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ST. PETERSBURG: ERÖFFNUNG AM MARIINSKY – ein Tagebuch – 30.9. bis 3.10.

05.10.2016 | Oper

Saisoneröffnung am Mariinsky – Ein Tagebuch – 30.9. bis 3.10.2016

Bevor VALERY GERGIEV mit „seinem“ Orchester, also den Besten der Besten, zu einer ausgedehnten Asien-Tournee aufbrach, die ihn einen ganzen Monat von St. Petersburg fernhalten wird, eröffnete er die neue Spielzeit des Mariinsky-Theaters, üblicherweise mit einem Werk, das in der letzten Saison neu herausgekommen war, in diesem Fall Saint-Saëns „Samson et Dalila“ in Regie und Ausstattung von YANNIS KOKKOS.

Dabei kam mir eine für Gergiev und sein System aussagekräftige Begebenheit in den Sinn. Im Jahre 2003 hatte er bei den Salzburger Festspielen diese Oper zu dirigieren, die für ihn total neu war. Um das Werk „d’rauf zu kriegen“, setzte er es kurz vor Salzburg auf das Programm seines Festivals im finnischen Mikkeli und verlangte vor der ersten Probe (einen Tag vor der konzertanten Aufführung) eine Klavierprobe mit den Solisten. Nun, zur angesetzten Zeit waren alle Solisten anwesend, aber weder Gergiev noch ein Pianist. So setzte sich der Samson-Sänger ans Klavier und unterhielt seine mehr oder weniger geduldig wartenden Kollegen mit Musik von der Mondschein-Sonate über Nationalhymnen bis hin zu Jazz. Kurz darauf dann die erste Probe mit allen Mitwirkenden, wobei sich die Tastatur bei der Verwendung des Wortes „Probe“ verbiegt, denn es wurde die erste Hälfte der Oper durchgespielt ohne jedes Abbrechen oder Wiederholen bei Wackelkontakten, Chaos pur, frei nach Gergievs Motto: „Hauptsache, die Musiker hatten Gelegenheit, die Noten einmal vor der Aufführung zu spielen“. Am nächsten Tag, kurz vor der in einer Kirche (!) gespielten Vorstellung „Probe“ der zweiten Hälfte der Oper, mit demselben Erfolg. Als die Administratoren des Festivals feststellten, dass Gergiev lediglich die beiden Protagonisten neben seinem Dirigentenpult postiert hatte, die anderen Solisten jedoch in der ersten Bankreihe der Kirche (diese Plätze waren jedoch an Besucher verkauft worden!), entschied Gergiev kurzerhand, der Oberpriester des Dagon sollte neben der Harfe stehen, die anderen kleineren Rollen hinten neben dem Chor. Wer die Oper kennt, weiß, dass es im 2. Akt ein Duett zwischen Dalila und dem Oberpriester gibt – Dalila neben Gergiev, der Oberpriester neben der Harfe hinten im Orchester!!!

Warum ich diese Begebenheit erzähle? Weil die Aufführung großartig war, von einer selten erlebten Spannung, mit hohem Adrenalinspiegel. Dies ist typisch für Gergiev, für den eine Probe nicht dazu da ist, eine Interpretation zu erarbeiten, die dann in der Aufführung abgerufen wird. Frei nach dem Fußball-Motto „Wichtig ist, was auf dem Platz geschieht“ ereignet sich Gergievs Interpretation also erst im Konzert bzw. in der Opernaufführung. Was für uns Westler also nach Chaos riecht, ist für das Mariinsky-Personal flexibel, und „Flexibilität“ ist tatsächlich das „Zauberwort“ für das System Mariinsky, das seit nunmehr 30 Jahren ein System Gergiev ist und hauptsächlich deshalb funktioniert, weil alle Beteiligten, also Solisten, Chor und Orchester, darauf eingeschworen und jederzeit in der Lage sind, auch ohne ausgiebige Proben höchst eindrucksvolle Aufführungen zu produzieren. Man sollte also nicht, wie es in London geschah und jetzt offensichtlich wieder in München beginnt, aus der Tatsache, dass Gergiev Proben Assistenten überlässt, auf die fehlende Qualität der Konzerte bzw. Aufführungen schließen.

