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ST. PETERSBURG: ERÖFFNUNG DER NEUEN MARIINSKY-BÜHNE

05.05.2013 | KRITIKEN, Oper

St. Petersburg : Eröffnung der neuen Mariinsky-Bühne (2. – 4.5.2013)

Am 2. Mai feierte VALERY GERGIEV seinen 60. Geburtstag. Wie es sich für einen absoluten Herrscher über das renommierte Mariinsky-Theater geziemt, machte ihm der russische Staat ein prächtiges Geburtstagsgeschenk: ein neues Theater. Das historische Theater hatte modernen Anforderungen nicht mehr genügt. Dafür war die eigens für Anna Netrebko importierte „L‘ elisir d‘ amore“-Inszenierung Laurent Pellys das beste Beispiel. Die Dekorationen erwiesen sich für die alte Bühne als so sperrig, dass zwei lange Pausen diese wahrlich kurze Oper unnötig in die Länge zogen. Bedingungen auf und hinter der Bühne waren alles andere als ideal. Die beengten und veralteten Verhältnisse schrien förmlich nach einer Renovierung des historischen Theaters – und nach einer neuen, modernen Ansprüchen gerecht werdenden Bühne.

 Nachdem ein erster ziemlich futuristischer Entwurf für das sogenannte Mariinsky II, der immerhin den Architektenwettbewerb gewonnen hatte, zu kostspielig ausgefallen war, wurde das kanadische Architektenbüro Diamond Schmitt mit einem neuen Entwurf beauftragt. Nur durch den Kryukov-Kanal vom alten Theater getrennt, wurde in erstaunlich kurzer Zeit (wenn man z. B. mit den Problemen der Hamburger Elbphilharmonie vergleicht) ein neues Haus erstellt, das auf den ersten Blick wie ein modernes Bürogebäude erscheint, dessen Schönheit sich von außen gerade bei Dunkelheit erschließt, wenn hohe Glasfassaden einen attraktiven Blick auf das aus der Türkei, dem Iran und aus Mazedonien importierte Onyx der Innenwände zulassen. Das Innere ist für das Publikum wesentlich angenehmer geworden: bequemere Sitze, mehr Beinfreiheit, gute Sichtverhältnisse im leicht ansteigenden Parkett. Über die akustischen Verhältnisse möchte ich mir noch kein abschließendes Urteil erlauben. In der Vor-Gala am 1.5. für ein ausgesuchtes Publikum aus Kriegsveteranen, St. Petersburger „Intelligenz“, Mitarbeitern des Theaters und am Bau Beteiligten kamen manche Stimmen ungewohnt kleinvolumig vor, ein Eindruck, der sich in der Gala am 2.5. (von einem höher gelegenen Platz) zum Positiven änderte.

Die Idee dieser Gala an Gergievs 60. Geburtstag war es, (im DDR-Deutsch würde man sagen) die Kollektive des gesamten Theaters zu präsentieren, also nicht nur Gesangs- und Ballettstars, dem Maestro verbundene Gastsolisten im Vokal- und Instrumentalsektor, sondern auch den Kinderchor des Theaters, die Vaganova-Akademie des Balletts bis hin zur Mariinsky-Akademie für Junge Sänger. Deshalb war eine Programmabfolge unumgänglich (szenische Realisierung durch VASILY BARKHATOV), die wie ein Potpourri anmutete, nur in den besten Momenten einen logischen Zusammenhang erkennen ließ, so z. B., wenn auf ILDAR ABDRAZAKOVs Basilio-Arie Grigory Ginzburgs Figaro-Variationen (brilliant: DENIS MATSUEV) oder auf die Carmen-Habanera (EKATERINA SEMENCHUK) der Beginn von Rodion Shchedrins Carmen-Suite folgten.

