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STUTTGART/ Ballett: DORNRÖSCHEN – Frauliche Reife und jugendlicher Überschwang

01.10.2015 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„DORNRÖSCHEN“ 30.9. 2015 – Frauliche Reife und jugendlicher Überschwang

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Harmonie trotz gegensätzlichster Eigenschaften: Anna Osadcenko (Aurora) und Constantine Allen (Desiré). Copyright: Stuttgarter Ballett

Die neue Saison im Opernhaus begann die Compagnie wie üblich mit dem Stück, das die alte Spielzeit beendete. Bei Marcia Haydées und Jürgen Roses höchsten Ansprüchen genügender Parade-Version mit ihrem enormen Einstudierungs- und Kostüm-Aufwand macht das auch Sinn, alles über eine nicht zu lange Pause hinweg frisch zu halten.

In den Hauptpartien sind alle Debuts noch vor der Sommerpause absolviert worden, jetzt gilt es deren Entwicklung zu beobachten. Wie schon im Juli eroberte Constantine Allen als Prinz Desiré gleich mit seinem Einstiegssolo die Bühne, investierte all sein jugendliches Feuer in die Aneinanderreihung von weiten Sprüngen und schnittig eleganten Drehungen, dass der Rockschoß seiner langen Jacke so richtig dahinflog. In der Mimik ist er noch nicht immer ganz Herr der Dinge, reiht sichtbar Empfundenes an unsicher Gestelltes. Bemerkenswert ist seine partnerschaftliche Einstellung, die in den Pas de deux in einer schön aufgebauten Harmonie zu Anna Osadcenkos Aurora deutlich wird. Und das trotz des Aufeinanderprallens von großen Gegensätzen, denn gegenüber ihrer fraulich reifen, im Vergleich zu jüngeren Kolleginnen unleugbar mehr Kraft für die Höchstanforderungen benötigenden Gestaltung wirkt seine Leidenschaft umso blühender. Bei aller Mühe an durchgehender Entspannung und einer etwas irritierend streng wirkenden Vision im zweiten Akt findet sie mit Stilbewußtsein und hinreichend sicherer klassischer Technik zu einer klaren Linie.

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Auf der Höhe seiner Kunst: Jason Reilly als Carabosse. Copyright: Stuttgarter Ballett

Der frisch gekürte Kammertänzer Jason Reilly zeigte als Carabosse auf beglückende Weise, wie er auch im schon späteren Stadium einer Tänzerlaufbahn nicht bei Erreichtem stehen bleibt, sondern nach Weiterentwicklung sucht. So schillernd fein androgyn, so effektiv im Ansatz der wirbelnden Sprünge und der drohenden Gesten der bösen Fee war er bislang noch nicht zu sehen – ein Künstler, der jederzeit weiß, worauf es ankommt. Da hatte die gleich zu Spielzeitbeginn zur Solistin beförderte Ami Morita als tadellose Spitzenbahnen ziehende Fliederfee erfahrungsbedingt keine annähernd präsente persönliche Identität entgegen zu halten und schaffte es mit mildem Lächeln dennoch, das Gute siegen zu lassen.

Rollenneulinge gab es stattdessen in kleineren, aber dennoch virtuosen Partien zu bewundern: Daniel Camargo wirft als Ali Baba all seine besondere Bravour in die Waagschale und vereint dabei Kraft, Lebenslust und sinnliche Ausstrahlung zu mitreißender Wirkung. Pablo von Sternenfels hat als Blauer Vogel zwar die Herausforderung mit Elisa Badenes als denkbar leichtfüßigster Prinzessin partnern zu müssen, ihm gelingt aber dennoch mit gutem Ausgleich von athletischem Körper und flügelgleichen Armen ein erfreulicher Einstand in dieser nicht zu unterschätzenden Figur. Wie immer in kurzen Soli erweist sich Angelina Zuccarini auch als neue Fee des Zaubergartens auf der Höhe ihrer musikalischen Exaktheit und technischen Zuverlässigkeit. Matteo Crockard-Villa verwandelte sich erstmals in den Prinz des Westens und fiel u.a. neben dem trotz seiner Jugend so weit entwickelten und gefestigten Marti Fernandez Paixa als Prinz des Südens kaum auf – das ist schlicht und einfach ein Persönlichkeitsdefizit.

Mehr oder weniger frisch ambitioniert warf sich das Corps de ballet in kleine Solopartien und diverse Gruppenaufgaben, regiert vom ehemaligen Stuttgarter Tänzer Dimitri Magitov als ungewohnt jungem König.

Das Staatsorchester Stuttgart legte unter Wolfgang Heinz nicht jenen Glanz an den Tag, der vor der Sommerpause zumindest überwiegend zum Vorschein kam, die eine oder andere Auffrischungsprobe könnte auch das akustische Vergnügen noch steigern.

Udo Klebes

 

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