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STRASBOURG/ Opéra National du Rhin: LES HUGUENOTS. „Bewegendes Spektakel“-

19.03.2012 | KRITIKEN, Oper

Opéra National du Rhin Strasbourg: „LES HUGUENOTS“ 18.3. (Premiere 14.3.) – Bewegendes Spektakel:

 
Totaleinsatz zwischen Liebe und Glauben: Mireille Delunsch (Valentine) und Gregory Kund (Raoul). Copyright: Alain Kaiser

Wer die Aufführungen an der als Koproduzent fungierenden Brüsseler Oper nicht sehen konnte oder verpasst hatte, bekam nun Gelegenheit dies an der Rheinischen Nationaloper Strassburg nachzuholen. Die aus allen Richtungen angereisten Opernfreunde sorgten auch hier für ausverkaufte Vorstellungen. Das Interesse an Giacomo Meyerbeers 1836 in Paris uraufgeführter Grand Opéra knüpft nach einer so gut wie totalen Abwesenheit in den letzten Jahrzehnten offensichtlich an einen der größten Premieren-Erfolge der Geschichte mit über 1000 Folge-Vorstellungen alleine in Paris an. Sicher mögen die exorbitanten musikalischen Anforderungen mit sieben hochwertig zu besetzenden Rollen sowie die Größe des Ensembles nicht unschuldig an dieser Bühnen-Absenz sein, doch behandelt das Werk andererseits ein zu allen Zeiten aktuelles und zudem hoch explosives Thema, das Eugène Scribe zu einem überdurchschnittlich qualitativen Libretto verarbeitet und Meyerbeer zu einer geradezu überbordenden Fülle melodischer Eingebungen inspiriert hat.

Der beständige Krieg zwischen Katholiken und Protestanten bildet nicht nur den politischen Hintergrund der Handlung, die in der verheerenden Vernichtung letzterer in der Bartholomäus-Nacht im August 1572 zu einem traurigen Höhepunkt gelangt ist, er ist vielmehr Katalysator für das Handeln und die Gefühle der beteiligten Personen. Dadurch erreicht die Liebesbeziehung zwischen dem hugenottischen Edelmann Raoul und der katholischen Hofdame Valentine derartige Zerreißproben, die ihre Emotionen in extreme (vokale) Bereiche steigert. Zuerst sollten die beiden als friedensstiftendes Mittel zur Aussöhnung der Religionen auf Befehl der Königin Marguerite de Valois zusammengeführt werden, was jedoch von Raoul aufgrund eines aus Eifersucht geborenen Missverständnisses als Unverschämtheit abgelehnt wird und letztlich zum Plan der Vernichtung aller Hugenotten führt.

Will das hier mit knapp 4 Stunden Spieldauer so gut wie ungekürzt gespielte Werk nicht als bloßer historischer Bilderbogen, als Konzert im Kostüm präsentiert werden, bedarf es eines sehr klugen und handwerklich versierten Regisseurs, der geschichtliche Fakten und heutiges Psychologie-Verständnis so vereint, dass sie sich nicht gegen die gesanglichen Herausforderungen richten, sondern sie im Gegenteil noch in ihrer Motivation stärken und unterstützen. Olivier Py, das Enfant terrible unter den französischen Regisseuren, ist dafür genau der richtige Mann, weil er im Gegensatz zu seinen deutschen Pendants bei allem interpretatorischen Mut die Grenze des guten Geschmacks nicht überschreitet und mit Ideen arbeitet, die aus der Musik begründet sind. Das Grundgerüst seiner Inszenierung bildet das vielfältig und schnell zwischen Außen- und Innenszenen verwandelbare Bühnenkonzept von Pierre-André Weitz, der auch die aus der Sicht der Entstehungszeit des Werkes gut nachempfundenen Renaissance-Kostüme sowie zeitlose Schwarz- und Weißlösungen für die kontrahierenden Religionsgruppen entwarf. Erst zum Schluss, wenn die Katholiken unter der Führung von Valentines Vater Graf St.Bris die Hugenotten niedermeucheln, kann sich der Regisseur leider einen Sprung in die Zeit der National-Sozialisten nicht verkneifen. Bis dahin war jedoch alles so stimmig gelaufen, dass dieser unnötige Zeigefinger nicht mehr störend ins Gewicht fiel.

