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STRASBOURG: TANNHÄUSER – „Tapferer Held zwischen Kulisse und Realität“. Premiere

25.03.2013 | KRITIKEN, Oper

Opéra National du Rhin Strasbourg: „TANNHÄUSER“ 24.3.2013 (Premiere) – Tapferer Held zwischen Kulisse und Realität

 
 Starke Beziehung zwischen Elisabeth (Barbara Haveman) und Jochen Kupfer (Wolfram). Copyright: Alain Kaiser

Diese nachmittägliche Premieren-Vorstellung stand unter der zusätzlichen Spannung der Indisposition des Titelrollen-Sängers. Nachdem sich diese während des ersten Aktes in zunehmend markierten oder tiefer transponierten Phasen stärker als angenommen erwies und ein Arzt zu Rate gezogen wurde, stellte der erneut vor den Vorhang getretene Direktor Marc Clémeur das Publikum vor die Wahl einer Fortsetzung mit verstärkter Zuhilfenahme der Markierung oder des Vorstellungs-Abbruchs. Die Zustimmung des Publikums war eindeutig, nicht nur sinnvoll im Hinblick auf die ansonsten entgangene Fortsetzung eines bis dahin vielversprechenden Musiktheater-Erlebnisses, sondern auch deshalb, weil sich Scott MacAllister, getragen von eiserner Entschlossenheit und Durchhaltewillen, im weiteren Verlauf der Aufführung als wahrer Held behauptete und von ein paar tiefer oder schmäler ausgesungenen Passagen und Tönen abgesehen eine hoch respektable Leistung vollbrachte. Dabei war schon im eingeschränkten ersten Akt zu hören, welch erstklassiger Interpret dieser Rolle da auf der Bühne stand. Das betrifft sowohl die saubere und überaus schlanke Führung seiner Stimme, deren lichtes und kultiviert angenehmes Timbre auch im Spitzenbereich von unverminderter Qualität ist und so schon rein vokal gesehen einen Hörgenuss bietet, als auch die Expressivität, die er in die Textbehandlung legt und in allen Facetten seine innere Beteiligung spürbar macht. In der Romerzählung erwies sich dann so manche tonliche Gebrochenheit als Spiegel der Schilderung seines erfolglosen Pilgerwegs. Wie er dann im zweiten und dritten Akt zu doch überraschend vielen und mit voller Emphase ausgesungenen Abschnitten fähig war, darf als „unbegreiflich hohes Wunder“ bezeichnet werden. Der tapfere Held zeigte sich denn bei seinem verdient stark akklamierten Solo-Vorhang so richtig erleichtert, von jeglicher Missfallensäußerung verschont zu werden.

Um bei der musikalischen Seite zu bleiben: sie steht wie oft in der Vergangenheit für das hohe künstlerische Niveau des Hauses und eine nicht alltägliche Zusammensetzung von renommierten Künstlern, die im Lande jenseits des Rheins nur wenig auftreten. In die Kategorie nicht sonderlich individueller, aber aus ihrem Potenzial sehr viel Gewinn schlagender Sänger gehört die holländische Sopranistin Barbara Havemann, die zwar nicht immer zu einer ausgewogenen Linie zwischen Zurückhaltung und Emphase fand, aber in der Intensität ihres Vortrags und der Dichte ihrer szenischen Beglaubigung aus Elisabeth eine Figur von zwingender Aussagekraft formte. Einen durchaus starken Charakter entfaltet ihre Landgrafen-Nichte, deren weniger engelhaft-unschuldig tönender Sopran ungewohnt dramatischen Zuschnitt für diese Rolle aufweist. Unter die Haut geht die Szene im dritten Akt, wenn Wolfram zu ihr nieder kniet, zwischen Anbetung und Begierde mit sich kämpft und von ihr mit zarten Gesten des Verständnisses bedacht wird. Speziell da, aber auch schon zuvor erweist sich Jochen Kupfer als ungewöhnlich zweischneidiger Rollenvertreter. Seinen vom Material her nicht sonderlich ausgeprägten und mehr spröde als edel ansprechenden Bariton stellt er ganz in den Dienst lebendigen Ausdrucks, bei dem er einerseits mit großem Legato-Bogen aber auch nicht ganz druckfreien Höhen eine große Stimmungsdichte erzielt.

