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ST. PETERSBURG: ERÖFFNUNGSWOCHE MARIINSKY-THEATER

02.10.2014 | KRITIKEN, Oper

St. Petersburg: Saisoneröffnung am Mariinsky-Theater – 26.9. bis 3.10.2014

Enrico Caruso wird der Ausspruch zugeschrieben, Verdis Trovatore sei ganz einfach zu besetzen, man brauche nur die vier besten Sänger der Welt. Nun, damals war die Rolle des Dirigenten offenbar noch nicht so wichtig wie heute. Bei der Saisoneröffnung am Mariinsky-Theater (26.9.) standen zwar nicht vier der weltbesten Sänger auf der Bühne, doch zumindest drei mit einer guten internationalen Karriere. Dass es trotzdem nicht zu einer zufrieden stellenden Aufführung kam, lag vor allem am Dirigenten. Dieser war inmitten einer Kurztournee mit seinem London Symphony Orchestra zu einem eintägigen Zwischenstopp an die Newa geeilt und hatte noch bis 30 Minuten vor angesetztem Beginn der Vorstellung eine Pressekonferenz abgehalten, bei der die Inhalte der neuen Saison bekannt gegeben wurden. Zeit für Proben: nicht vorhanden! Nach dem das Stück einleitenden Trommelwirbel ließ der erste verwackelte Einsatz darauf schließen, dass nicht die erste Orchesterbesetzung am Pult saß. Derlei Ungenauigkeiten gab es öfters, und der Dirigent, der doch über genügend kapellmeisterliche Fähigkeiten verfügt, Bühne und Graben zusammen zu halten, schien an diesem Abend nicht daran wirklich interessiert zu sein. Seine Körpersprache schien auszudrücken, dass er sich fragte, warum er gerade dieses Stück zur Saisoneröffnung ausgesucht hatte, das (wie üblich) nicht er, sondern ein anderer Kapellmeister zur Premiere einstudiert hatte und dessen Leitung er wie immer kurzfristig übernommen hatte. Dies ist durchaus normal am Mariinsky-Theater, und man sollte tunlichst keine Rückschlüsse auf die Qualität der Aufführungen ziehen, die, wenn dieser Dirigent am Pult steht, meistens überdurchschnittlich ist. Voraussetzung allerdings, das Stück interessiert ihn. Und das war an diesem Abend nicht gegeben, so dass es nicht zu einem Führen oder Mitgehen kam, sondern nur zu einem peinlichen Ûber die Runden Kommen, das nicht dem sonstigen Niveau dieses Theater entsprach. Den Kopf in der Partitur verborgen (schließlich ist er ein begnadeter Vom-Blatt-Leser), hangelte er sich an den Noten entlang. Ûber den Namen dieses Dirigenten sollte man eigentlich hinweg gehen, aber da es VALERY GERGIEV persönlich war, sollte er schon genannt werden.

Zumindest wegen dreier der Protagonisten hatte sich das Kommen trotzdem gelohnt. EKATERINA SEMENCHUK war eine mitreißende Azucena von überragender Ausdruckskraft, die sich mit Verve– von Haus aus eher kein Alt – im Stile einer Fedora Barbieri in die Tiefenlage dieser Partie warf, ohne dass die (zum Teil eingelegten) Spitzentöne darunter litten. Die Münchner werden sich daran erinnern, dass ALEXEI MARKOV an der Bayerischen Staatsoper als Luna keinen glücklichen Eindruck hinterlassen hatte, durch eine Erkältung an der Entfaltung seines Könnens gehindert. Hier an seinem Stammhaus war er optimal disponiert, und man konnte sich dem Genuss an seinem Prachtorgan voller Leuchtkraft und Stilgefühl problemlos hingeben. Wenigstens im Baritonfach kennt das Mariinsky-Theater keine Probleme, hat man doch mit den Herren Sulimsky, Korotich, Bondarenko (um nur einige zu nennen) weitere hervorragende Vertreter dieser Stimmlage im Ensemble. TATJANA SERJAN konnte den günstigen Eindruck, den ich von ihrer Leonora im Mai letzten Jahres gewonnen hatte, leider nicht wiederholen. Sie, die sonst Rollen wie Lady Macbeth zu ihrem Repertoire zählt, schien ihre Stimme deutlich schmaler zu führen, um sie der ganz anders gearteten Partie mit ihren Fiorituren anzupassen, wobei sie in Mittellage und Tiefe reichlich flach klang. Der zweite Teil des Abends gelang ihr deutlich besser. Der Tenorsektor, zumindest bei Verdi, ist am Mariinsky zur Zeit mager bestellt, und man kommt nicht ohne Gäste aus. HOVHANNES AYVAZYAN, der Gast aus Yerevan, reihte sich problemlos in die Liga der Tenöre ein, die mit dem Manrico nicht reüssieren können. Vom Stimmklang ist sein Material nicht unübel, vielleicht etwas zu klein, aber was mich verärgerte, war die Ausdruckslosigkeit, mit der er die Töne produzierte und sich nur auf das an der Rampe abgelieferte hohe B der Stretta konzentrierte. Ein paar Tage vor seinem ersten Walküre-Wotan hatte der mit einem machtvollen Bass ausgestattete VLADIMIR FELIAUER seine liebe Mühe mit den rhythmischen Feinheiten des Ferrando. Fazit: Eine Saisoneröffnung unter dem gewohnten Niveau des Mariinsky-Theaters, was vor allem am desinteressierten Dirigat Valery Gergievs lag.

