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STILL ALICE

09.03.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat Still Alice~1

Ab 13. März 2015 in den österreichischen Kinos
STILL ALICE
USA  /  2014
Drehbuch und Regie: Richard Glatzer und Wash Westmoreland
Mit: Julianne Moore, Alec Baldwin, Kristen Stewart u.a.

Eines klappt immer: Spiel einen / eine Todkranke(n) – und hol Dir Deinen „Oscar“ ab. Doch das ist eine zynische Bemerkung, denn es liegt ja auch daran, dass es ein Kunststück ist, dem Publikum ein Thema, das so schmerzt, auf die richtige Art nahe zu bringen. Da liefert Julianne Moore als Alice deshalb eine so besonders bemerkenswerte Leistung, weil sie das langsame Gleiten in die Demenz stufenweise nachzeichnet und nie auch nur eine billige, Mitleid heischende Geste setzt.

Ein Mensch gleitet aus sich selbst heraus – man möchte es in der Realität nicht erleben müssen, nicht bei anderen, noch weniger bei sich selbst. Doch es wird in einer Welt, wo Menschen immer älter werden, auch zunehmend häufiger. Es ist ein Problem, mit dem man sich wohl auseinandersetzen muss. „Still Alice“ hilft dabei.

Wobei der englische Titel nichts mit „Stille“ zu tun hat: „Still Alice“ meint, dass sie „noch“ Alice ist, im Grunde derselbe Mensch, auch wenn sie langsam eine andere wird. Und man kann ja jedermann nur wünschen, dass er in einem solchen Fall nicht allein sein wird, sondern geborgen, aufgefangen ist wie Alice – von dem Gatten, von den Kindern. Und dass er von der Voraussetzung her schon einmal so klug ist wie Alice, die Universitätsprofessorin, die zwar so erschüttert ist wie jeder darüber, was da auf sie zukommt, aber auch ihre Vorbereitungen trifft.

Ein Film wie dieser muss strahlend beginnen, sonst ist die „Fallhöhe“ zur Tragödie zu gering: Alice ist zufrieden mit ihrem Leben, hat einen offenbar liebevollen Mann, was in dieser Lebensphase (so um die 50) ja auch nicht die Regel sein muss (Alec Baldwin), eine schwangere Tochter (Kate Bosworth) und einen netten Sohn (Hunter Parrish) und noch eine Tochter, die offenbar nicht so richtig weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll und zwischen freien Theaterprojekten eher ziellos hin und her pendelt: Kristen Stewart, nicht mehr ausschließlich mit den Teenie-Vampir-Twilight-Filmen in Verbindung zu bringen, spielt dieses unsichere Geschöpf, das allen Eltern Sorgen machen würde, höchst überzeugend. Familienleben und Freundschaften und auch die Arbeit – alles scheint zu funktionieren.

Und dann fängt es an – dass Alice beim Joggen plötzlich nicht mehr weiß, wo sie ist. Dass sie Wörter vergisst. Kleinigkeiten, die älteren Menschen passieren. Aber sie ist selbst Wissenschaftlerin, lässt es nicht schleifen, geht zum Arzt, unterzieht sich Untersuchungen, und dann lautet die Diagnose: Alzheimer, wie es auch Menschen ihres Alters treffen kann. Und sie weiß genau, was auf sie zukommt – was die Sache wahrscheinlich nicht leichter, sondern schwerer macht.

still Alice sie und Tochter xx

Es schmerzt, den Stadien des Verfalls zuzusehen, den Anfällen, die mit der Desorientierung Hand in Hand gehen, aber auch der Verwirrung der Familie (die dann hinter ihrem Rücken über sie redet), die plötzlich Probleme ganz neuer Art – seelisch und logistisch – zu meistern hat, wenn man mit einer Kranken lebt, auf deren „Bewusstsein“ kein Verlaß mehr ist und wie jede Sekunde eine neue, unerwartete Überraschung böser Art bringen kann.

Die erschütterndste Szene ist jene, wo Alice sich selbst am Computer filmt, eine tödliche Dosis Schlaftabletten versteckt und ihrem späteren Selbst, das sich an nichts mehr erinnern wird, den Auftrag gibt, diese Pillen zu holen und zu nehmen… Als es dann dazu kommt – aber so weit darf man auch nicht gehen, eine Geschichte zu „verraten“. Nur eines noch, weil es Teil des Problems ist: Ihre Tochter muss sich fragen, wie erblich eine solche Disposition ist, wie groß die schlechteste aller Möglichkeiten, auch von Alzheimer  betroffen zu werden…

Der Film von Richard Glatzer und Wash Westmoreland, die auch das Drehbuch schrieben, ergeht sich nicht in Kitsch, und wenn das Ende auch einen Hauch von Harmonisierung zu haben scheint, so machen sie die Geschichte doch nicht leicht, weil sie auf das Ausreizen der Tragödie verzichten (was sich früher in Hollywood niemand hätte entgehen lassen). „Still Alice“ tut weh. Wenn man sich über das Problem nicht klar werden will, soll man den Film meiden. Sonst könnte man in Zukunft schreckliche Ängste mit sich herumtragen. Denn es kann natürlich jeden treffen.

Renate Wagner  

 

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