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Streichquartett im Aufwind: Neues vom Heath Quartet und dem Jerusalem Quartet Tchaikovsky und Bartók in mustergültigen Interpretationen – harmonia mundi CDs

31.01.2017 | Allgemein, cd

Streichquartett im Aufwind: Neues vom Heath Quartet und dem Jerusalem Quartet

Tchaikovsky und Bartók in mustergültigen Interpretationen – harmonia mundi CDs

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Für das 2002 gegründete britische Formation „Heath Quartet“ markieren die Tchaikovsky Quartette Nr. 1 und 3 die erste Zusammenarbeit mit dem Label harmonia mundi und man kann nur sagen: Volltreffer! Die jungen Professoren für Kammermusik an der Guildhall School of Music & Drama (Oliver Heath, Cerys Jones, Gary Pomeroy, Chris Murray) bannen das wunderbar spielerische und melodiöse Werk des 31- jährigen Tchaikovsky (1871) ganz in klassizistisch charmanter Manier in einen ganzen Zauberwald an Tönen. Stilistische Anleihen bei Schubert, Haydn oder Beethoven überzieht der geniale Russe mit einem feinen slawisch melancholischen Schleier. Beim Andante cantabile soll einst sogar Tolstoi in Tränen ausgebrochen sein. Der Hörer versteht es und ist glücklich. Fünf Jahre später folgte das dritte Streichquartett, im Andenken an den Primgeiger Ferdinand Laub geschrieben. Demzufolge erklingt im dritten Satz einprägsamer Trauermarsch. Im übrigen ist die Textur des späteren Werks weitaus symphonischer angelegt, was die vier formidablen Musiker dazu anstachelt, alle Kontraste, das Stürmische und Zögernde, das Intime und forsche Rhythmen, mit ungeheurem Musikantentum und traumwandlerischer Fabulierlust auszuspielen. Eine  großartige CD zum Hören und immer wieder Hören!

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Das renommierte israelische Jerusalem Quartet (Alexander Pavlovsky, Sergei Bresler, Ori Kam, Kyril Zlotnikov) hat sich in der neuen Einspielung für harmonia mundi die Quartette Nr. 2, 4 und 6 von Béla Bartók vorgenommen. Jedes der 1909 bis 1939 entstandenen Quartette ist laut dem exzellenten Aufsatz von Claire Delamarche im Booklet „aus er Mitte des Bartók‘schen Genies geboren. Jede eine Gussform verflüssigten Materials, aus der später in Gestalt der großen Bühnen- und Orchesterkompositionen die unterschiedlichsten und glanzvollsten Gestirne hervorgehen konnte.“ Verarbeitete Bartók im zweiten Quartett arabische und rumänische Volksmusik, so griff er im vierten auf die Kanontechnik alter italienischer Meister wie Frescobaldi oder Domenico Scarlatti zurück. Die in ihrem Spiel die klaren Strukturen und neutönenden  Techniken (neue Glissando und Vibrato Varianten, „Bartók Pizzicato“) auslotenden Musiker spannen einen leuchtenden Spagat zwischen archaischen Traditionen und zeitloser Avantgarde. Das bekenntnishafte sechste Streichquartett ist ein trauriger in Tönen gegossener Spiegel der Zeitläufte um seine Entstehung 1939. Bartók verlor seine Mutter und entschloss sich, in die USA zu emigrieren. Angst und Depression kennzeichnen die Musik, der das Jerusalem Quartet in tiefer Emotionalität und Radikalität ein einzigartiges interpretatorisches Denkmal setzt. Der von Leukämie gezeichnete Komponist konnte das kaum skitzzierte siebente Streichquartett nicht mehr vollenden.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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