Aber es sollte besser kommen. Besonders am Wochenende fällt die Auswahl schwer, welche der vielen Angebote am Mariinsky man annehmen sollte. So besuchte ich nach dem beeindruckenden Klavierabend Alexei Volodins (27.9.) am 28.9. gleich drei Veranstaltungen in der Mariinsky-Konzerthalle, um 12 Uhr eine Einführung für junge Hörer in Mozarts Zauberflöte, um 17 Uhr das Stradivarius-Ensemble unter Lorenz Nasturica-Herschcowici, dem Konzertmeister der Münchner Philharmoniker, sowie um 19 Uhr als Höhepunkt dieses Sonntags ein Kammerkonzert mit den drei armenischen Künstlern Lusine & Sergey Khachatryan (Piano & Violine) und Narek Hakhnazaryan (Cello). Großartig! Noch schöner wäre es gewesen, wenn das Publikum die Musiker (und mich) nicht dadurch gestört hätte, dass es zwischen den einzelnen Sätzen jedes Stücks klatschte. Eine schlimme Angewohnheit, zu der noch der nicht sehr dezente Gebrauch des Mobiltelefons während des Konzerts kommt.

Am 29.9. war der „Fliegende Maestro“ von seiner LSO-Tournee zurück und dirigierte vier Konzerte bzw. Aufführungen, die seinen Ruf als einer der weltbesten Dirigenten und den seines Hauses eindrucksvoll unter Beweis stellten. Selbstverständlich wurden die Proben solcher Werke wie Brittens War Requiem (29.9.) oder Strauss‘ Salome (1.10.) erst ca. vier Stunden vor dem jeweiligen Konzert in der Konzerthalle (Salome konzertant) abgehalten bzw. tags zuvor von einem Assistenten, doch der Unterschied zum unterirdischen Trovatore-Dirigat war, dass Gergiev an diesen Werken interessiert war. Ein fantastischer Chor, ein herrliches Orchester, dazu drei überaus idiomatische Solisten (OKSANA DYKA, ALEXANDER TIMCHENKO, VLADISLAV SULIMSKY) machten das zur Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren gespielte War Requiem zu einem bewegenden Erlebnis, dem sich aus das sonst so unkonzentrierte Publikum nicht entziehen konnte und erst nach einer schier endlos scheinenden Pause zum frenetischen Applaus anhob.