Zurück zur Bühne: eine verschiebbare Häuserflucht aus glänzendem Metall, die bei horizontaler Zusammenführung einen Palast mit großen Fensterlücken und Durchblicken suggeriert und durch Beleuchtungs-Nuancen goldenen Glanz als auch die dunkle Gefahr der Macht dahinter sichtbar machen. Eine phasenweise dazwischen geschobene Treppe bildet den wirkungsvollen Mittelpunkt für einige Ensemble-Szenen wie z. B. die feierliche Schwerterweihe im vierten Akt, während der die als stumme Figur wie ein Geist ihrer selbst erscheinende Katharina von Medici mit einem Glas Wein anstößt. Tische, die schnell zu Stellwänden und umgekehrt zu Laufstegen verwandelbar sind, stehen als weitere Requisiten für eine Regie, die mit Phantasie statt Pomp auskommt und dennoch Größe aufweist, wie z.B. bei der finalen Ermorderung der Hugenotten, bei der das Schlagen zweier Holzkreuze auf eine Metallwand den Klang einer Gewehrsalve imitiert. Auch in ihrer Aufschlüsselung der solistisch hervortretenden Charaktere, unter denen er der Königin besondere Aufmerksamkeit schenkt und ihre amourösen Neigungen in einer einfühlsame erotische Pointen setzenden Bade-Szene im zweiten Akt (eine Vertiefung mit richtigem Wasser) aufzeigt. Beim Pagen Urbain ist es die Sehnsucht nach der Liebe der Königin, bei Valentine und Raoul das Hin- und Hergerissen-Sein zwischen Zuneigung und religiöser Gebundenheit, beim Grafen Nevers die schlussendliche Standhaftigkeit vor dem mörderischen Plan seiner Glaubensanhänger, die Py so mitinszeniert, dass die Sänger außer virtuosen Solisten auch glaubhafte Menschen aus Fleisch und Blut sind. Sexuelle Bedürfnisse zeigt er ebenso wie das Ausbrechen von brutaler Gewalt. Doch bewahrt er ersteres vor Peinlichkeiten und zweiteres vor Effekthascherei. Vielmehr bündelt er die gesamte Führung des Riesenapparates so versiert, dass eine große Innenspannung entsteht, die das Publikum auch in einigen kompositorisch schwächeren Phasen am Ball hält. 

Das tun aber auch die auf einem insgesamt bemerkenswert hohen Niveau angesiedelten musikalischen Leistungen. Allen voran Gregory Kunde, der als Raoul die wohl schwerste aller französischen Tenor-Partien nach anfänglicher Linien-Mattheit mit unermüdlicher stimmlicher Konsistenz bewältigt, über eine tragfähige und klangvolle Höhe gebietet, die er nicht nur im Forte, sondern auch in wechselnder Dynamik sicher beherrscht, und in den letzten beiden extrem fordernden Akten besonders explosiv einsetzt. Im Laufe der Vorstellung entwickelte er auch ein spielerisches Engagement, das wiederum in der leidenschaftlichen Valentine von Mireille Delunsch die entsprechende Ergänzung findet. Obwohl vom stimmlichen Zuschnitt eher ein Leichtgewicht für die Tochter des Katholikenführers, weist ihr nur in einigen extremen Momenten schartig werdender Sopran die erforderliche Tiefe und Durchschlagskraft auf, um mit ihrem berührend intensiven Spiel zu verschmelzen. Sie beweist auch, dass die Wahrhaftigkeit des Ausdrucks in einer solchen Partie wichtiger sind als eine perfekte Intonation.

