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ST.PÖLTEN / Stadttheater: ACHT FRAUEN

06.02.2013 | Theater

Landestheater Niederösterreich / Stadttheater St. Pölten:
ACHT FRAUEN von Robert Thomas
Premiere: 7. Dezember 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 5. Februar 2013

Mit „Acht Frauen“ von Robert Thomas ist dem Landestheater Niederösterreich gleich einiges Bemerkenswerte geglückt. Vor allem hat man einen Publikumserfolg geerntet, der zu permanenter Nachfrage, ausverkauften Abenden, Zusatzvorstellungen führte (das schafft man bekanntlich nicht alle Tage). Zweitens hat man eine Besetzung auf die Beine gestellt, die in ihrer Qualität, aber vor allem ihrer Popularität für ein Theater „abseits der Hauptstadt“ schwer erklärlich ist – ein Gustostück. Und drittens gibt es eine Inszenierung, die ununterbrochen am schmalen Grat zwischen brillant und fast schon wieder unmöglich (unmöglich überzogen und verblödelt nämlich) balanciert und dann doch auf die richtige, rettende Seite abspringt.

Das alles geschieht für ein Stück, das an sich ein reiner Blödsinn ist, selbst als Trivial-Unterhaltung dürftig, im Grunde die Parodie eines Kriminalstücks mit der einzigen Absicht, acht Frauen ununterbrochen gegeneinander zu hetzen – und das „kreischende“ Element dieser Situationen hat die Regisseurin auch noch betont. Mehr noch: Offenbar hielt auch Maria Happel das Ganze für einen reinen Unsinn und nur erträglich, wenn man sich mit voller Wucht darüber lustig macht. Also ist die totale Stilisierung angesagt. Es ist ein Spiel – die fast leere Bühne (Thomas Lorenz-Herting) hat ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Brett als Boden und die Protagonistinnen bewegen sich oft in Tempelhüpfen-Manier von einem Feld zum anderen. Die wenigen angedeuteten Tore sind Spielkarten. Wer eine Sitzgelegenheit braucht, schleppt sie in Form kleiner Stockerl mit sich herum. Gelegentlich rollt ein großer Würfel über die Bühne. Es wird „gespielt“.

Mag sein, dass manchmal im Laufe der Begebenheit auf die körperlichen Verrenkungen vergessen wird, dass sich neben der Verfremdung ein Quentchen Normalität einstellt, aber das dauert nie lang: Was Maria Happel ihren Darstellerinnen abfordert, ist ein Gustostückerl an Konzentration und Virtuosität. Manchmal wird es einförmig: Aber das ist immer so, wenn die Form als solche gepflegt wird. Und im übrigen geben die Damen die Farbe.

Man weiß, dass „Acht Frauen“ vor zehn Jahren ein höchst erfolgreicher, höchst gelobter französischer Film  war (wobei das parodistische Element auch dort herrschte, aber im Vergleich zu dieser Aufführung geradezu sanft gehandhabt wurde). Im Kino wie auf der Bühne in St. Pölten war / ist die Besetzung der schrägen Familiengeschichte höchstwertig. Die Handlung: Papa liegt tot in seinem Zimmer – und die Damen, die sich in seinem Haushalt drängeln, sind eigentlich nicht sonderlich erschüttert. Sie begnügen sich den ganzen Abend hindurch damit, auf einander loszupecken. Die Lösung der übrigens absolut nicht spannenden Frage: Wer ist die Mörderin? könnte  alberner kaum sein…

Aber darum geht es nicht, sondern um die titelgebenden Damen. Da ist einmal die Gattin, Birgit Doll (im Film: Catherine Deneuve): Ganz in grün (kleidsame Kostüme mit witzigen Glanzlichtern: Dagmar Bald) und äußerst herb, mit souveränen dunklen Tönen. Da ist die Schwiegermama, Christine Jirku (im Film: Danielle Darrieux): lästig und fordernd. Da ist die Schwester der Hausfrau: Babett Arens (im Film: Isabelle Huppert): die weinerliche graue Maus, die keinen Zentimeter Boden hergibt, wenn sie um ihre Beachtung kämpft. Da erscheint die Schwägerin: Ulrike Folkerts (im Film: Fanny Ardant): Man kennt sie als herbe Fernsehkommissarin, hier ist sie in Rot kämpferisches Sexobjekt. Noch zwei Töchter: die jüngere – Lisa Weidenmüller in Karo-Pants – jagt der älteren – Swintha Gersthofer – die Pointen ab.

Bleibt das Personal: Cornelia Köndgen ist Madame Chanel, die Köchin, mit vollem Mut zum Übermut. Und dann gibt es noch ein Zimmermädchen (im Film: Emmanuelle Béart), das sich als der Clou des Abends herausstellt: Es ist Jessica Schwarz, jedem Kinobesucher ein Begriff, seit einem halben Dutzend Jahren permanent in Hauptrollen unterwegs (am großartigsten ihre Tony Buddenbrook in der jüngsten „Buddenbrooks“-Verfilmung), die, man glaubt es kaum, zum ersten Mal auf einer Theaterbühne stand: mit einer Präsenz und Stilsicherheit, die staunen machten. Hintergründige Boshaftigkeit und enormer weiblicher Reiz paarten sich da mit einer Bühnensouveränität, als hätte sie ihr ganzes Schauspielerleben nichts anderes gemacht, als das Publikum da unten einzufangen. Das Tüpfelchen auf dem „i“.

Renate Wagner

Letzte Vorstellungen: 6. und 14. Februar 2013, 19,30 Uhr, Stadttheater St. Pölten

 

 

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