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STUTTGART/ Ballett: ONEGIN – Zentrum Tatjana

10.01.2015 | Allgemein, Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „ONEGIN“ 9.1. 2015– Zentrum Tatjana

 Drei Tage nach der akademischen Lehrstunde durch die fünf Gasttänzer vom Moskauer Bolshoi-Ballett war an diesem Abend nun wieder hauseigene Kost geboten. Nicht so glanzvoll im Technischen, stattdessen mit einem Mehrwert an gestalterischer Freizügigkeit, die Cranko ja dankenswerterweise seinen Interpreten trotz vieler genauer Bestimmungen reichlich einräumt.

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Immer wieder aufwühlend: Sue Jin Kangs finaler Kampf als Tatjana mit Jason Reilly (Onegin). Copyright: Stuttgarter Ballett

In besonderer Weise gilt dies für Sue Jin Kang, in deren immer noch zunehmend bestürzender Hingabe jedes Mal die bange Frage mitschwingt, ob dies nicht vielleicht doch ihre letzte Vorstellung in dieser Rolle sein könnte. So wie ihre Augen sich bis zur Duell-Herausforderung nicht von Onegin zu lösen vermögen, zieht sie durch ihr zutiefst verinnerlichtes und doch jedes Mal aus dem Augenblick heraus geborenes Spiel wie durch ihre aus Liebe und Natürlichkeit gespeiste Bühnen-Aura die Aufmerksamkeit des Zuschauers unweigerlich auf sich. Ihr in den ersten beiden Akten immer noch glaubhaft in romantischen Träumen befangenes Mädchen ist ein Geheimnis für sich, während die gesetzte und ergebene Frau an der Seite von Fürst Gremin (Nikolay Godunov mit aristokratischer Haltung und formschöner technischer Etikette) nach der schlussendlichen Abweisung von Onegins flehentlichen Bitten um Erhörung jedes Mal noch verzweifelter zurück bleibt und mit ihrem angedeuteten Schrei den ohnehin aufwühlenden Final-Pas de deux noch herzzerreißender steigert. Ein Wunder bleibt allemal ihre ungebrochen hohe Kondition, mit der sie keine Ermüdungserscheinungen aufkommen lässt.

In Jason Reilly hatte sie zwar nicht den ultimativen Onegin, der sich in dessen Erfassung mit ihr messen könnte, aber einen für die riskanten Hebungen und Würfe und damit auch für ihr Fallenlassen entscheidend zuverlässigen Partner. Als Figur an sich fehlt es dagegen bedingt durch seinen hierfür etwas zu athletischen Körperbau hin und wieder an so mancher Leichtigkeit. Die Arroganz des blasierten Landjunkers wahrt er nicht durchgehend, da schimmert der etwas zu freundliche und harmlose Gutsnachbar durch, dessen Temperament auch in den späteren dramatischen Situationen mehr verhalten bleibt und in der letzten Konfrontation mit Tatjana eher im Stillen lodert.

Wie entscheidend die jeweilige Tagesform ist wurde bei Daniel Camargos Lenski sichtbar. So glaubhaft er den noch sehr jungenhaften, verträumten und später mit seiner Eifersucht kaum umzugehen wissenden Dichter auf die Bühne stellte, so wenig Konzentration brachte er für sein Abschiedssolo vor dem Duell auf, um eine durchgehende Linie und tiefer rührende Aussagekraft zu erreichen. Stimmiger, aber stilistisch noch ausformbar gelang der Pas de deux mit Olga, die von Elisa Badenes  mit fast überschäumender Lebens- und Spiellust, entsprechend akzentuierten Armbewegungen sowie Leichtigkeit und Flexibilität auf Spitze rollendeckendst ausgefüllt wurde.

Noch zu erwähnen ist der Generationenwechsel bei der Amme: Ludmilla Bogarts mütterlicher rundlicher Charakter hat über Jahrzehnte das Rollenbild geprägt, mit der erfahrenen Halbsolistin  Magdalena Dzigielewska müssen wir uns erst an den Typ der gleichaltrigen oder jüngeren Freundin gewöhnen.

Das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von James Tuggle wirkte diesmal nicht sonderlich inspiriert, am Ende dominierte doch noch eine bühnenkongruent aufgeheizte Lebendigkeit über so manch ungeschliffene und beiläufig herunter gespielte Passagen.

Wie schön zu wissen, dass das Publikum auch bei eingeschränkteren Leistungen hinter den Tänzern steht – der Jubel galt mehr oder weniger allen Beteiligten.

 Udo Klebes

 

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