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STUTTGART: Ballett FORSYTHE /GOECKE / SCHOLZ – Vermischte Besetzungen.

15.03.2016 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „FORSYTHE / GOECKE / SCHOLZ“ 14.3. 2016– Vermischte Besetzungen

Die weiteren Vorstellungen dieses aktuellen Ballett-Programms demonstrieren auf eindrückliche Weise die geforderte Flexibilität der TänzerInnen. Zum einen im raschen Wechsel der choreographischen Stile, zum anderen durch die Einstellung auf neue Mitstreiter durch die Vermischung von zwei ursprünglich komplett verschiedenen Besetzungen. Die Hauptakteure sind dabei einmal nicht die sonst im Mittelpunkt stehenden (Ersten) Solisten. So mussten einige Gruppentänzer, die in allen drei Stücken angesetzt waren, sowohl ihre schnelle Umstellung als auch gesamtheitlich betrachtet ihre Kondition beweisen. Dazu gehörten so gegensätzliche Typen wie der große blonde James Fisher und der kleinere dunkelhaarige Adhonay Soares da Silva, die neben ihrer Ausdauer auch mehr als sonst auf ihre persönliche Visitenkarte aufmerksam machen konnten. Besonders hervor zu heben ist Halbsolist Louis Stiens, der nach den parallel im Spielplan befindlichen „Kammerballetten“ erneut sein Potenzial an individuell ausgeprägter Ausdruckskraft mit einem gewissen Sinn für Skurriles demonstrierte und damit bei „LUCID DREAM“ mit der Flattersprache des Choreographen Marco Goecke besonders gut eingesetzt ist. Generell ist zu bewundern, mit welcher Geschlossenheit sich das ganze Ensemble dieser speziellen Handschrift mit ergänzten Atem- und Zischlauten verschreibt und dabei auch eine erstaunliche Dimension zu Mahlers tiefgründigem Abschieds-Adagio aufbaut.

Auch in William Forsythes „THE SECOND DETAIL“ ist zu sehen, wie die heutige Tänzer-Generation mit erschwerten Herausforderungen wie hier der vielfach akrobatisch gebrochenen Klassik mühelos zu Recht kommt und wie das Selbstverständlichste der Welt umsetzt. Darunter die erstmals nach ihrer Babypause wieder ins Rampenlicht getretene Halbsolistin Magdalena Dziegielewska. Im Part der einzigen Tänzerin in weißer Tunika (die anderen in grauen Ganzkörper-Trikots) macht sie solistisch hervorstechend den akademischen Tugenden durch rasant und scherenartig aufgeklappte und hochgerissene Beine den Garaus.

Nach elektronischem Dauer-Rhythmus und spätromantischen Abgründen wirkt Beethovens Musik seiner „SIEBTEN SINFONIE“ immer wie ein Akt des Aufatmens, der Befreiung und auch der Lebensfreude, die das Publikum mit aus der Vorstellung trägt. Besonderes Augenmerk galt in Uwe Scholz perfekt erfüllter Choreographie diesmal Hyo-Jung Kang im zentralen weiblichen Part. So entspannt wie in ihren bisherigen Rollen geht sie auch hier zur Sache, bindet ganze Ketten von Drehungen und Arabesquen, diagonale Sprünge und Spagat-Figuren am Boden locker und leicht zusammen und mit spürt mit einer solch musikalischen Sensibilität den Klängen nach, dass ihr Tanz vollkommen in den divers verarbeiteten Themen der Komposition aufgeht und deren Führung schwebend miterleben lässt. Dem entspricht auch ihr dezent bleibender Gesichtsaudruck zwischen strahlend und nachdenklich. Jason Reilly, der auch für sich betrachtet Beethovens Musik und Scholz Linearität federnd rhythmisch aufgriff, bot der Partnerin die denkbar größte Zuverlässigkeit und Stütze.

Insgesamt gelang auch hier mit durchmischter Besetzung eine erfreulich strukturgenaue und von viel Licht und Tanzfreude getragene Umsetzung, die musikalisch bei Wolfgang Heinz und dem Staatsorchester Stuttgart in animierten Händen lag.

Udo Klebes

 

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