswürdig reifes Feuerwerk an komödiantischer
Energie und fetziger Bein-Akrobatik, die dem musikalischen Esprit des Komponisten alle Ehre machte. Unter den zahlreichen kleinen Soli erfrischte Hyo-Jung Kang als frühlingshaft duftendes Mädchen in Weiß, fiel Mikhail Soloviev als Napoleon III. wieder einmal durch absolute Akkuratesse und genaues Profil auf, war Roland Havlica als heldischer Vater stimmig eingesetzt, litt der Pas de deux der Liebenden unter dem Ungleichgewicht der weich-eleganten Attitude von Alexander Jones und der zu schwer wirkenden Katja Wünsche, und bildete Evan McKie die Luxus-Ausgabe eines unnachahmlich in sich selbst verliebten Märchenkönigs Ludwig II. Unter den neuen Freunden, die neben Bim die eigentlichen Protagonisten sind, waren es neben dem ohnehin charismatischen Marijn Rademaker vor allem wiederum Brent Parolin und der noch als Eleve engagierte Robert Robinson, die sich mit ganz eigenständiger Note hervortaten. Die weiteren debutierenden Freunde Nikolay Godunov, David Moore und Ludovico Pace mussten dagegen etwas zurück stehen. Zu viel Kraft legten Anna Osadcenko und Matteo Crockard-Villa in das ironisch angelegte Ballerina/o-Paar. Als Terpsichore und Strassensängerin konnte sich Natalie Karl mit pointiertem Ausdruck und ausreichend fundamentiertem Sopran durchsetzen.

Udo Klebes

 

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