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STRALSUND/ Theater Vorpommern: JONNY SPIELT AUF. Oper von Ernst Krenek – Premiere

19.09.2021 | Oper international

Stralsund, Theater Vorpommern:  JONNY  SPIELT  AUF – Oper von Ernst Krenek – Premiere am 17. September 2021

 Als die Wiener Staatsoper im Jahre 2002 diese Krenek-Oper unter Seiji Ozawa herausbrachte, resümierte Dominik Troger: Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“ hat Ende der 20er Jahre die Gemüter erhitzt. Eine Erhitzung, die wirklich nur mehr aus der historischen Perspektive erklärt werden kann. Fazit: einer der langweiligsten Opernabende seit langem. Ich erinnere, dass mich damals diese frappierende Offenheit über ein Werk, das immerhin unter das Verdikt der sogenannten „entarteten Kunst“ fiel, nicht nur überrascht, sondern auch sehr verwundert, wenn nicht verwirrt hat – darf man das so schreiben?  Schon nach wenigen Minuten der Stralsunder Aufführung kam mir dieses Urteil in Erinnerung, mehr noch gegen Ende des Werkes bzw. immer dort, wo die Oper in die „große Form“ abschweift. Das Problem des Werkes scheint mir in der Doppelbödigkeit zu liegen: hier wilde, ausschweifende Revue, dort Künstlerdrama. Das Künstlerdrama stellt immens hohe Anforderungen an die Protagonisten (etwa vergleichbar mit denen in Korngolds WUNDER DER HELIANE), was zur Folge hat, dass man sich schnell zu langweilen beginnt, wenn diese Anforderungen nicht oder unzureichend erfüllt werden, man kein Wort Text versteht und stimmlicher Wohllaut, der dort durchaus gefordert wird, ausbleibt. Noch nie habe ich die Übertitelungsanlage so dringend gebraucht, wie in dieser Aufführung!

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Katarzyna Rabczuk, Semjon Bulinsky, Pihla Terttunen, Elena Fink, Jovan Koščica (unten), Thomas Rettensteiner und Maxim Vinogradov (oben) © Peter van Heesen;

Kein Geringerer als Hanns Eisler nennt es in der „Roten Fahne“ „ein im Grunde wirklich verfehltes Opernbuch…“ ein „breiiges, kleinbürgerliches Stück … nichts, was uns interessiert und fesselt … ein langweiliges und geistloses Stück“.  Obwohl er dem Komponisten Krenek Begabung nicht absprechen möchte, lässt er auch an der Musik kein gutes  Haar: „…Auffallend ist vor allem, wie schlecht sie instrumentiert ist. Die eingestreuten Tanzstücke sind sehr dürftig, in jedem Kaffeehaus kann man heutzutage bessere hören…“ Auch andere Kritiker stimmten in den Kanon der Verrisse ein, wie z. B. Julius Korngold und Adorno. Dessen ungeachtet tritt das Werk einen geradezu sensationellen Erfolgszug über die Bühnen von Moskau bis New York an, der eigenartigerweise nicht so sehr vom Uraufführungsort Leipzig, sondern wiederum von Wien ausgeht. Krenek selbst war über „die Sensation“ verwirrt, denn er fand sich missverstanden:  Wie das Werk aufgeführt wurde, haben die Leute es meiner Ansicht nach missverstanden. Man hat gesagt, endlich die neue Oper ist da, da kommt alles vor, ein Automobil, ein Eisenbahnzug, ein Telefon, ein Radio, das ist die neue Oper! Das war aber gar nicht meine Absicht. Ich wollte darstellen den Gegensatz zwischen Ost und West, zwischen Mitteleuropa und Amerika…  Ich hab den Eindruck gehabt damals – ich kannte ja Amerika gar nicht, ich war nie dort gewesen – dass die Neger in Amerika frei sind und eine ganz andere Mentalität haben, als wir uns das vorstellen. So dass also der Neger Jonny ein Symbol von Amerika war für mich. Wenn ich gewusst hätte, wie es dort wirklich zugeht, hätte ich das ja gar nicht geschrieben.

