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STUTTGART/ Ballett: STRAWINSKY HEUTE – Soldatenglück

10.07.2015 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „STRAWINSKY HEUTE“ 9.7.2015 – Soldatenglück

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„Die Geschichte vom Soldaten“ – Faszinierend auf Spitze getrieben – Alicia Amatriain als Teufel. Copyright: Stuttgarter Ballett

Seit seinem Debut als Albrecht in „Giselle“ in der vergangenen Saison ist auf David Moore mit großer Verlässlichkeit zu zählen. Inzwischen hat er die anfangs etwas fragwürdig frühe Ernennung zum Ersten Solisten mit weiteren erfreulichen Rollen-Eroberungen ausgeräumt und präsentierte sich jetzt als neuer Soldat in Demis Volpis ungewöhnlich plakativ, aber überaus sinnstiftend entfalteter Choreographie des Strawinsky’schen Tanzspiels „DIE GESCHICHTE VOM SOLDATEN“ mit jener über das umgebende Corps de ballet hinausragenden Präsenz und Ausdruckskraft, die von einem Tänzer der obersten Hierarchie erwartet werden darf. Der Wandel vom zunächst stolzen, gut aufgelegten und in seinem Geigenspiel aufgehenden zum immer mehr vom Bösen umgarnten und durch die Verbrennung seines Instruments als Begriff der Kultur vernichtet zu Boden stürzenden Soldaten zeichnet sich mit lebhafter und differenziert reflektierender Mimik auf seinem Gesicht ab. Aber auch sein exakt auf die komplizierten Taktverschiebungen reagierender tänzerischer Einsatz hat so weitreichenden Charakter, dass er es mit dem ihm mehr und mehr zu Leibe rückenden Teufel in Gestalt der wieder unfassbar schlangenhaft geschmeidigen Alicia Amatriain aufnehmen und sich mit diesem weiblichen Mephisto ein spannendes quasi-Duell liefern kann.

Von den beiden anderen Kreationen dieses Programms gewinnt „LE CHANT DU ROSSIGNOL“ bei weiterer aufmerksamer Verfolgung an kleinteiliger Dichte, die mit der bestechend genau auf die komplex strukturierte Musik eingehenden Choreographie einher geht. Der auf Anhieb fesselnde Blitzlicht-Auftakt mit Daniel Camargo als wieder zentralem präzisest agierendem „Nervenbündel“ verspricht zwar immer noch mehr als es der weitere Verlauf einlösen kann, doch beeindruckt es zusehends, wie Hauschoreograph Marco Goecke Arme und Hände aus den Schultern heraus zu immer noch transparenter flatternden und flügelschlagenden Mäanderungen führt, die weitab von der traditionellen Märchengeschichte eine zeitlose Vogelsprache suggerieren, durch die jeder Zuschauer seine eigene Poesie walten lassen kann. Es darf nicht vergessen werden, dass letztlich all das so faszinieren kann, weil die Stuttgarter Tänzer ganz in diesem speziellen Stil aufgehen und sich diesen ganz so einverleibt haben, wie wenn sie Cranko tanzen.

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„Der Feuervogel“ – bannendes Finale mit Anna Osadcenko, Friedemann Vogel und Jason Reilly. Copyright: Stuttgarter Ballett

Der zuletzt gezeigte „FEUERVOGEL“ stieß natürlich durch seine leichtere Zugänglichkeit und seine musikalische Popularität auf breitere Begeisterung, obwohl Sidi Larbi Cherkaoui  die Geschichte recht abstrakt umgesetzt hat. Die in einem Lichtfarbenrausch und mit Hilfe von sich drehenden Spiegeln und wallenden Tüchern mit leichter Hand und in unendlichem Fluß entworfene Choreographie unterstützt jedoch die melodische Großzügigkeit und Prägnanz der Motive erheblich und kehrt sie nur dort gegen den Strich, wo die ursprünglichen Assoziationen männlicher und weiblicher Zuordnungen von eruptiv Bedrohlichem und sanft Wiegendem ausgetauscht sind. Die vielfach mit Ersten Solisten bestückte 18köpfige Besetzung mit Anna Osadcenko, Rachele Buriassi, Ami Morita, Friedemann Vogel, Jason Reilly und Arman Zazyan an der Spitze entfaltete das unentwegte Gewusel auch diesmal so unablässig schwerelos, als ob die in den Ablauf eingebundenen unendlich vielen Hebungen ein Kinderspiel wären.                                                               

Udo Klebes

 

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