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STUTTGART/ Ballett: SALOME – unter dem vielfältigen Einfluss des Mondes

26.06.2016 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„SALOME“ 25.6. 2016– Unter dem vielfältigen Einfluss des Mondes

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Entfesselter Tanz um und mit dem abgeschlagenen Haupt: Elisa Badenes (Salome), angewidert beobachtet von Roman Novitzky (Herodes). Copyright: Stuttgarter Ballett
 
Die zweite Betrachtung eines neuen Werkes empfiehlt sich generell, im Falle von Demis Volpis vor zwei Wochen uraufgeführter Oscar Wilde-Adaptation für die Ballettbühne jedoch deshalb besonders, um die von verschiedenen Seiten erhobenen Vorwürfe, dass es sich um kein Ballett handle und zu wenig getanzt werde, genau zu überprüfen. Das Ergebnis bekräftigt eindeutig noch einmal die Eindrücke von der Premiere. Gerade in einer so mit der Ballett- und Tanzkunst vertrauten Stadt wie Stuttgart ist die Bandbreite dieser Begriffe wohl bekannt, so dass der oben genannte kritische Einwand im Fall dieses 90 Minuten-Einakters beim besten Willen nicht nachzuvollziehen ist. Da hätte es in der Vergangenheit wahrlich andere neue Kreationen gegeben, bei der ein solches Urteil besser gegriffen hätte.

Doch widmen wir uns der wiederholten Begegnung mit dem neuen Handlungsballett des argentinischen Hauschoreographen – in nur zwei Fällen veränderter Besetzung, denn die komplette Alternative konnte leider aus terminlichen Gründen nicht besucht und gewürdigt werden.

An erster Stelle steht der tragenden Funktion des Mondes gemäß deren neue Interpretin. Hyo-Jung Kang behauptet sich kaum weniger als ihre Premierenkollegin durch eine ununterbrochen gehaltene persönliche Kraft sowie eine sogar noch stärker ausgeprägte Fähigkeit, in vielen unterschiedlichen Balancen, Dehnungen, Krümmungen und Spitzen-Kombinationen Poesie walten zu lassen. Vom magischen Beginn in seiner Sichel hoch über dem Boden  bis zum tonlos endenden Verharren in Rampennähe hat Volpi dieser wesentlichen Instanz zu herausragender Wirkung – mit wohlgemerkt durchgehendem Tanz“ verholfen. Wie sehr dieser Planet in Frauengestalt sich in den Akteuren der Geschichte spiegelt, wird bei Salomes finaler Szene so richtig deutlich, wenn der Mond eine fast kongruente Haltung einnimmt, wenn die verzogene Königstochter das Objekt ihres durchgesetzten Willens triumphal nach oben streckt. Obwohl sich an der Choreographie seit der Premiere wohl kaum etwas geändert haben dürfte, wirkte der großzügig ausformulierte Monolog mit dem bluttriefenden Kopf des Jochanaan jetzt straffer und verbindender. Sicher ist auch Elisa Badenes in diese zweifellos viel Selbstüberwindung kostende perverse Partie der Salome mehr hineingewachsen, kann sie in ihrem heftigen Begehren, ihrer zügellosen Sexualität jetzt freier agieren und neben den kunstvoll ausgebauten Einsätzen in Spitzenschuhen, die ihr für die Schluss-Szene von einer Sklavin ausgezogen wird, auch den verderbten Teenager verstärkt zur Geltung kommen zu lassen. Ihre erzwungene Begegnung mit dem fanatisch seinem Gott folgenden Propheten Jochanaan behauptet sich auch jetzt wieder als spannender Höhepunkt zweier kontroverser Positionen. David Moore schafft es den wiederholten Abwehr-Reaktionen, zuerst mit dem Verkriechen unter seiner Decke, dann durch das Bedecken seiner Augen, sowie flehend nach oben gestreckten Händen eine Dringlichkeit und beängstigende Natur zu geben.

Noch deutlicher zum Tragen als in der Premiere, wo die geballte erste Konfrontation mit dem neuen Stück manches nicht oder nicht so genau wahrnehmen ließ, kam die Männergeilheit von Herodias jetzt in der zwar weniger königlichen, stattdessen verderbteren und anspielungsreicheren Charakterisierung durch Angelina Zuccarini. Neben ihr wurde das Schicksal des an den Rollstuhl gefesselten Herodes und seiner darob umso mehr gefangenen Lüsternheit noch verstärkt deutlich. Dass allein mit Mimik und Handbewegungen eine tragende Rolle zu ihrem Recht kommen kann, hat der Erste Solist Roman Novitzky mit bislang ungeahnter Präsenz bewiesen.

Auch weil Volpi immer wieder verschiedene Vorgänge parallel in seine Choreographie eingebaut hat, verlangt sie mehrere Ansichten. Während z.B. die sich steigernde Auseinandersetzung zwischen Salome und Jochanaan die ganze Aufmerksamkeit an sich reißt, richtet sich der die Prinzessin begehrende junge syrische Hauptmann selbst. Aber nicht effektiv schnell mit dem Messer, sondern mit dem abgelegten Schleier des Mondes, sich mehr und mehr darin verstrickend, bis er erstickt. Was für ein poetisch symbolischer Tod! Marti Fernandez Paixa gab ihm im klar chiffriert ausgetragenen Beziehungsgeflecht mit dem ihn begehrenden Pagen (Özkan Ayik) wieder viel schmachtendes Potenzial.

Die Funktion des Ensembles als Männergesellschaft um Herodias, als schwarz glänzende kriecherisch schlängelnde Todesengel oder solistischer als Sklaven/Sklavinnen kann als sinnreich und organisch ins Ganze eingearbeitet bestätigt werden.

Die anlässlich der Premiere ausführlich gewürdigte musikalische Ausstattung mit Kompositionen von John Adams, Vladimir Martynov, Christos Hatzis, Philippe Ohl und ganz besonders Tracy Silverman, dem mit einem Auftragwerk vertretenen Pionier der elektrischen Violine (jetzt gespielt von Konzertmeister Wolf-Dieter Streicher), tragen ganz entschieden zur hohen gesamtkünstlerischen Qualität dieses Tanzdramas bei. Das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von James Tuggle wurde für seinen engagierten Einsatz für klanglich so weit wie möglich transparent aufgeschlüsselte symphonische Aufgaben zu Recht in den auch diesmal mit deutlicher Begeisterung durchsetzten Schlussbeifall einbezogen.

Udo Klebes   

 

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