Etwas geradliniger wirft sich Beatrice Uria-Monzon als Venus mit verführerischer Verve in ihren Kampf um Tannhäuser, wobei ihr Mezzo hauptsächlich im oberen Bereich von beständiger Durchschlagskraft ist, während die Tiefe nur matt zu Geltung kommt. Ihr Reich ist als Etablissement mit roten Plüsch-Liegen angedeutet, ihr Gefolge (drei Tänzerinnen und drei Tänzer in hautfarbenen Ganzkörper-Trikots) räkeln sich in einer lasziv verschlungenen bodennahen Choreographie von Karl Alfred Schreiner um ihre Füße, nicht nur beim Bacchanale, auch bei ihrem letzten Erscheinen am Schluss. Dabei ist die Szene in violett flutendes Licht getaucht, zunächst in einem schaufenster-artigen großen Bildrahmen im Hintergrund, der dann auch Kulisse für die Jagdszene und Bühne für den Sängerwettstreit wird. Beleuchtungstechnisch verschieben sich die Ebenen, changiert vom Grünen für die Jagdszene zum Blau für die teure Halle mit leicht historisierten Stuhlreihen. Dass Boris Kudlicka als Bühnenbildner mehr zu bieten hat als pure Farb-Symbolik, zeigt die Szene des dritten Aktes: ein Bild der Zerstörung, Auflösung. Der Bilderrahmen ist zerbrochen, dichtes Laub bedeckt den Boden, Nebel wabert. Und da greift dann die Regie von Keith Warner mehr als zuvor, nimmt Stellung, leuchtet wie schon erwähnt das Verhältnis von Elisabeth und Wolfram aus, genauso die starke, erschütternde Wiederbegegnung mit Tannhäuser. Die Darstellung seiner Erlösung ist bei aller Metaphorik sehr ansprechend, geschmackvoll unter Vermeidung von Kitsch gelungen: der zuletzt noch um Elisabeths Bitten flehende Minnesänger folgt dem von oben durch einen Trichter scheinenden Licht, dessen Gitterstäbe sich grün färben. Zuletzt streckt ihm die von oben herabschwebende Elisabeth eine Hand entgegen.

Die Kostüme von Kaspar Glarner orientieren sich an der Entstehungszeit des Werkes und zeigen neben blau-roten Uniformen hochgeschlossene bodenlange weiße Kleider bzw. ein violettes für die rothaarige Venus.

Von den Solisten ist unbedingt noch Kristinn Sigmundsson als stattlicher väterlicher Landgraf mit schön geerdetem und balsamisch weichem Bass zu erwähnen, ebenso der lyrisch aufhorchen lassende Gijs van der Linden als Walther von der Vogelweide und Raimund Nolte als kernig bass-baritonaler Biterolf. Roger Padullés (Heinrich der Schreiber) und Ugo Rabec (Reinmar von Zweter) füllten das Minnesänger-Quartett geboten auf.

Als frisch- und klar intonierender Hirt ließ Odile Hinderer aufhorchen. Raumfüllende Pracht transportierte der Choeur de l’Opéra National du Rhin weitgehend ausgewogen in allen Stimmgruppen, wobei sich vor allem die Tenöre gelegentlich etwas in den Vordergrund drängten. Michel Capperon hat im Großen und Ganzen werkdienliche Einstudierungsarbeit geleistet.

Auch wenn die durchweg gemäßigten und getragenen Tempi nicht über alle Szenen hinweg den Faden aufrecht zu halten vermochten war doch zu spüren, wie sehr sich Dirigent Constantin Trinks die Partitur zur Herzenssache gemacht und sich jedem Detail mit großer Aufmerksamkeit gewidmet hat. An diesem Premieren-Nachmittag vermochte das Orchestre Philharmonique de Strasbourg noch nicht alle Konzentration auf ein stringent erfülltes musikalisches Gestalten zu richten, gab es noch den einen oder anderen Wackel-Kontakt zur Bühne. Spätestens im dritten Akt waren die Lücken geschlossen, gelang im Verein mit der Verdichtung der Inszenierung eine superb ausgeleuchtete Wiedergabe.

Das Publikumsecho entsprach leider nicht ganz der Emotionalität der voran gegangenen Aufführung. Das Regieteam wurde erstaunlich nüchtern und kommentarlos zur Kenntnis genommen.

 Udo Klebes

 

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