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STUTTGART: Ballett SCHWANENSEE

01.01.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett: „SCHWANENSEE“ 31.12. – die Ausnahme-Variante:


Polina Semionova und Friedemann Vogel – das Top-Paar. Copyright: Hidemi Seto

 Mit 19 Jahren hat Polina Semionova die Doppelrolle des Weißen und Schwarzen Schwans zum ersten Male und seither in mehreren choreographischen Versionen rund um den Erdball getanzt. Für die Silvester-Vorstellung der Stuttgarter Kompanie studierte sie nun erstmals die vor allem im dritten und vierten Akt sehr individuell angelegte Version von John Cranko ein und bescherte dem Publikum damit einen hochkarätigen Jahresabschluss, der die inzwischen überstrapazierte Titulierung „Gala“ sowie die damit verbundenen Spitzenpreise vollkommen rechtfertigte.

Zwei Tänzerinnen aus dem eigenen Ensemble hatten in den vergangenen Wochen bereits höchsten Standard in dieser Gipfelpartie des klassischen Balletts gezeigt, so dass eine nochmalige Steigerung kaum mehr möglich schien. Und doch setzte die Erste Solistin des Berliner Staatsballetts jetzt noch ein paar Facetten und das sprichwörtliche Tüpfelchen aufs I. Zum einen durch ihre Größe und die langen wohlgeformten Beine, die Odette eine Würde und Odile einen Stolz verleihen, der sich wiederum mit einer Anmut und Grazie paart, wie es diesem Wesen gebührt. Zum anderen durch eine Emotionalität, die bei ihr mehr als bei anderen mit Wärme und Seelenreichtum zum Vorschein kommt und so den letzten Akt mit der unausweichlichen Trennung von Siegfried in eine verstärkt menschliche Dimension erhebt, die in besonderem Maß bewusst macht, worin Crankos choreographische Aufwertung zum tiefer gehenden Drama liegt. Hinzu kommt bei Semionova ein Nuancenreichtum, der ihrem in allen Lagen und Positionen schmiegsamen Körper mit den sanft fließenden Armen und den perfekt zentrierten Beinen jederzeit unaufgesetzt glaubwürdigen Ausdruck gibt. Da erscheint es wie eine selbstverständliche Sache, wenn sie die technisch denkbar anspruchsvollsten Passagen (die unendliches Leid verratende Langsamkeit des Weißen Schwanes, die Attacke und makellos durchgehaltene Virtuosität des schwarzen Gegenparts) mit einer Leichtigkeit beherrscht und so mit ihrer charakterlichen Verkörperung zu einem Gesamtkunstwerk verschmilzt. „Hingegeben sind wir stumm“ vermag als Zitat aus Strauss/Hofmannsthals „Ariadne auf Naxos“ am besten auszudrücken, wie diese tänzerische Ausnahme-Erscheinung bewundert werden kann. Um dazwischen und erst recht nach dem Ende in eine Jubel-Ovation auszubrechen.

Die Begeisterung galt zurecht auch ihren Mitstreitern, die mehr nur waren als die Garnierung dieses so liebenswert natürlichen Stars. Allen voran Friedemann Vogel, der seinen ohnehin schon Vorbild-Qualität aufweisenden Prinzen noch etwas intensivierte, und sich vom ersten Solo mit den schwebend leichten Schritten der Zeitlupen-Manège bis zum aufwühlenden Todeskampf mit den Fluten des übergelaufenen Sees durch die Partnerin besonders herausgefordert zu fühlen schien und sich selbst als fein durchdachten Darsteller übertraf.

Weitere Erste Solisten und Solisten des Ensembles in kleineren Solo-Partien, das wiederum bemerkenswert geschlossen übereinstimmende Schwanen-Corps und die von Wolfgang Heinz mustergültig stimmungs- und effektvoll aus dem Staatsorchester Stuttgart herauf beschworene Musik von Tschaikowsky taten ein Übriges, um diese Festvorstellung zu adeln.                                                                                                                      

Udo Klebes

 

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