Dies muss vorausgeschickt sein, denn keine der von mir besuchten Vorstellungen war vom Chef persönlich geprobt worden, Samson et Dalila sowie Simon Boccanegra vom US-Hausdirigenten Christian Knapp, Prokofievs Peter und der Wolf (mit einer neuen Sprecherin!) vom Solo-Klarinettisten des Orchesters Ivan Stolbov, der mehr und mehr Dirigieraufgaben am Mariinsky übernimmt. Und trotzdem war alles von allerhöchster Qualität, von einer bewundernswerten Homogenität.

In „Samson et Dalila“ (30.9.) bewies Valery Gergiev seine große Affinität zu französischer Musik und zauberte mit seinem wie immer bestens aufgelegten Orchester die verführerischsten Farben; der Chor war von beeindruckender Klangfülle. EKATERINA SEMENCHUK (Dalila) mag nicht das weich-seidige Timbre ihrer Kolleginnen Olga Borodina oder Yulia Matochkina besitzen, der letztjährigen Tchaikovsky-Preisträgerin, kompensierte dies aber mit dramatischem Impetus ihres homogen geführten Mezzosoprans. MIKHAIL VEKUA, der neue Jung-Siegfried des Theaters, war als Samson eingesetzt. Er führte seinen nicht eigentlich großvolumigen Tenor sehr gut fokussiert, somit die nötige Durchschlagskraft für den Höhenstrahl besitzend. Beeindruckend wie so oft beim Mariinsky die tiefen Männerstimmen, der dramatische Hohepriester des Dagon ROMAN BURDENKO sowie die beiden mit einem satten schwarzen Material gesegneten Bassisten OLEG SYCHOV (Abimélech) und STANISLAV TROFIMOV (Alter Hebräer).

Am nächsten Tag (1. 10.) hatte Gergiev für sich drei Konzerte bzw. Aufführungen reserviert, zur Mittagszeit 2x Prokofiews „Peter und der Wolf“ und am Abend „Der Spieler“, die Oper desselben Komponisten, die ca. 100 Jahre zuvor komponiert worden war. In diesem Prokofiew-Jahr (125 Jahre) steht „Peter und der Wolf“ sehr oft auf dem Spielplan, am Mariinsky mit wechselnden, in Russland populären Erzählern, im Ausland mit einheimischen Sprechern in der Sprache des jeweiligen Landes, einmal (in Cardiff) sogar mit Gergiev höchstpersönlich als Sprecher. Dass der Dirigent erst wenige Minuten vor Konzertbeginn eingetroffen war, merkte man dem optimalen Zusammenspiel innerhalb des Orchesters, aber auch zwischen diesem und der Erzählerin nicht an. Diese war die in Russland durch Film, Fernsehen und Bühne bekannte KSENIA RAPPOPORT, ein wahres Charmebündel, der es spielend gelang, die begeistert mitgehenden Kinder um den Finger zu wickeln. Es war eine Freude, in die Gesichter der Musiker zu schauen; nach der Sommerpause ausgeruht, schienen selbst sie diese Aufführung zu genießen, und auch Gergiev zeigte sich äußerst animiert und animierend.

