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STRASSBURG: KATJA KABANOWA

01.02.2012 | KRITIKEN, Oper

Großer Opernabend in Straßburg: „Katja Kabanowa“ von Leoš Janáček  am 31. 1. 2012)


Die slowakische Sopranistin Andrea Danková in der Titelrolle (Foto: Alain Kaiser)

 An der Opéra national du Rhin in Straßburg kam erstmals die Oper „Katja Kabanowa“ von Leoš Janáček in tschechischer Sprache mit deutschen und französischen Übertiteln zur Aufführung, deren Uraufführung 1921 in Brünn stattfand. Das Libretto verfasste der Komponist nach dem Schauspiel Das Gewitter von Alexander Ostrowskij.

 Die dreiaktige Oper spielt in der fiktiven Kleinstadt Kalinow am Ufer der Wolga in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Ihre Handlung, in Straßburg vermutlich vom Regisseur leicht abgeändert: Am Ufer der Wolga versucht Kudrjasch der Magd Glascha die Schönheit des Stroms nahezubringen. Der vorbeikommende Kaufmann Dikoj schilt seinen Neffen Boris. Als Kudrjasch seinen Freund fragt, warum er sich von seinem Onkel so behandeln lässt, erzählt ihm Boris, dass er und seine Schwester laut dem Testament ihrer Großmutter ihr Erbe nur erhalten, wenn sie bis zur Großjährigkeit ihrem Onkel gehorchen. Und er gesteht seine Liebe zu Katja, der Frau des Tichon Kabanow. – Katja erzählt der teilnahmsvollen Barbara von ihrer glücklichen Jugend und gesteht ihr die heimliche Liebe zu einem anderen Mann. Als Tichon sich von ihr verabschiedet, um auf Wunsch seiner Mutter für zwei Wochen nach Kasan zu reisen, fleht sie ihn an, sie mitzunehmen. Doch Tichon gibt nicht nach und ermahnt sie, gehorsam zu sein.  – Die Kabanicha wirft Katja vor, Tichon nicht zu lieben, sonst hätte sie länger über seine Abreise geklagt. Barbara steckt Katja den Schlüssel zum Gartentor zu, den sie der alten Kabanowa entwendet hat, und erklärt ihr, Boris dort hinzubestellen. Unter Gewissensqualen entscheidet sich Katja, zu Boris zu gehen. – Vor der Gartenpforte trifft Boris seinen Freund Kudrjasch, der ihn vor der Liebe zu Katja warnt. Während Kudrjasch mit Barbara zum Fluss geht, kommt Katja. Boris und Katja gestehen einander ihre Liebe, wobei sie bereit ist, die Konsequenzen des Ehebruchs zu tragen. Im Morgengrauen rufen Kudrjasch und Barbara das Liebespaar zurück. – Zwei Wochen später suchen Menschen Schutz vor einem Gewitter. Dikoj wirft Kudrjasch Gotteslästerung vor, weil dieser erklärt, Blitze seien keine Strafe Gottes, sondern elektrische Entladungen. Barbara erzählt Boris, dass Katja seit Tichons Heimkehr dem Wahnsinn verfallen sei. Das reinigende Gewitter entspricht Katjas reumütiger Einstellung. Von Blitz und Donner geängstigt, kommt Katja, fällt vor Dikoj, Tichon und seiner Mutter auf die Knie und gesteht ihren Ehebruch. Während der zehntägigen Abwesenheit ihres Mannes habe sie jede Nacht mit Boris verbracht. Als Dikoj und Tichons Mutter sie scharf verurteilen, stürzt Katja in das Unwetter hinaus. – In der Abenddämmerung sucht Tichon, der seine Frau liebt und ihr vergibt, nach Katja. Barbara und Kudrjasch möchten gemeinsam nach Moskau fliehen. Katja deutet Gesänge aus der Ferne als Lockungen des Flusses und sehnt sich nach dem Tod. Sie verabschiedet sich von Boris, den sein Onkel auf eine Geschäftsreise nach Sibirien schickt. Wie in Trance singt Katja zum letzten Mal eine Melodie aus ihrer sorglosen Jugend, bevor sie im Fluss den Tod sucht. Kuligin sieht, wie sie sich in die Fluten stürzt und ruft um Hilfe. Menschen eilen herbei und finden Katjas Leiche. In seiner Verzweiflung hat Tichon endlich die Kraft, sich gegen seine Mutter aufzulehnen, und gibt ihr die Schuld an Katjas Tod. Ungerührt dankt die Alte den Umstehenden für deren Anteilnahme.

 Robert Carsen inszenierte das Drama poesievoll und in stimmungsvollen, sehr ästhetisch wirkenden Bildern. Er lässt die Oper vom Anfang bis zum Schluss auf einem gefluteten Bühnenboden spielen, wobei 24 „Nixen“ in weißen Kleidern – sie tummeln sich schon während der Ouvertüre im angedeuteten Flussbett (Choreographie: Philippe Giraudeau) – die Bretter im Wasser je nach Bedarf neu auslegen. Kreativ die Lichteffekte (vom Regisseur und von Peter Van Praet), die immer wieder für raffinierte Spiegelbilder im Wasser und auf der Rückwand der Bühne sorgten. Für Bühnengestaltung und Kostüme zeichnete Patrick Kinmonth verantwortlich.

 Die klangschöne und von lyrischem Einfallsreichtum geprägte Partitur des Komponisten wurde vom Orchestre philharmonique de Strasbourg unter der Leitung des Wiener Dirigenten  Friedemann Layer prächtig wiedergegeben. Eindrucksvoll schon die Ouvertüre, die den Widerstreit der Gefühle der handelnden Personen der Oper vorwegnimmt und das Publikum in die Dramatik des Werks eintauchen lässt.

Für einen musikalisch erstklassigen Abend sorgte darüber hinaus ein internationales, stimmlich gut ausgewogenes Ensemble. In der Titelrolle faszinierte die Slowakin Andrea Danková mit ihrem ausdrucksstarken Sopran, mit dem sie alle ihre Gefühlsschwankungen wiedergab. Dass sie fast stets barfuß auftrat, war vom Regisseur wohl als Symbol für ihre Unterwürfigkeit gemeint. Als Boris war ihr Landsmann Miroslav Dvorsky, der in seine kräftige Tenorstimme die ganze Leidenschaft eines Liebenden legte, eine Idealbesetzung. Der belgische Tenor Guy de Mey gab rollengerecht einen demutsvollen Sohn der Kabanicha, die von der Schweizer Mezzosopranistin Julia Juon als harte, unsympathische Schwiegermutter gespielt wurde. Als Dikoj polterte der kasachische Bassbariton Oleg Bryjak über die schmalen Bretter der Wasserbühne. Rührend seine Szene, als er als Betrunkener vor der Kabanicha auf die Knie sinkt. Als Liebespaar Kudrjasch – Barbara überzeugten der italienische Tenor Enrico Casari und die polnische Mezzosopranistin Anna Radziejewska mit innigem Gesang. Zu nennen sind noch der in Bratislava geborene Bass Peter Longauer als Kuligin und die bulgarische Mezzosopranistin Nadia Bieber als Magd Glascha.

 Schon beim Fallen des Vorhangs tönten vom Rang erste Bravorufe. Ein nicht enden wollender Applaus dankte dem gesamten Ensemble, dem Dirigenten und dem Orchester für ihre beeindruckenden Leistungen, die dem Publikum einen großen Opernabend beschert hatten.

 Udo Pacolt, Wien – München

 

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