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STUTTGART: ONEGIN – Ballett – Bestätigung eines preiswürdigen Titelhelden

Stuttgarter Ballett: „ONEGIN“ 11.7.2012 – Bestätigung eines preiswürdigen Titelhelden


Willkommener Titelrollen-Nachwuchs: Evan McKie als Onegin. Copyright: Stuttgarter Ballett

Passend genau zu diesem Abend, dem ersten einer neuen, sich bis in den November erstreckenden Serie von Aufführungen des Puschkin-Cranko-Meisterwerks, wurde die Auszeichnung Evan McKies mit dem Prix Grand Merit des Premio Internazionale ApuliArte bekannt: für Weltklasseleistungen in seiner Kunst, bezogen u.a. auch auf die Auftritte als Onegin beim Ballett de l’Opéra National de Paris im vergangenen Dezember, wo er für einen verletzten Ètoile kurzfristig eingesprungen war. Wie schön, dass er nun gleich zuhause in dieser Partie diese Preisvergabe rechtfertigen kann. Mit einer Interpretation, die seit seinem Debut im Januar 2010 (mit lediglich zwei Vorstellungen), durch inzwischen weitere Gastspiele auch in Korea, um etliche Grade vertieft und verinnerlicht worden ist. Traten damals bereits McKies ideale Anlagen für den snobistischen Lebemann in einer von Grund auf erfassten Gestaltung zutage, so sind der Tänzer und der Schauspieler inzwischen zu jener Deckung verschweisst, die für Crankos ganzheitliche Charakterzeichnungen generell erforderlich ist.

Bereits der erste Auftritt, die Vorstellung bei Larins, signalisiert die hochmutige Haltung des Gelangweilten, der Tatjanas Schwärmerei mit Stirnrunzeln und später auf ihrem Geburtstagsfest mit Hohn sprechenden Augenaufschlägen begegnet. Wie er sich durch kleine Gesten wie ein Sich am Kopf Fassen oder eine abweisende Hand stets um Fassung bemüht ist und sich dann im spontan erzwungenen Tanz mit Olga verlustiert, trägt viel zur Spannung bei. Auch jenen entscheidenden Moment, wo sich Onegin nach dem Duell durch Tatjanas strengen Blick seiner Schuld langsam bewusst wird, macht McKie mit gebrochenem Gesichtsausdruck als Knick in seinem Leben begreifbar. Jene Leidenschaft, die sich schon im Spiegel-Pas de deux als Tatjanas Vision in lockenden Blicken bei ihm abzeichnete, kommt am Ende mit allen Mitteln im verzweifelten Kampf um die einst Abgewiesene zum Ausbruch.

Bei dieser nunmehr runden, aber Verfeinerungen für die Zukunft offen lassenden Rollen-Ausformung macht der hochschlanke Kanadier stets eine klassisch-elegante Figur mit genauer Linien-Kontrolle.

Im neu gestalteten Programmheft wird sogar durch ein Foto vermittelt, mit welch jugendlich erfrischender Tatjana (Myriam Simon) er damals das gemeinsame Rollendebut gefeiert hatte. Diese Partnerschaft nun auseinander zu reißen und durch Alicia Amatriain zu ersetzen, erweist sich leider als handicap für die Glaubwürdigkeit des Stückes. Der blonden Spanierin ist das naiv nach Onegin fiebernde Mädchen nicht mehr abzunehmen, da spielt eine deutlich zu reife Tänzerin mit gekünstelt maskenhafter Mimik auf Jung. Als lebenserfahrene Frau des Fürsten Gremin kann sie im dritten Akt punkten, aber auch da fehlt es der lyrischen Idylle an der Seite des Gatten wie auch dem dramatischen Zwiespalt der finalen Begegnung gegenüber der natürlichen Rollen-Identifikation ihres Partners an durchgehender Überzeugungskraft. Sehr schade, auch weil sich in technischer Hinsicht beide auf Augenhöhe begegnen, darin verschmelzen und die riskanten Würfe und Hebungen ohne angstvolle Momente einen Genuss für den Zuschauer bedeuten.

Beim zweiten Paar stimmten denn beide Faktoren. Hyo-Jung Kangs fröhlich selige Olga mit mittlerweile differenzierter Ausspielung der Konfrontationen im zweiten Akt und weich federnden Beinen ist ein wahrer Quell der Freude am Tanzen – solo wie auch im solcherart mit dem ganz in sich ruhenden Lenski von Friedemann Vogel himmlisch abhebenden Pas de deux, dass sich an dessen Ende beider Glück noch in einem wohltuend befreienden Ausatmen kundtat. Vogels zunächst sonnig gestimmter und dann in seiner Ehre zutiefst gekränkter Dichter greift vor dem Duell die von Viola und Oboe beschworene Erinnerung an vergangene Tage und die Verzweiflung über das verlorene Glück mit scheinbar unbegrenzter körperlicher Entäußerung und zutiefst berührender Verinnerlichung auf.

Damiano Pettenella ist als Gremin die im besten Sinn völlig unaufdringliche sichere Stütze für seine Frau, Ludmilla Bogart (Amme) und Melinda Witham (Larina) sind zu lieb gewonnenen Charakter-Institutionen der Komapnie geworden. Das Corps de ballet füllt die Handlung gemäß den verschiedenen Szenen mit Saft, Witz und Noblesse. James Tuggle und dem Staatsorchester Stuttgart wäre bei aller vorwärts treibenden Kraft und Lebendigkeit manchmal etwas mehr an Delikatesse zu wünschen.

Trotz Einschränkungen eine Aufführung mit vielen Stärken und entsprechend euphorischem Zuspruch.

Udo Klebes

 

 

 

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