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STUTTGART: 50 JAHRE „ROMEO UND JULIA“ – Ballett. Bewegendes Jubiläumsfest der Liebe

Stuttgarter Ballett: „ROMEO UND JULIA“ 2.12.2012 – Bewegendes Jubiläumsfest der Liebe


Foto: Stuttgarter Ballett

Seit 50 Jahren beglückt dieser Shakespeare-Klassiker, mit dem Stuttgarts unvergesslicher Ballettdirektor John Cranko am 2. Dezember 1962 seinen choreographischen Durchbruch gefeiert hatte, das Publikum in aller Welt – denn seine Inszenierung wurde und wird nicht nur auf unzähligen Gastspielen von der Stuttgarter Compagnie, sondern auch von vielen anderen großen Ballett-Ensembles rund um den Globus getanzt. Die Ausstrahlung dieser Meister-Choreographie in Verbindung mit den kontrastreichen und nie schwer wirkenden Bühnenbildern und Kostümen von Jürgen Rose ist eine dauerhafte Garantie für die international begeisterte Aufnahme, ihre einfache und doch detailreiche und so musikalisch genau auf Prokofjews Partitur eingehende Erzählweise von zeitloser Vielfalt und Identifikationskraft, dass die Tänzer und Darsteller auf dieser dankbaren Basis hinreichend Spielraum haben, ihre eigenen Interpretationen einfließen zu lassen. Nicht weniger als 32 Romeos und 35 Julias haben in diesen 50 Jahren alleine zuhause in Stuttgart das Publikum mitfiebern lassen und zu Tränen gerührt. Trotz zahlreicher Versuche anderer Choreographen hat sich Crankos Version am entschiedensten durchgesetzt und höchste Anerkennung gefunden. Sie ist somit der Berühmtheit der Shakespeare-Vorlage entsprechend das weltweit bekannteste und verbreiteteste Ballett-Drama. Der damalige Intendant des Hauses, Walter Erich Schäfer, hatte Recht mit seiner Prophezeiung, als er dieses Werk mit einer vor dem dunklen Horizont aufgehenden Sonne verglichen hatte. Ihre Strahlen sind unvermindert kräftig und von einer Faszination, dass es unmöglich ist, sich ihrer zu erwehren.

Dass so ein besonderes Jubiläum nicht mit einer belanglos besetzten Repertoire-Vorstellung begangen werden kann, das war sowohl Reid Anderson als auch dem Stammpublikum klar. Was lag bei allen eventuellen Problemen der Durchführbarkeit näher, die noch lebenden Protagonisten des damaligen Erfolges zu einer Gesprächsrunde zu bitten, um über die Entstehung dieser Choreographie aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen. Und so versammelten sich bereits an diesem Sonntag-Vormittag auf der Vorderbühne des Opernhauses die Ur-Julia Marcia Haydée, der erste Romeo Ray Barra, das spätere Alternativ-Paar Birigt Keil und Vladimir Klos, die unverwüstliche Choreologin und eine der Zigenunerinnen der ersten Stunde Georgette Tsinguirides, der erste Graf Paris und spätere Parade-Mercutio Egon Madsen, der gleich mit dieser seiner ersten Arbeit fürs Ballett hohes Ansehen errungene Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose und natürlich Hausherr Reid Anderson selbst, der noch unter Cranko getanzt und der Graf Paris jener legendären Aufführung beim ersten USA-Gastspiel der Compagnie in New York 1969 war, die ihren Weltrang begründet hatte.

Es fällt schwer, aus den zur Sprache gebrachten Anekdoten bzw. Fußnoten einige herauszugreifen, weil sie letztlich alle von so viel Emotionalität begleitet waren, als wäre alles erst gestern gewesen. Besonders wertvoll erscheint die Schilderung Jürgen Roses vom Arbeitsprozess am Bühnenbild, wie Cranko seine mit Zirkel und Maßstab vorbereiteten Skizzen ohne zu zögern zerrissen hatte und ihm befahl, seine Ideen noch einmal ohne Hilfsmittel, sozusagen als freie Linie mit dem Stift zu entwerfen, denn das andere könne schließlich jeder Techniker. Diese Spontaneität einerseits und Zweitrangigkeit technischer Präzision andererseits war es auch, die ihn laut der Tänzer beim Choreographieren auszeichnete. Nicht die genaue Ausführung einer Figur oder verschiedener Schritte interessierte ihn, sondern das Wie, die Details, die einer Bewegung erst einen Sinn geben. Die grobe Struktur mit Drehungen, Hebungen, Sprüngen hatte er schnell ausgearbeitet, den größten Teil der Proben verbrachte er mit der Ausarbeitung der sogenannten kleinen, manchmal noch so scheinbar unwichtigen oder nebensächlichen Dinge. Die Tänzer haben bald verstanden wie recht er hatte und das Publikum begreift bis heute, dass genau diese Kleinigkeiten sein Werk so groß erscheinen lassen, und sie alle zu entdecken auch noch den fünfzigsten oder hundertsten Vorstellungs-Besuch so lohnend macht.