 Es war purer Luxus, dass solche Weltstars wie LEONIDAS KAVAKOS und YURI BASHMET als Begleitsolisten zu Auftritten vom Ballettdiven wie ULYANA LOPATKINA oder DIANA VISHNEVA dienten. Für mich gab es zwei herausragende Gesangsdarbietungen zu bewundern : OLGA BORODINA mit der Dalila-Arie (hinreißend perfekt) und (als – für mich – große Überraschung) ANNA NETREBKO als Lady Macbeth. Natürlich sollte man nicht von einer Arie auf die ganze Partie schließen, aber ich muss gestehen, dass ich der Netrebko auch allein diese Arie nicht zugetraut hatte. Obwohl es unverkennbar Netrebkos Timbre war, war es nicht mehr die Stimme, die ich zu kennen glaubte: dunkler, in allen Registern gut verblendet, mit perfekter dramatischer Attacke. Naturgemäß fiel es ihr nicht leicht, danach zum Zerlina-Giovanni-Duett zu wechseln, aber es war eine entzückende Idee, zu ihr als Giovanni nicht nur einen Partner zu gesellen, sondern deren gleich drei: ALEXEI MARKOV (er hatte zuvor mit der Robert-Arie aus Iolanta, wenngleich, durch Überduck nicht so perfekt wie sonst, brilliert), RENÉ PAPE (vorher ein beeindruckendes Rondo vom goldenen Kalb), MIKHAIL PETRENKO (davor etwas dünnstimmig mit dem Gesang der Wolgaschiffer), dem brillanten ILDAR ABDRAZAKOV, sondern auch mit dem dieses Duett dirigierenden PLÁCIDO DOMIGO, der vom Pult her ein lockendes „Andiam“ beisteuerte. Mit den „Winterstürmen“ aus der „Walküre“ trat Domingo auch als Sänger auf, weniger mit der Melodei als mit dem Rhythmus ein wenig frei, dazu in einer vom Publikum nicht als solche zu erkennenden Esperanto-Version. Natürlich sollte man einen 72jährigen Tenor nicht mit einem noch voll im Saft stehenden Sänger vergleichen, doch Domingos Sympathiebonus, noch dazu als Gergiev-Intimus, ist offensichtlich ausreichend, um Jubelstürme hervorzurufen. Bei den Ausschnitten aus dem Ballett-Bereich war es eine intelligente Idee Nijinskys Originalchoregraphie von Strawinskys Sacre du Printemps bruchlos in die neue von Sasha Waltz hinüber gleiten zu lassen. ,Alles in allem eine memorable Eröffnung einer neuen Ära.

 Für das „normale“, d. h . zahlende Publikum begann dieses neue Zeitalter tags darauf mit einer Matinee (Beginn: 13.30 Uhr) von Tschaikowskys „Iolanta“, als deren Titelfigur ANNA NETREBKO brillierte – zu Recht, denn hier passt alles: ihre intensive, zu Herzen gehende Darstellung war total konform zur vokalen Schönheit ihres Organs im derzeitigen Stadium seiner Entwicklung. Leichte Intonationstrübungen, die die Netrebko ihr Leben lang begleiteten, seien – dies sei Merker-Recht – zur Komplettierung einer ansonsten großartigen Interpretation angemerkt. Hier war VALERY GERGIEV ganz in seinem Element und brauchte sich nicht – wie noch bei der Gala – auf die Rolle eines Begleiters zu reduzieren. Zumindest von meinem Platz aus im Parterre war die Balance zwischen der Bühne und dem prächtg-vollmundig spielenden Orchester perfekt. SERGEI SEMISHKUR (Vaudemont), ALEXEI MARKOV (Robert), EDEM UMEROV (Ibn-Hakia) sowie SERGEI ALEXASHKIN (René) komplettierten kompetent eine eindrucksvolle Vorstellung, die als Auftakt für weitere herausragende Abende im neuen Haus dienen möge.

