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STUTTGART/ Ballett: KYLIAN / VAN MANEN / CRANKO – Weitere Ansichten

11.01.2016 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „KYLIAN / VAN MANEN / CRANKO“ 6.+10.1.2016 – Weitere Ansichten

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Choreographisch und musikalisch fesselnd von Anfang bis Ende: Kylians „Vergessenes Land“, hier:(v.l.) Miriam Kacerova+ Friedemann Vogel, Alicia Amatriain+Jason Reilly, Elena Bushuyeva+Matteo Crockard-Villa
 Copyright: Stuttgarter Ballett

Bevorzugte Aufmerksamkeit gehört den neuen Rollen-Vertretern in Crankos „POÈME DE L’EXTASE“. Im jedes Mal beim Öffnen des Vorhangs für ein Publikums-Raunen sorgenden Jugendstilambiente von Jürgen Rose wirkt die hochherrschaftliche Attitude von Anna Osadcenko besonders gut, fügt es sich doch ideal in diese vergangene Epoche. Ihrer bildlichen Aura entsprechen die nicht minder äußerste Haltung zeigenden Bewegungen, egal ob klassisch linear oder expressiv ausgebaut in der typischen Manier des Choreographen. Von divenhafter Grandezza, stets leicht distanziert, nie übermannt von den Gefühlen, bestimmt ist auch ihr Umgang mit den Männern ihres Lebens. Der aktuell anbetende Jüngling ist mit Daniel Camargo altersmäßig ideal besetzt, einerseits noch etwas naiv schwärmerisch, im Verlauf der Liaison dann doch mit nachdenklicher Tiefe gezeichnet, die wieder einmal die schnelle Entwicklung des Tänzers zeigt. Dass er Pirouetten und Linksdrehungen der Grande école gemäß beherrscht und ein in außergewöhnlichen Hebungen höchst verlässlicher Partner ist, ist bei ihm so gut wie selbstverständlich.

Eine kaum weniger überzeugende Interpretation der Diva gelingt Alicia Amatriain, die als reifste Ballerina der Compagnie aus einem großen Erfahrungsschatz schöpfen kann. Ihre Gesten sind weicher, um nicht zu sagen liebevoller als diejenigen der zuerst genannten Kollegin, ihr Gleiten durch die verschiedenen Männer-Arme ist geschmeidiger und jede Wendung auskostend, nur die Mimik bleibt von Anfang bis Ende in einem engen Radius stecken. Beim finalen Entschluss zum Verzicht erzielt sie dann doch noch eine ganz aus dem Verlauf der Musik heraus entwickelte Spannung. An ihrer Seite ist Friedemann Vogel wieder ein Danseur noble vom Scheitel bis zur Sohle, ganz natürlich ohne jeden Anflug von Manierismus.

Unter den vier Männer-Visionen erstmals zu sehen: Gruppentänzer James Fisher mit durchaus respektabler persönlicher Individualität und sichtbarem Potenzial für eine noch zu stärkende Sicherheit im Partnern.

Adam Russell Jones, der zusammen mit Constantine Allen + Robert Robinson als wieder besonders quirliger und flink präziser Teil von Hans van Manens „SOLO“ Publikumsjubel hervorrief, bewies seine Kompetenz auch in der relativ kurzfristigen Übernahme eines Soloparts bzw. Pas de deux mit Elisa Badenes in Jiri Kylians „VERGESSENES LAND“, neben derer bekannt virtuosen Ader er jedenfalls nicht wesentlich ins Hintertreffen geriet, sondern auch da viel Präzision bei äußerst beschleunigtem Tempo sowie ein hohes stilistisches Bewusstsein zeigte. Unabhängig von der Besetzung fasziniert diese Choreographie als Metapher des ewigen Kreislaufs am Beispiel des Meeres mit Benjamin Brittens am Nerv des Lebens packender Musik seiner „Sinfonia da Requiem“ aufgrund eines durchgehend gespannten Fadens an Körper-Ritualen.

Was beim Debut im Dezember noch fehlte, stellte sich jetzt in van Manens „VARIATIONS FOR TWO COUPLES“ erfreulicherweise auch bei Myriam Simon + Roman Novitzky ein: die neben der rein technischen Beherrschung hier ganz entscheidenden Impulse zwischen den Körpern, ob beim gegenseitigen Anblick, voneinander abgewandten Motionen oder leicht prickelnden Momenten gemeinsamen Angezogenseins. Verschiedene von Streichern geprägte kurze Musikstücke leisten auch hier eine magische Atmosphäre. Somit kann besonders bei diesem Programm insgesamt die Live-Präsentation durch das Staatsorchester Stuttgart unter der abwechselnden Leitung von Wolfgang Heinz (6.1.) und James Tuggle (10.1) nicht hoch genug eingeschätzt werden.

  Udo Klebes

 

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