Selbst bei der mehr auf vordergründige Virtuosität und Klang-Zauber angelegten Rolle der Königin vermag dies positive Auswirkungen zu haben, wenn Marguerite so menschlich erfüllt, mit der glaubwürdigen Sehnsucht einer Frau nach Freiheit und Liebe, angewidert von den nur Mord und Totschlag verursachenden Religionen, ausgespielt und mit hinreichender lyrischer Farbgebung und Koloratur-Brillanz bewältigt wird wie von Laura Aikin. Und wie  Karine Deshayes als Page Urbain dessen unterschwelliges Verzehren nach der Königin mit ihrem reizvoll leicht Vibrato-behafteten, in den Verzierungen funkelnden Mezzo hörbar macht und als Bühnenerscheinung viele Sympathien auf sich zieht, gehört zu den herausragenden Momenten dieser an Höhepunkten ohnehin nicht armen Wiedergabe.

Dazu zählt auch die gewaltige tiefer gelagerte Liga mit den beiden erz-fundamentalen Glaubens-Kontrahenten, wobei Wojtek Smileks gesättigter, durchgehend tonklar ansprechender Bass Raouls Diener Marcel genauso viel Autorität und unversöhnlichen Hass verleiht wie der faszinierend dunkel geheimnisvoll dräuende und ausdrucksvoll präzis und balsamisch artikulierende Bariton Philippe Rouillon als Graf St.Bris. Etwas höher und rauer gelagert präsentierte sich der Bariton Marc Barrard mit nicht weniger intensivem Einsatz.

Unter den solistisch hervortretenden katholischen Edelleuten machte vor allem Arnaud Richard als Maurevert durch einen ebenmäßig geführten und klangvollen Bassbariton auf sich aufmerksam.

Der Chor des Hauses wurde von Michel Capperon auf seine umfangreiche Aufgabe bestens vorbereitet. Das nicht gar so große Ensemble erreichte vor allem bei den Herren eine beachtliche, auch beängstigend fanatische Klangfülle, während die Damen auch in der Klarheit des Gesangs etwas zurück standen. Die Einteilung in Katholiken und Protestanten seitens der Regie war so raffiniert, dass der Einsatz der immer wieder gleichen Leute gar nicht auffiel. Erst im finalen Gemetzel, als dreimal hintereinander dieselbe Gruppe im Kugelhagel zu Boden ging, weil schließlich noch genügend übrig bleiben mussten, um für den kurzen und rasanten Schlusschor zur Verfügung zu stehen, wurde der personelle Engpass sichtbar.

Daniele Callegari gelang es am Pult des mit aufhorchen lassenden Soli viel zum Reiz der Partitur beitragenden Orchestre Philharmonique De Strasbourg die enorme Bandbreite von Meyerbeers stilistischem Kosmos zwischen Belcanto, Verdi, Offenbach, Berlioz und gar Wagner zu einer Einheit zu bündeln und das nicht durchgehend gleichmäßig qualitative, aber stets bühnenwirksam verarbeitete Notenmaterial als großes Ganzes anstatt aufgereihter Nummern hörbar zu machen. Und weil bei französischen Orchestern ohnehin selten zu große Lautstärken festzustellen sind, ist eine sehr sängerfreundliche und dennoch kaum etwas an Zugriff und Temperament zu wünschen übrig lassende Wiedergabe zu konstatieren. Die gegensätzlichen harmonischen Welten zwischen der harfenumrankten Poesie der Königin und dem von tiefen Streichern begleiteten unerschütterlich seiner Religion verpflichteten Marcel, zwischen dem noblen Parfum der Pagen-Auftritte und dem sehrenden Streicher-Motiv des großen Liebesduettes sorgen genauso für ständiges Staunen wie die Zartheit der von einer Viola d’Amore begleiteten Romanze Raouls oder das feierlich in den Bläsern erstrahlende Thema der Schwerterweihe. Selbst der mehr klangkoloristisch als einfallsreich zu bezeichnende Zigeunertanz ( symbolhaft dargeboten von drei Tänzer-Paaren ), der als einziges von der Ballettmusik übrig geblieben ist, bereicherte noch diesen langen, aber nie zu lang wirkenden Opern-Nachmittag.

Gemessen an der Begehrlichkeit der Vorstellungen und im Hinblick auf den überaus positiven Gesamteindruck dieser Opern-Großtat des Hauses fiel der wohl dosiert begeisterte Schluss-Applaus unverständlicherweise kurz aus.                                                                         

Udo Klebes

 

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