Natürlich ganz besonders die abendliche Jubiläums-Aufführung, bei der sämtliche kleineren Partien, soweit dies bei diesem Stück überhaupt gesagt werden kann, mit den Stars von damals bzw. der letzten Ägide besetzt wurden, während die Hauptpartien selbstverständlich den Glanz des derzeitigen Ensemble ausstellen sollte. Nein, für Galas werden beim Stuttgarter Ballett nicht unbedingt Gaststars benötigt, schon gar nicht an diesem Abend, der dem Anlass entsprechend eine große Familienfeier mehrerer Tänzer-Generationen war.

Späte Rollendebuts feierten: Marcia Haydée, die auch als Amme mit Herz und komödiantischem Sinn bewies, welches unverwüstliche Bühnentier sie ist; Egon Madsen als Pater Lorenzo mit väterlicher Güte, Birgit Keil und Vladimir Klos als herrschaftliches Paar Lady and Lord Capulet, Ray Barra als machtvoll Versöhnung gebietender Herzog von Verona, Melinda Witham und Robert Conn als würdevoller als sonst die Bühne beherrschendes gräfliches Paar der Montagues und Julia Krämer, die Romeos erste Flamme Rosalinde so viel Persönlichkeit und Ausstrahlung verschaffte, dass ihr mehr Aufmerksamkeit verschafft wurde.

Zur kleinen Sensation wurde gar der Auftritt von Georgette Tsinguirides, die für den ersten Akt an der Seite von Yseult Lendvai und Sonia Santiago noch einmal in das Kostüm einer der drei Zigeunerinnen schlüpfte, die sie bereits bei der Uraufführung war, und mit einer staunenswerten Agilität, Temperament und effektiver Bühnen-Präsenz ihr Alter Lügen strafte.

Das Zentrum des Abends bildete rollengerecht selbstverständlich das Liebespaar, wobei Friedemann Vogel die Verliebtheit Romeos, seine Freude, aber auch seinen Kummer in Verbindung mit seiner scheinbar grenzenlose Möglichkeiten bietenden technisch-körperlichen Ausstattung weitaus natürlicher und strahlender über die Rampe brachte als Alicia Amatriain, deren Julia phasenweise etwas steril wirkte und erst im Drama des dritten Aktes an Überzeugungskraft und darstellerischer Intensität gewann.

Sichtbarer Spaß herrschte zwischen den Freunden, so ausgelassen und mit der von ihm gewohnten Tempo-Präzision stürzte sich Filip Barankiewicz bis zur berührend zwischen Lachen und Weinen gestalteten Todesszene in den Mercutio, begleitet vom mehr als meist auffallenden Benvolio, schließlich schlüpfte da kein anderer als der blonde Schwarm Marijn Rademaker für diesen Abend noch einmal in diese ehemalige Rolle.

Korrekt und finster stellte Nikolay Godunov als Tybalt gebührend arrogant und herausfordernd seinen Mann, freundlich distanziert wirkte Alexander Jones in seiner Stuttgarter Debut-Rolle als Graf Paris und bekam dafür im Gegensatz zur normalen Applausordnung aufgrund der selbstverständlichen Extra-Vorhänge für die anderen kleineren Partien an diesem Abend auch einen verdienten Solo-Vortritt.

Katarzyna Kozielska, Alessandra Tognoloni und Oihane Herrero übernahmen den tänzerisch aktiveren Teil der Zigeunerinnen im zweiten Akt, wo der Faschingstanz als Luxus-Ausgabe von Jason Reilly als Prinz mit viel Würze und Laune machender Beweglichkeit angeführt wurde. Wie immer lebendig und inspiriert beteiligt das Corps de ballet in seinen diversen Aufgaben. Auch Wolfgang Heinz sorgte mit dem Staatsorchester Stuttgart dafür, dass sich die Musik mit der gebotenen Differenzierung und den abrupten Stimmungswechseln entfalten konnte.

Wie nahe Freude und Trauer, Glücksgefühl und Schmerz gemäß Shakespeare und Cranko beieinander liegen, bestätigte auch dieses Geburtstagsfest. Am Vormittag endete der Rückblick mit persönlichen Worten der Beteiligten über den im August verstorbenen Richard Cragun, dem nicht nur diese spezielle Aufführung, sondern die ganze Spielzeit gewidmet ist. Floss da so manche Träne und brachte den oder die andere kurz aus der Fassung, so regierte am Schluss der abendlichen Vorstellung große Freude und lang anhaltende Begeisterung, in die auch Jürgen Rose verdient noch einmal einbezogen wurde.

Letzteres bei sicher noch vielen Reprisen in der Zukunft!

 Udo Klebes

 

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