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STUTTGART/ Ballett: DAS FRÄULEIN VON S.

18.02.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett: „DAS FRÄULEIN VON S.“ 10.2.2012 (Uraufführung)+16.2. – Zu viele Uneindeutigkeiten:


William Moore, Marcia Haydée und Mireille Mossé in „Das Fräulein von S.“ Copyright: Stuttgarter Ballett

Nach dem „Sandmann“ im Jahr 2006 hat sich Stuttgarts scheidender Hauschoreograph Christian Spuck (wie bekannt löst er im Herbst Heinz Spoerli als Direktor des Zürcher Balletts ab) als Abschiedsproduktion erneut für ein Werk aus der Feder des Romantikers E.T.A.Hoffmann entschieden und mit dessen 1819 entstandener Novelle „Das Fräulein von Scuderi“ die wohl erste Kriminalgeschichte in deutscher Sprache ausgesucht. Was sich schon damals an speziell von Dämonie und Unheimlichkeit geprägter Atmosphäre nicht einstellen wollte, machte sich auch jetzt als überwiegende Spannungslosigkeit bemerkbar.

Ganz entscheidend liegt dies bereits in der Absicht Spucks begründet, keine lineare Handlung erzählen zu wollen, sondern lediglich Motive und Beziehungen herauszugreifen, diese vor allem im zweiten und dritten Teil durch den Tanz zu abstrahieren und dadurch neue Zusammenhänge entstehen zu lassen. Schade, denn die Geschichte hätte aller zeitlicher Verschiebungen mit nicht einfach umzusetzenden Rückblenden zum Trotz viel theatralisches Potential für solistische und Ensemble-Konfrontationen. Paul Hindemith hat mit seiner Opern-Version von 1926 gar abendfüllende Substanz bewiesen, obwohl er nur einen Strang der Handlung verwendet und mit 6 Solorollen ausgekommen war. Spuck wiederum stellt fast das gesamte Personal der Novelle auf die Bühne, gibt den einzelnen und durchaus vielschichtigen Charakteren aber kaum Kontur. Lediglich beim Goldschmied Cardillac kommt dessen Wahn, seine eigenen Kunstwerke durch Mord an den Käufern wieder zurück gewinnen zu müssen, u.a. in einem kurzen Solo in sprengkräftig erweitertem Körper-Vokabular zum Ausdruck. Die Beziehung seiner Tochter Madelon zu seinem Gesellen Olivier Brusson ist in klassisch gehaltenen Pas de deux wohl erkennbar, von der emotionellen Zuneigung, in der Oliviers fatale Situation als verfolgter Verbrecher mit begründet liegt, darf das Paar nichts zeigen; wie überhaupt Gefühle so gut wie ganz ausgespart bleiben. Selbst von der im Mittelpunkt stehenden königsnahen Dichterin Madeleine de Scuderi, die mit Zivilcourage bis in die höchste Instanz geht, um Olivier, der sich schließlich als Sohn ihrer Pflegetochter offenbart, zu retten, geht wenig von jener Motivation aus, die die Handlung maßgeblich am Laufen hält. All hat das Christian Spuck nicht interessiert. Die Aufgabe, die im Ballett im Prinzip den Tänzern obliegen sollte, übernimmt bei ihm eine Art alter Ego der Scuderi, die sich bezeichnenderweise nur S. nennt und im ersten Akt in erzählerischen Einflechtungen die Personen vorstellt sowie die Geschichte und ihre Fakten bis zum Ende erläutert, so dass das Stück im Prinzip schon abgeschlossen wäre. Die liliputanische Schauspielerin Mireille Mossé erobert sich zuerst in schwarzem Conferencier-Kostüm, dann als Rokoko-Puppe denn auch mit einer Kombination aus wuseliger Bühnenpräsenz, kindlicher Hyperaktivität und hämischer Reflexion ihrer Kommentare auf Anhieb das Publikum und wird so letztlich zum umjubelten Mittelpunkt. Ob das der Sinn eines Handlungsballettes ist? Beinahe traurig ist es, wenn daneben Marcia Haydée als Scuderi im rollengemäßen Alter trotz ihres Charismas zur Nebenfigur wird und sich ihr Einsatz ( ein langsames Überschreiten der Bühne mit langer Schleppe als Zeichen ihres schweren Ganges zum König sowie eine beobachtende Funktion) beinahe als Verschwendung  einer großen Künstlerin einzustufen ist.