Von derselben Qualität war die Salome am 1.10., obwohl sie natürlich an den Balanceproblemen einer konzertanten Aufführung krankte, bei der nur die Sänger der Salome, Herodias, Herodes und Jochanaan (außer er hatte aus der „Gruft“ zu singen) neben dem Dirigenten postiert waren und die übrigen (auch Narraboth!) hinter dem Orchester. Gergiev bemühte sich nach Kräften, die Solisten durch sein nicht hoch genug zu preisendes Orchester nicht zu überdecken, was verständlicherweise nicht immer gelang. Nachhaltig in Erinnerung bleiben werden die Interpreten von Salome (MLADA KHUDOLEI) und Joachanaan (MICHAEL KUPFER); sie mit einer idealen, fast mühelos über das Orchester kommenden Strauss-Stimme, der deutsche Bariton, der am Mariinsky schon als Rheingold-Wotan eingesprungen war, mit einer sowohl schönen als auch machtvollen Stimme, die mich fragen ließ, warum dieser Sänger nicht an den ersten Bühnen Deutschlands zu finden ist. Ûber die Herodias (LARISSA GOGLOVSKAYA) sollte man den Mantel des Schweigens decken; eine „herunter gekommene“ Hochdramatische (sie singt u.a. Götterdämmerungs-Brünnhilde). ANDREY POPOV war ein Herodes á la Gerhard Stolze mit intensiver Stimmdarstellung und schneidender Stimme. Für DMITRY VOROPAEV (Narraboth) wäre es bestimmt angenehmer gewesen, vor dem Orchester und nicht hinter diesem postiert gewesen zu sein; seinem angenehm timbrierten Tenor hätte es bestimmt gut getan!

Ûber den Onegin hatte ich bereits im Februar dieses Jahres geschrieben. Die Aufführung am 30.9. (auf der neuen Bühne) bestätigte meine positiven Eindrücke, von denen ich ausdrücklich auch nicht den Dirigenten (VALERY GERGIEV) ausnehmen möchte, dessen Körpersprache schon verriet, dass ihn dieses Stück mehr interessierte als Verdis Trovatore. Die Sänger von Lensky, Onegin und Gremin (EVGENY AKHMEDOV, DMITRY LAVROV, ASKAR ABDRAZAKOV) bestätigten meine positiven (Akhmedov, Lavrov) wie negativen (Abdrazakov) Eindrücke des Februars. Neu waren Tatjana (MARIA BAYANKINA) und Olga (YULIA MATOCHKINA). Bayankina, die noch wenige Tage zuvor Violetta gesungen hatte, fehlt es etwas an natürlichem Volumen für diese Rolle, obwohl ihre Leistung insgesamt sehr eindrucksvoll war, ebenfalls wie Matochkina, die trotz hübschen Aussehens nicht über das Alt-Fundament verfügt, das russischen Olgas sonst zu eigen ist. Interessant, dass an diesem Abend ein Tenor des Mikhailovsky-Theaters (Akhmedov) auf der Bühne des Mariinsky stand, während am Mikhailovsky Eugen Onegin mit zwei Mariinsky-Sängern (Ekaterina Sergeyeva als Olga, Alexei Markov als Onegin) aufgeführt wurde.

Unbenannt

12 years old Alexander Malofeyev : a name to watch! (Photo: Manninen)

Die fast einwöchige Gergiev-Präsenz an seinem Theater endete am 2.10. mit einem Gala-Konzert im neuen Mariinsky unter dem Titel „DENIS MATSUEV and his friends“. Der russische Star-Pianist und (wie Gergiev) Leiter diverser Festivals (in diesem Fall war es ein Konzert seines Festivals Crescendo) möge es mir verzeihen, dass ich mich nicht auf seine virtuose Leistung (in Liszts Totentanz) konzentriere, auch nicht auf die anderen, von ihm eingeladenen Solisten wie ALENA BAEVA und SERGEI KRYLOV (Violine), MAXIM RYSANOV (Viola), ALEXANDER BOUZLOV und ANASTASIA KOBEKINA (Cello), sondern auf den erst 12jährigen Pianisten ALEXANDER MALOFEYEV, trotz seines jugendlichen Alters schon Gewinner wichtiger Wettbewerbe ist, so u.a. Erster Preis und Goldmedaille beim Tschaikowsky-Wettbewerb für Junge Musiker 2014. Ich denke, ich kann angesichts der Reife und Virtuosität seiner Interpretation des 2. und 3. Satzes von Griegs Klavierkonzerts schon in wenigen Jahren mit Stolz sagen: „Ich habe Alexander Malofeyev schon gehört, als er nur 12 Jahre alt war!“

Fazit: St. Petersburg ist jederzeit einen Besuch wert, noch dazu, wo nach Beginn der Ukraine-Krise ca. 20 & weniger Gäste zu verzeichnen sind, was den Besuch auch durch den Verfall des Rubel-Kurses günstiger macht. Natürlich ist Valery Gergiev die Attraktion des Mariinsky-Theaters, doch diese ehrwürdige Institution hat auch ohne ihn vieles zu bieten.

Sune Manninen

 

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