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STUTTGART/ Ballett: DORNRÖSCHEN – Das ewige Spiel von Gut und Böse

24.07.2015 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„DORNROESCHEN“ 23.7.2015 (WA 22.7.) – Das ewige Spiel von Gut und Böse

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 Ein (Farb/Licht-)Traum an Bühnenbild von Jürgen Rose: das (Walzer-Ensemble im 1. Akt). Copyright: Stuttgarter Ballett

 Der Wiederaufnahme von Marcia Haydées erfolgreichem Choreographie-Erstling (nach Marius Petipa) von 1987 (da rückt mit dem 30. Geburtstag bereits ein Jubiläum zum Feiern in greifbare Nähe) ging eine Buchpräsentation und Signieraktion des Bühnen- und Kostümbildners Jürgen Rose voraus. Sein Lebenswerk für Oper und Ballett kann in Worten nur schwer gewürdigt und dessen Wert kaum beziffert werden. Es ist jedenfalls die Kunst, Schönheit in ihrer (farb)edelsten Form zu verwirklichen ohne dabei an der Oberfläche des reinen Ausstellens haften zu bleiben. Das Erstaunen und die Begeisterung darüber kommt auch jetzt wieder in vielen Details zum Vorschein, die Gesamtwirkung löst beim Öffnen des Vorhangs heute noch Applaus aus.

Ballett-Liebhaber, die viele Ausstattungen dieses Klassikers kennen, rühmen die Stuttgarter als die kompositorisch geschmackvollste und – so vielsagend dieses Wort sein mag – SCHÖNSTE! Aber auch das, was Marcia Haydée, die ihrer einstigen Compagnie anlässlich dieser Neueinstudierung persönlich beistand, in diesem auch beleuchtungstechnisch stimmig die Jahreszeiten einfangenden Rahmen geschaffen hat, bringt durch die ungeheuer differenzierte Profilierung des Bösen in Gestalt der Fee Carabosse, mehr Dramatik und Fallhöhe zwischen die beiden in uns kämpfenden Machtpole und damit auch erhöhte Spannung gegenüber sonstigen traditionellen Versionen ins Spiel.

Nach der in erfahrene Rollenvertreter-Hände ( Alicia Amatriain und Friedemann Vogel ) gelegten Wiederaufnahme galt an diesem zweiten Abend ein großer Teil der Aufmerksamkeit dem debutierenden Hauptpaar.

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Jugendliche Harmonie und technische Überlegenheit: Elisa Badenes (Aurora) und Daniel Camargo (Prinz Desiré). Copyright: Stuttgarter Ballett

Elisa Badenes und Daniel Camargo repräsentieren die jüngste Generation Erster Solisten und sind durch zahlreiche große Partien ein vertrautes und eingespieltes Paar. Das hilft ihnen in diesem Klassiker zwar nur in den beiden Pas de deux, wo über die Führung schneller Drehungen bis zu den dreifachen Fischfiguren alles auf Anhieb reibungslos, teilweise noch etwas glanzlos funktioniert. Ansonsten muss da jeder für sich seine Klasse beweisen. Die ersten Balancen auf einem Bein genügten bereits um sicher zu sein, dass die Aurora von Elisa Badenes keine Zitterpartie wird. Gleich das Rosen-Adagio katapultiert sie als Gipfelwerk technischer Standfestigkeit mit elegant mit der Musik einhergehenden Drehungen und Wendungen, federleichten Sprüngen und dem über alle Schwierigkeiten hinausreichenden Freiraum, ihren vier prinzlichen Bewerbern mit unterschiedlichem Lächeln zu begegnen, in die höchsten Höhen von (Spitzen-)Ballettkunst. Es ist eine wahre Freude, dieser Aurora mit der anfangs kindlichen Neugierde in den Augen, der Lust am Dasein oder später der leuchtenden Transzendenz ihrer Vision und nicht zuletzt der strahlenden Braut zuzuschauen. Ein Dornröschen wie es im Buche steht – märchenhaft und doch so ganz frisch und unverstellt von heute.