Bildet der erste Akt also einen kompletten Durchlauf der Handlung zu diversen live auf der Bühne gespielten Streichquartettsätzen von Robert Schumann, die für Mossés Schilderungen von elektronischem Klanggewitter Martin Donners unterbrochen werden und die allesamt auf der Szene befindlichen Tänzer zu Bildern erstarren lässt, so sehen wir uns im zweiten Teil einer abstrakten Verarbeitung gegenüber. Vor einer niedrigen Video-Projektionswand ( Schriften der Scuderi, die mit einem funkelnden Collier zu sehen ist) konzentriert sich fast alles auf drei Paare, die sich nur beim Vertrautsein mit den Stuttgarter Tänzern in ihre bisherigen Rollen zuordnen lassen. Warum Cardillac mit einem seiner nun glanzlos schwarzen Edelsteine und der Präsident der gefürchteten Chambre ardente (Gerichtshof zur Aufklärung u.a. der Juwelenmorde) mit einem anderen Schmuckstück zum Pas de deux zusammenfindet, das bleibt im Dunkeln. Immerhin gibt es hier puren, im typischen Spuck-Stil entworfenen neoklassischen Tanz zu passend in sich kreisenden Kompositionen Philipp Glass und ganz damit verwachsene Solisten der Compagnie zu beobachten. Statt einer fall-gemäß detaillierten Aufklärung mit Hilfe des Advokaten D’Andilly, des gräflichen Offiziers Miossens und zuletzt des Königs treibt der dritte Akt mit beinahe unaufhaltsamer Atemlosigkeit zu entsprechend vorwärts drängender Musik des Beethoven stilistisch aufgreifenden Zeitgenossen Michael Torke einem überraschend schnellen Ende entgegen, als wäre die Probenzeit knapp geworden. Drei ständig kreisende herrschaftliche Barocktüren halten das gesamte Personal im Dauertrab des Begehrens einer Erlösung von diesen bedrohlichen Verbrechen und symbolisieren hier wohl gleichzeitig die Gier der Masse. Mit dem letzten Takt erdolcht  der Gerichtshofspräsident die übereifrig mitmischende S., die als Nachklang noch ein erschauerndes Lachen hinterdrein schickt. Ob der als korrupt geltende Präsident letztlich etwas dagegen hatte, dass Olivier von der Dichterin vor dem Galgen gerettet wurde?

Selten ist über die Solo-Partien in einem Handlungsballett so wenig zu sagen wie hier, deshalb mögen sich die vor allem als Schauspieler doch unterforderten Tänzer mit einer bloßen Aufzählung und ihren Rollen begnügen. Ausnahme: Marijn Rademaker, der als bestürzend von seinem Zwang gebeutelter Künstler Cardillac mit Zügen des Wahnsinns und der Selbstzerstörung wie schon bei seinem Jago wieder einmal verblüffend sein Naturell zu überspielen wusste. In der zweiten Vorstellung teilten sich kurzfristig Roland Havlica und Damiano Pettenella, der ansonsten als Polizeiminister Argenson zu sehen ist, seine Rolle und taten dies zumindest in der rein choreographischen Umsetzung mit untadelig genauem Zugriff. Die weiteren Beteiligten sind: Katja Wünsche (die etwas zu selbstsichere Madelon), William Moore (Olivier), Jason Reilly (Präsident La Regnie), Matteo Crockard-Villa (Detektiv Degrais), Arman Zazyan (König Ludwig XIV.), Daniela Lanzetti bzw. Oihane Herrero (Marquise Maintenon), Alexander Zaitsev (D’Andilly) und Roman Novitzky (Graf Miossens).

Die in großen Vitrinen liegenden Edelsteine entpuppen sich als leibhaftige Tänzerinnen in prachtvollen Teller-Tutus mit aufgestickten echten Juwelen, die ebenso wie das Collier der Scuderi vom berühmten Haus Swarowsky zur Verfügung gestellt wurden. Eine tiefere Verbindung zu Cardillac oder zur Handlung im allgemeinen wird indes nicht hergestellt. So beeindrucken Alicia Amatriain (Diamant), Anna Osadcenko (Rubin), Myriam Simon (Saphir) und Angelina Zuccarini (Smaragd) als abstrakte Hingucker ebenso wie die reichhaltigen phantasievollen Kostümkreationen und Hochfrisuren im Barock-Stil von Emma Ryott, die auf der sparsam ausgestatteten Bühne (eine fahrbare Wand mit einem Stich vom Louvre, die erwähnten Türen, diverse Rokoko-Tische und Stühle) über einem schachbrettartigen Glasdach umso mehr herausstechen. Die Gruppen-Bewegungen (meist Paare) des anfangs schwarz gekleideten Volkes werden allerdings vor dem ebenfalls schwarz ausgekleideten Hintergrund zum Teil verschluckt, da kann auch die ansonsten subtile Lichtregie von Reinhard Traub nicht viel ausgleichen.

Das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von James Tuggle bzw. Wolfgang Heinz entwickelt im zweiten und vor allem dritten Akt jene Antriebskraft, die von der Choreographie ausgehen sollte. Doch diesbezüglich hat Christian Spuck zum Abschied nur wenig Neues und für den ergiebigen und emotional packenden Vorlagenstoff zu viel Unterkühltes geboten. Sicher waren nach der so überaus tragfähigen und gleichzeitig unterhaltenden Vermittlung der Langeweile von „Leonce und Lena“ in der vergangenen Spielzeit die Erwartungen zu hoch geschraubt. Dennoch wurde auch das „Fräulein von S.“ überaus positiv, nur eben nicht so euphorisch aufgenommen.                      
Udo Klebes

 

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