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STUTTGART: Ballett SCHWANENSEE – Variante 5

03.01.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett: „SCHWANENSEE“ 2.1. 2012– Variante 5


Rachele Buriassi (Odile) und William Moore (Siegfried). Copyright: Ulrich Beuttenmüller

 Wenn nach der alles überstrahlenden Silvester-Gala mit Polina Semionova und Friedemann Vogel zwei Tage später das nunmehr fünfte Paar bei seiner erst zweiten Vorstellung als Odette/Odile und Siegfried keineswegs eine Rückkehr in den (grauen) Repertoire-Alltag darstellt, sondern wiederum neue bereichernde Blicke auf diesen Dauerbrenner werfen lässt, zeugt dies vom unerschöpflich qualitätvollen (Nachwuchs-)Reservoir der Stuttgarter Kompanie.

Die Halbsolistin Rachele Buriassi ist indes eine der wenigen Tänzerinnen, die sich nach und nach als Vertreterin der klaren klassischen Linie aus der Gruppe heraus geschält und ihre Kompetenz speziell für diese Richtung in einigen kleineren und mittleren Solo-Partien bewiesen hat. Nun rückte sie erstmals ganz ins Zentrum des Zuschauers und zeigte in erster Linie, dass sie sich in jedem Moment auf eine felsenfeste Technik verlassen kann, die es ihr erlaubt, all den Höchstschwierigkeiten mit Bravour und unerschütterlicher Standhaftigkeit zu begegnen. Der Schwarze Schwan mit seiner temporeichen Palette an Jétes, zackig aufgeklappten Beinen, Spitzen-Demonstration und schier endlosen Drehungen kommt ihr momentan mehr entgegen; hier deckt sich auch ihre auf Verführung und Lockung setzende Mimik mit ihrer Funktion als bewusst eingesetztes Trugbild. Beim Weißen Schwan sind Beine, Arme und Gesicht noch nicht immer im Einklang, sind es vorläufig mehr einzelne Phasen als ein Großes Ganzes, das die Tragik dieser Rolle restlos erfasst. Manches wirkt noch eher starr als gefühlvoll, obwohl der etwas kühl unnahbare Charakter stimmt. Angesichts des Dramas im letzten Akt wird ihr Bewegungs-Duktus geschmeidiger, langsam geschwungene Arme künden vom Trennungsschmerz. Zusammengefasst ein mehr als beachtliches Ergebnis mit Entwicklungs-Potential.

Obwohl keine leichte Rolle, aber doch wesentlich einfacher hat es Siegfried zu bestehen. Es muss nicht einmal unbedingt ein glänzender Prinzen-Typ sein, um darin zu überzeugen. Wie William Moore beweist, genügt auch ein mehr bodenständiger junger Mann wie Du und ich, der mit liebenswert goldiger Ausstrahlung die Sympathien auf sich lenkt. Als solcher beherrscht der britische Erste Solist wie bei seinen bisherigen Rollenportraits ohne viel Aufhebens die Bühne und taucht, inspiriert von Musik und Choreographie, ganz in seine Aufgabe zwischen  Lebensfreude und Nachdenklichkeit. Nicht mit weicher Eleganz, aber doch mit lockerem Fluss fügen sich hohe Sprünge, weite Manegen und drahtig gesteigerte Drehungen linear zusammen. Im dritten Akt bei der Präsentation der werbenden Prinzessinnen lohnte es sich, den Blick während der gesamten Nationaltanz-Vorführungen nur auf sein Bände an differenzierter Langeweile und duldsamer Pflichtübung sprechendes Gesicht zu richten – ein Naturtalent an spontaner Situations-Ausschöpfung, wie er da zunehmend unwillig im Thronsessel neben der  königlichen Mutter sitzt.

Auch in den weiteren Partien gibt es noch einmal Debuts zu vermelden: Brent Parolin als Rotbart, der mit beschwörender Geste seine Macht und seinen Einfluss auf die Schwäne unterstreicht; Hyo-Jung Kang als Erste Bürgerin mit anmutiger Attitude und Spitzen-Präzision, Nathalie Guth als lieblich lockende Russische Prinzessin und David Moore, der als Benno mit zurückhaltendem Spiel und etwas gebremst wirkendem Dreh-Temperament zu wenig inmitten der Gruppe auffällt.

Ein Sonderlob für Angelina Zuccarini, die ihr Bürgerin-Solo im ersten Akt in allen gesehenen Vorstellungen so perfekt und sicher auf den Punkt brachte, dass in ihr der nächste Haupt-Schwan gewittert werden darf. Jedoch verschwindet die immer noch staunenswerte Jürgen Rose-Ästhetik nach dieser ebenfalls stark honorierten Aufführung erst mal wieder für einige (hoffentlich nicht zu lange) Zeit im Kulissenlager.                                              

Udo Klebes

 

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