Ganz so formvollendet ist Daniel Camargos Prinz Desiré noch nicht, evtl. sind gewisse Unausgeglichenheiten in der Balance auch der Tagesform geschuldet. Klar hingezirkelte Pirouetten, weite Manege-Sprünge zeigen ihn auf dem besten Weg. Charakterlich ist er weniger der noble als der bodenständige Adlige, der der Etikette überdrüssig ust und dem der Spaß an der Herausforderung von Dornröschens Befreiung bzw. Erweckung ins Gesicht geschrieben steht – über alle Einflüsse der bösen  Carabosse hinweg.

Jason Reilly erfüllt diese Zwittergestalt mit einer verführerischen Kombination aus Sprungkraft mit teils gespreizten Händen, fließend gezogenen Linien und schillernder Mimik zwischen Verlockung und Strenge. Bei einer solchen Präsenz der dunklen Macht in Langhaar-Perücke, schwarzem Umhang und einem sich bühnenfüllend bzw. bedeckend aufbäumenden Schleier muss die Fliederfee ein entsprechendes Gegengewicht aufbauen, um das Gute siegen zu lassen, auch wenn der Gegner, wie hier gezeigt, selbst dann noch präsent bleibt, wenn das Glück gesiegt hat. Myriam Simon gelingt es mit bestimmten, aber gütig wohlwollenden Blicken sowie in sich ruhenden Spitzenpositionen Contra zu geben. Nur mit dem betont langsam genommenen Tempo ihres Solos schien sie nicht ganz in Einklang zu kommen.

Rund um diese vier Protagonisten gibt es noch so viel mehr an Personal zu bestaunen, das zum Ende der Saison das gesamte Ensemble fordert: der allesamt erstklassig besetzte Feenreigen ( mit Angelina Zuccarinis bravourös entfalteter Klugheit an der Spitze) , die vier sich gegenseitig ausstechend um Aurora bemühenden Prinzen der vier Himmelsrichtungen mit ihren differenzierten Charakteren ( z.B. liegen zwischen Alexander Jones distinguiert und stilistisch sauberem sowie Damiano Pettenellas düster schmollend auftrumpfendem Vertreter Welten)  und nicht zuletzt die zahlreichen Märchengestalten, die sich zur Traumhochzeit einfinden. In deren Mittelpunkt als Divertissement mit viel solistischer Würze standen der Blaue Vogel und seine Prinzessin, denen Constantine Allen und Ami Morita auf Anhieb mit flügelleichter Virtuosität beikamen, Robert Robinson als ungewöhnlich zahmer, noch etwas Attacke gebremster Ali Baba samt seinen Juwelen, angeführt von Hyo-Jung Kangs strahlend funkelndem Rubin, Louis Stiens und Elizabeth Wisenberg als neckischem Katzenduo usw. Vom Hofstaat ist unbedingt der überheblich präsente Ludovico Pace zu nennen. Ansonsten reichlich Corps de ballet in unterschiedlichsten Gruppierungen, ergänzt von Schülern der John Cranko-Schule (der Spatenstich für den Neubau fand am gleichen Tag statt), darunter die Kleinsten, die als Träger und Überbringer der Rosenbäumchen, als Teile eines Rosenspaliers oder als munter mitmischende Zwerge zum beglückenden Gesamtpaket beitragen.

Für Tschaikowskys lange Ballett-Partitur setzte sich das Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle mit routinierter Lebendigkeit ein, mehr Detailglanz darf wohl im Repertoire nicht erwartet werden. Der optische Rahmen  sollte bei guter Pflege lange Beständigkeit haben. A Publikum, das sich  um Karten für eine der acht zum Saisonabschluss aufeinander folgenden Vorstellungen riss, wird es gewiss auch in Zukunft nicht fehlen. Durchgängig gute Stimmung, zuletzt ausdauernde Begeisterung.                                                 

Udo Klebes

 

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