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STUTTGART: THE LADY AND THE FOOL / GAITÉ PARISIENNE

30.06.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett: „THE LADY AND THE FOOL“/ “GAITÉ PARISIENNE” 29.6.2012 – Erlebnis Liebe


Berührendes Liebeserwachen: Myriam Simon (Lady) und Alexander Jones (Moondog). Copyright:  Stuttgarter Ballett

Was bereits bei ihrem gemeinsamen Debut als Katharina und Petrucchio in Crankos “Zähmung” zu spüren war, wiederholte sich jetzt auch in völlig anderer Konstellation und mit grundverschiedener Ausgangs-Position bei ihrem Einstieg als des oberflächlichen Glanzes überdrüssiger Lady und des Clowns Moondog: Myriam Simon und Alexander Jones finden im Miteinander zu einer aus Vertrautheit und Entschlossenheit resultierenden Harmonie, die sich spontan in ihren gegenseitigen Gefühlen niederschlägt. Zunächst bleibt vor allem Simon noch etwas reserviert und unverbindlich hinter ihren Masken verborgen, zeigt vorerst konzentriert mehr ihre sichere und stabile, Eleganz wahrende Technik im Umgang mit den choreographischen Anforderungen (weniger die lebensmüde Frau), ehe ein großer Pas de deux das Liebeserwachen umso überwältigender ausbrechen lässt. Da blüht beider Mimik derart erfrischend natürlich und strahlend auf, dass sich Herzenswärme und unbeschreibliches Glücksgefühl zum raumgreifenden Erlebnis ausweitet. Zuvor hat sich Jones in der Zweisamkeit mit seinem Gleichgesinnten Bootface weniger clownsbetont, mehr auf direkte Art mit fein humoristischem Sinn gezeigt. Und der ebenfalls debutierende Louis Stiens wusste den Kompagnon als im Stuttgarter Ensemble auffallend klein gewachsener Tänzer mit jenem Anflug von Wehmut und Hilfsbedürftigkeit auszustatten, der dieser Rolle das verdiente Mitgefühl sichert. Die Schwermut und Problemlastigkeit seiner bisherigen Arbeiten als Choreograph ist hier sozusagen in sein überaus eloquentes und ausdrucksfähiges Charakter-Material mit eingeflossen. Nach dem wiederum sehr sauber, mit präziser Linie und akkuraten Drehungen hingelegten ( gestalterisch eher zurückhaltenden) Gastgeber in Crankos Einakter war Brent Parolin nach der Pause auch noch zum ersten Mal als Offenbach in Maurice Béjarts skurril konzipierter Paris-Revue gefordert. Angesichts der schwülen Hitze dieses Tages konnte nur bewundert werden, wie er sich von der Ausgelassenheit und Überdrehtheit dieser Figur hinreißen ließ und nach noch vorsichtig die Bühne vereinnehmendem Start zu mitreißender Form fand. Eine speziellere Note wird er diesem Part sicher in Zukunft noch abgewinnen.

Als neues von Madame erträumtes Liebespaar stellten sich ebenfalls erstmals Anna Osadcenko und Marijn Rademaker ein und konnten darin noch nicht ganz zum erwünschten Höhepunkt abheben, aber doch mit purer klassischer Tanz-Demonstration überzeugen. Miriam Kacerova und Jesse Fraser komplettierten die Debutanten dieser Aufführungen (mit leider nur einer Folgevorstellung) als Ballerina und Ballerino.

An der Spitze dieser Aufführung stand diesmal wieder der so drollige Kindlichkeit an den Tag legende und so spielerisch leicht misslingende Übungen und Patzer einbauende Bim von Arman Zazyan. Die Madame von Sue Jin Kang ist indes noch zu einseitig und teilweise auch künstlich auf Strenge ausgelegt, die fehlende ausgleichende Herzlichkeit nimmt dieser speziellen Rolle bei aller Bühnenpräsenz doch einiges von ihrer menschlichen Größe.

James Tuggle gelang es mit dem Staatsorchester Stuttgart auch über so manche Grobheiten hinweg die beiden Werke mit Verdi bzw. Offenbach musikalisch einzuheizen und damit für überwiegend gute Stimmung im Publikum zu sorgen.

Udo Klebes

 

 

 

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