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ST. VINCENT

05.01.2015 | Allgemein, FILM/TV

FilmPlakat St. Vincent

Ab 9. Jänner 2015 in den österreichischen Kinos
ST. VINCENT
USA  /  2014
Drehbuch und Regie: Theodore Melfi
Mit: Bill Murray, Melissa McCarthy, Naomi Watts, Jaeden Lieberher u.a.

Die Vorgabe: „Ekel wird menschlich“ ist einfach zu klassisch (und im allgemeinen eher in der Literatur und im Kino zu finden als in der Realität, wo Ekel meist Ekel bleiben) – aber sie wirkt eigentlich immer, wenn man einen einigermaßen überzeugenden Darsteller dafür findet. Längst ist Bill Murray nicht mehr „nur“ ein Komiker –  dass er mit Abgründen umgehen kann, hat er in vielen Rollen gezeigt. Der Vincent ist hier nur ein weiterer Schritt.

Wieder einmal werden Kinder als Mediatoren verwendet: Niemand kann den alten, dem Alkohol zugeneigten und im täglichen Umgang äußerst unangenehmen Vincent (ein „heiliger Trinker“ wird trotz des „St.“ nicht daraus), der da in seinem Reihenhaus in Brooklyn wohnt, leiden. Auch Maggie nicht, allein erziehende Mutter mit anstrengendem Krankenhaus-Job, die neben ihm einzieht und ihn wider Willen (und für Entgelt) als Babysitter für den ohnedies schon 12jährigen Oliver (doch zu jung, um allein gelassen zu werden) engagieren muss.

Nach und nach lernt man Vincent kennen, seine Ostblock-Masseuse Daka, man erfährt, dass er eine an Alzheimer leidende Gattin im Heim hat, um die er sich liebevoll kümmert, kurz – Vincent ist gar nicht so grauslich. Und dass er Oliver an so „erwachsene“ Orte wie eine Bar oder eine Rennbahn mitnimmt, ist für den Jungen natürlich eine große Sache.

Ein ganz glattes Drehbuch also, ohne richtige Handlung, das einfach nur die Situation ausbreitet und so lange dreht und wendet, bis am Ende eine ausgesprochene „Happy End“-Großfamilienszene von fast peinlichem Zuschnitt steht. Damit dergleichen auch sehenswert ist, muss man es besonders spielen. Von Drehbuchautor / Regisseur Theodore Melfi weiß man eigentlich noch nichts (es ist auch sein erster Film), aber er hat immerhin eine Besetzung zusammen gebracht, deren Namen man kennt.

Da ist voran Bill Murray, der es spürbar genießt, das „Ich scheine ein Ekel zu sein, aber guckt mal hinter die Fassade!“ zu spielen. Ja, er macht es fabelhaft. Ihm zur Seite der junge Jaeden Lieberher, zweifelsfrei ein Talent.

Erstaunlich die beiden populären Damen der Besetzung, denn jede freut sich offenbar, ganz gegen ihren Typ spielen zu dürfen. Man kennt Melissa McCarthy nur als die denkbar grellste „fette Komödiantin“ (das als wahrlich vorhandenes Rollen-Klischee bezeichnet), die bisher in ihren Figuren (ob als fröhliche Betrügerin, ob als abweichende Polizistin) nur penetrant genervt hat. Nun ist sie genervt, eine überforderte Mutter, die um ihre Existenz strampelt, und das sind neue Töne. So wie die mit dickem Dialekt agierende Ostblock-Blondine, von Beruf Stripperin, besondere Kennzeichen: schwanger, für die Naomi Watts ihre ätherische „Diana“-Schönheit gänzlich abgelegt hat.

Da ist alles hineingewürzt, was eine Wohlfühl-Story, die sich eckig gibt, ohne es zu sein, braucht, also vor allem Kitsch. Den Geschmack der Künstlichkeit wird man nie so richtig los –  dass hier gute Schauspieler „Rollen spielen“, ohne zu wahren Menschen vorzudringen. Aber dergleichen liegt im allgemeinen leider auch am Drehbuch, über dessen Limitationen schwer hinwegzuspielen ist, und an der Geschicklichkeit der Regie… und ein debutierender Drehbuchautor / Regisseur ist noch beim „Learning by Doing“. Nicht jeder wirft gleich einen Hit hin. Immerhin hat es für diesen „St. Vincent” viel Festival-Beachtung und einige (wenn auch zweitrangige) Preis-Nominationen gegeben. Das ist schon etwas für den Beginn.

Renate Wagner

 

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