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STRASBOURG: WERTHER – Carneval bei IKEA

Massimo Giordano (Werther) ©KlaraBeck
Massimo Giordano (Werther). Copyright: Klara Beck

Strasbourg: „WERTHER“ – 11.2. 2018-  Carneval bei Ikea

 Mit der Neuproduktion von Jules Massenets „Werther“) eröffnete die opéra national du rhin am 9. Februar „ihre“ Carneval-Saison. Mein Interesse galt der Aufführung 2 Tage später am Sonntagnachmittag. Das Spectacle, von Tatjana Gürbaca in Szene gesetzt, erwies sich zum Fasching durchaus legitim. Dachte ich jedoch zurück an die traumhafte Produktion des Teams Mariame Clément/Julia Hansen in der Spielzeit 2008/09,  kamen mir die Tränen.

Auf ganz besondere persönliche Weise verstand es die Regisseurin (wie in früheren Produktionen erlebt) Opern-Libretti zu verfremden und zu „aktualisieren“. Doch davon später.

Musiziert wurde auf gutem Niveau. Die junge Dirigentin Ariane Matiakh leitete effektvoll das bestens disponierte Orchestre symphonique de Mulhouse und fand stets zur richtigen Balance zwischen auftrumpfender Dramatik, kantilenseligen Lyrismen sowie dem idealen Gespür für ausgewogene Tempi. Plastisch und transparent erklangen die Celli und die anderen Streicher, zarter Harfenklang und sauber intonierende Blechfraktionen rundeten Massenets Instrumentalkunst auf akustisch angenehme Weise ab.

In der langen Liste meiner Werther-Interpreten hatte Massimo Giordano einen schweren Stand. Wirkten die bisher live erlebten vokalen Qualitäten des Tenors in meinen Ohren keineswegs überzeugend, so verstärkte sich dieser Eindruck nun. Optisch entsprach der attraktive Italiener dem Ideal des schwärmerischen Werthers und gestaltete den unglücklich Verliebten expressiv den Intentionen der Regie folgend. Vokal blieben jedoch einige Wünsche offen: unstet die Stimmführung mit den unüberhörbaren Registerbrüchen, der fehlende Schmelz in den Kantilenen, das für meinen Geschmack wenig ansprechende Timbre. Punkten konnte der international gefragte Sänger jedoch mit exponiert angesteuerten Höhenflügen, mit welchen er auch das Straßburger Publikum zu beeindrucken schien.

Anaik Morel (Charlotte) Régis Mengus (Albert)  (c) Klara Beck
Anaik Morel (Charlotte) und Régis Mengus (Albert). Copyright: Klara Beck)

Äußerst glaubwürdig und überzeugend, mit sparsamer Gestik, portraitierte Anaik Morel die Zerrissenheit der Charlotte. Wie auch ihr tenoraler Partner vermochte  sie erst nach der Halbzeit mit imponierender Vokalisen zu überzeugen. Ihrem Mezzosopran fehlten zwar die warmen Couleurs, das sinnliche Timbre,  doch die Sängerin fand die richtigen Töne zu den sensiblen Passagen und für besondere Attacken in den den dramatischen Momenten.

Mit angenehm leichtem Sopran verlieh Jennifer Courcier der Sophie ansprechend persönliches Profil. Mehr ausdrucksstark denn stimmschön umriss mit mächtigem Bariton Régis Mengus den Albert. Seinen markanten Bass schenkte Kristian Paul der Vaterfigur des Le Bailli. Schönstimmig fügten sich Marta Bauzá (Käthchen), Loic Félix (Schmidt), Jean-Gabriel Saint-Martin (Johann), Stefan Sbonnik (Brühlmann) sowie Petits chanteurs de Strasbourg sowie Choeurs sopranes (Sandrine Abello) in die szenisch fragwürdigen Turbulenzen.

Großzügig gewährter langer Beifall und Bravos belohnten das Ensemble, das Orchester und Dirigentin.

In den pot-au-feu warf Köchin Gürbaca wenig glaubwürdige dramaturgische Konstellationen der Protagonisten, umso mehr plakative, unfreiwillig komische Aspekte, Zu- und Abgänge aus Truhe, Fenstern, Kaffeeklatsch im Altenheim, die Geschirr spülende Charlotte nach dem Rendezvous, Parkettboden-Demontage Werthers… Der klägliche Rest sei unter den Teppich gekehrt. Gewürzt wurde das schwer verdauliche Ergebnis mit den Zutaten: des uniformen kleinen Bühnendécors  á la Ikea (Klaus Grünberg/Anne Kuhn), die kleidsamen Herrenkostüme sowie die grellen Tüll-Glitzer-Créationen der Damen steuerte Silke Willrett incl. des Indianerschmucks  bei. Fertig das imbécillité Menu.

Gerhard Hoffmann