 Wer noch Energie besaß, konnte danach entweder im alten Haus einer „Nozze di Figaro“ mit Ildar Abdrazakov in der Titelpartie als Hauptattraktion oder einer Ballett-Gala im neuen Haus mit Ulyana Lopatkina beiwohnen. Für die Unersättlichen gab es dann noch ein für 22 Uhr angesetztes, von Gergiev dirigiertes Konzert in der Konzerthalle. Wenn die Homepage des Theaters noch am selben Tag verkündete „Details to be announced“, wenn zumindest einer der vier Solisten vor Beginn der Probe nicht wusste, welches Solo man von ihm erwartete, wenn die Musiker fragten, was denn auf dem Programm stünde, wenn der unermüdliche Maestro ca. eine Stunde einige Stücke, den Namen Probe nicht ganz treffend, nur kurz anspielte, wusste man, dieses Konzert würde wieder einmal eines dieser typischen „Russian Roulette“-Konzerte sein. Doch der Leser dieser Zeilen sollte sich nicht zu einem vorschnellen Urteil über die Qualität dieses Konzerts, das mit der üblichen Verspätung um 22.30 Uhr begann und um 1.30 Uhr nachts (!) endete, verleiten lassen. Die Solisten des Abends (YURI BASHMET, LEONIDAS KAVAKOS, VADIM REPIN und DENIS MATSUEV) sind mit diesem (nennen wir es einmal) „Probenstil“ vertraut, das Programm ist nicht nur ihnen, sondern auch dem Dirigenten und dem Orchester bekannt, Letztere sind ausgesprochen „flexibel“. Fazit: Ein das Publikum zu Beifallsstürmen treibendes Konzert, bei dem ich mich nicht entscheiden kann, welcher der Solisten mir mehr gefiel: Bashmet mit Mozart, Kavakos mit Brahms, Repin mit Bruch oder Matsuev mit Rachmaninoff. Auf diesem Niveau ist die Luft so dünn, dass eine Wahl schwer fällt. Der zweite Programmteil begann mit einem Überraschungsgast: Gergiev überließ Plácido Domingo das Pult, um die Ouvertüre zu Verdis „La forza del destino“ zu dirigieren, und dies in einem die Musiker mitreißenden Stil, der Zweifel daran wegwischte, ob er denn ein seriöser Dirigent sei.

 Am nächsten Tag (4.5.) im neuen Haus dann eine den herausagenden Ruf der Mariinsky-Ballettcompagnie eindrücklich unterstreichende Ballettgala mit Ravels Bolero (Dirigent: Valery Gergiev) als Höhepunkt: in der „Zarenloge“ sitzend die Ballettlegende Maya Plisetskaya, die die Uraufführung dieser für sie kreierten Béjart-Choreographie getanzt hatte, auf der Bühne die exzellente, Staunen machende DIANA VISHNEVA.

 Nur 90 Minuten nach Ende dieser Gala im historischen Mariinsky Verdis „Nabucco“ mit Plácido Domingo in der Titelrolle. Meine Befürchtungen, ob ein 72jähriger ehemaliger Tenor dieser Baritonpartie gerecht werden könnte, wurden in wenigen Sekunden nach Domingos Auftritt ausgelöscht. Die Gewöhnungszeit an diesen ungewohnten Klang war nur gering, und man konnte sich dem Reiz dieser noch erstaunlich intakten Stimme, der berührenden Darstellung, kurz: Domingos Künstlertum voller Bewunderung und Begeisterung hingeben. Es machte den Rang dieser am Schluss lange akklamierten Aufführung aus, dass Domingo primus inter pares war: in glänzender Form MARIA GULEGHINA, die furcht- und mühelos alle Schwierigkeiten der vertrackten Abigail-Partie meisterte; EKATERINA SEMENCHUK als Luxus-Fenena; SERGEI SKOROKHOV in glänzender Verfassung als Ismaele – einer der wenigen russischen Tenöre mit fast mediterranem Timbe. Lediglich MIKHAIL KIT als Zaccaria schwächelte zeitweilig; die Höhenlage bewältigte er durchweg imponierend, während die tieferen Töne unergiebiger wirkten. Wenige Stunden, bevor er mit seinem fantastischen Orchester zu seinem Moskauer Oster-Festival aufbrach, bei dem 23 Konzerte in 10 Tagen zu bewältigen sein werden, bewies der unermüdliche Motor für diese 3tägige Eröffnungsfeierlichkeiten, dass man ihn nicht auf einen einzigen Bereich der Musik reduzieren kann. Valery Gergiev, dieses scheinbar keine Müdigkeit kennende Ein-Mann-Kraftwerk war bei Mozart, Bruch, Brahms genauso zu Hause wie bei Verdi, Ravel, Stravinsky oder Shchedrin. Nicht zu vergessen seien jedoch die Musiker, ohne die der Maestro seine Intentionen nicht so eindrucksvoll umsetzen könnte. Happy birthday, Maestro! Many happy returns oft he day!

 Sune Manninen

 

 

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