Und heute – nach fast einhundert Jahren? Kurzweiliger ist das Stück kaum geworden, das Buch bleibt ein Stil-Mischmasch, unübersichtlich, oft ohne Sinn. Die Figuren sind vorwiegend negativ, was man mit dem damaligen Zeitgeist ebenso unzureichend umschreiben würde wie es nun heute in Stralsund mit der „Sehnsucht nach Freiheit“ unzureichend und falsch umschrieben wird. Ich glaube, dass auch diese „Überschrift“ nicht recht zum Werk passen will, ganz abgesehen davon, dass Diebstahl ein Verbrechen bleibt – ob ich 1927 oder 2021 eine wertvolle Geige klaue, bleibt als Tat völlig gleich. Und heute darf natürlich kein „afro-amerikanischer Neger“ die Leitfigur eines solchen Werkes sein, weshalb man die Titelpartie in Stralsund mit einer weißen Frau besetzte, was nicht nur einige Textänderungen mit sich brachte, sondern auch zur Folge hatte, dass die sexbesessene Jonny als Lesbierin wiederum dafür sorgte, dass die Titelpartie zumindest ein Außenseiter bleibt. Das Grundübel des Stückes und damit auch der Stralsunder Aufführung bleibt der falsche Titel: Jonny – er oder sie – spielt nie auf, bleibt eine ganovenhafte Randfigur, das Geschäft besorgen die anderen…

Die anderen: da ist zunächst das hohe Paar – der Komponist Max und die Sängerin Anita, er Suizid-gefährdet und introvertiert, sie quirlig und wenig einfühlsam als Frau, weshalb sie auch offen ist für weitere Beziehungen. Roman Payer stellt sich den Anforderungen der schwierigen Tenorpartie mit bewundernswertem Mut, kommt leider auf die Länge der Zeit nicht ohne unschönes Sforzieren aus, sodass von Wohlklang über weite Strecken keine Rede sein konnte. Elena Fink hätte durchaus das Timbre für die Anita, von ihr nun war leider kein einziges Wort zu verstehen, was ihre Gesamtleistung erheblich beeinträchtigte. Thomas Rettensteiner verfügte als Violinvirtuose Daniello nicht nur über die gesündeste Stimme des Abends mit erfreulicher Textdeutlichkeit, sondern war auch die profilierteste Figur der gesamten Oper. Katarzyna Rabczuk als Stubenmädchen Yvonne machte gute Figur, während Jovan Koščica  als Manager ebenso blass blieb wie Semjon Bulinsky als Hoteldirektor.

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Pihla Terttunen als Jonny und Opernchor des Theaters Vorpommern © Peter van Heesen

Bleibt die Titelfigur: Pihla Terttunen konnte als Jonny stimmlich kaum überzeugen, dafür fehlte ihr in der unteren Lage das Fundament und in der Höhe die klare Linienführung; vor allem aber fehlte ihr die Persönlichkeit, die durch Charisma fasziniert hätte. Ich mochte ihr weder den Geigendieb noch den lesbischen Draufgänger glauben! Schade, arme(r) Jonny.

Opernchor und Philharmonisches Orchester des Theaters Vorpommern waren die Aktivposten dieser Aufführung, sowohl im Zusammenspiel als auch in der Klangentfaltung optimal. Alexander Mayer dirigierte mit sensiblem Gespür für diese doch anspruchsvolle Partitur und hatte das Ganze sicher im Griff. Die Inszenierung von Wolfgang Berthold war durchaus übersichtlich, vertraute aber zu sehr auf die Ernsthaftigkeit der großen Oper, wo burleske Leichtigkeit, ein deutlicheres Augenzwinkern, Not getan hätten. Die Bühne von Eva Humburg überzeugte in ihrer ästhetischen Sachlichkeit, die Videos waren meines Erachtens zu wenig „erzählend“, insbesondere blieb das eigentliche Event auf der Strecke – Jonny spielte eben nicht auf! Die Kostüme von Julia Klug sahen gut aus und bedienten die jeweiligen Figuren durchaus.

Die Oper war zweifellos 1927 ein Welterfolg. Die Nazis haben diesen Erfolg vernichtet. Aber auch danach konnte JONNY nie wieder an seinen damaligen Erfolg anknüpfen, ich fürchte, Stralsund wird daran nichts ändern.  Und insofern – ich komme auf meine Erinnerung vom Anfang zurück – darf man durchaus schreiben, dass es nicht nur ein langweiliges, sondern auch ein mindestens eine halbe Stunde zu langes Stück ist.

Werner P. Seiferth

 

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