Am Abend dann „Der Spieler“, eine Produktion, die ich zuletzt am 11.6. zum 60. Geburtstag VLADIMIR GALOUZINE’s gesehen hatte, und dieser persönlichkeitsstarke dramatische Charaktertenor machte auch diese Aufführung zum Ereignis, stimmlich optimal disponiert und durch seine Schauspielkunst diese Vorstellung zur One-man-Show machend. Wie bekannt, ist das Mariinsky eines der letzten europäischen Ensemble-Theater von großer Bedeutung, was sich hier vor allem darin zeigte, dass manche der Partien mit anderen Sängern als im Juni besetzt waren – kein Wunder bei einem Ensemble von über 100 Sängern! Geblieben war die Blanche von YEKATERINA SERGEYEVA mit ihrem zur Figur passenden betörend sinnlichen Mezzosopran. Neu besetzt waren TATIANA PAVLOVSKAYA als Pauline mit hier mehr klarem als wie sonst so häufig vibratoreich geführtem Timbre, deren (hier) kühles Timbre gut zur Figur der Pauline passte. LARISA DIADKOVA (Babulenka) und GENNADY BEZZUBENKOV (General) ließen nicht erkennen, dass sie schon seit 30 Jahren zum Ensemble zählten; Diadkovas Timbre vielleicht etwas aufgehellter als sonst klingend, Bezzubenkov mit immer noch sattem Bassmaterial und köstlicher Spiellaune.

Während „Samson et Dalila“ und „Der Spieler“ auf der neuen Bühne gespielt wurden, gab es am 2.10  als Matinée im historischen Mariinsky-Theater „Le nozze di Figaro“, eine Aufführung, die ich wegen der klamottigen Regie YURI ALEXANDROV’s eigentlich meiden wollte, aber wegen einiger interessanter Besetzungen gezwungen war zu besuchen. Wenn ich schreibe, dass Gergievs Neffe ZAURBEK GUGKAEV am Pult stand, sollte man den Mariinsky-Zaren tunlichst nicht des Nepotismus verdächtigen, denn der junge Mann mag zwar kein dirigentisches Genie sein, ist aber ein mehr als brauchbarer Haus-Kapellmeister, am Mariinsky mit vielen (vielleicht sogar zu vielen?) Aufgaben betraut. Natürlich stand das „Gergiev-Orchester“ nicht zur Verfügung; das hatte schließlich am Abend zu spielen. Doch spielten auch diese Musiker ambitioniert mit schönem Klang. EDWARD TSANGA war ein in Figur und Stimme großvolumiger Titelheld, während ich den Grafen SERGEI ROMANOV’s eher der Kategorie „Normal“ zuordnen möchte; wie auch der Bartolo NIKOLAI KAMENSKY’s nicht wirklich schlecht, aber „nothing to write home about“. Auch bei der jungen Akademie-Sängerin EVELINA AGABALAEVA als Cherubino vermisse ich eine gewisse Individualität des Timbres, die das Zuhören zwingend macht, während dies beim dunklen Material ELENA SOMMER’s als Marcellina durchaus vorhanden war. VIOLETTA LUKYANENKO mag wie die junge Netrebko eine Augenweide sein, drei Akte lang war sie mit ihrem niedlichen Sopran aber nicht mehr als eine Sopranistin, die eigentlich als Barbarina anzusetzen gewesen wäre, doch ihre große Arie im 4. Akt sang sie wunderschön mit der Größe (oder Kleinheit?) des Materials angepasster Interpretation.

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Pelageya Kurennaya (Foto: Archiv Sune Manninen)

Meiner Meinung nach wäre PELAGEYA KURENNAYA die angemessenere Besetzung für die Susanna gewesen, denn die junge Sängerin besitzt in ihrem zweiten Jahr (als Gast) am Mariinsky eine aufregend schöne, dunkel timbrierte Stimme, was mich als Freund individuell timbrierter Stimmen bei den ersten Tönen ihrer Barbarina sogleich aufhorchen ließ. Erfreulich, dass sie am 1. November bei der (russisch gesungenen) Nozze di Figaro-Produktion in der Mariinsky-Konzerthalle ihre erste Susanna singen darf. Von dieser jungen Dame wird man noch viel hören! ANASTASIA KALAGINA, die im historischen Mariinsky bisher die Susanna war, während sie in der russischen Produktion die Gräfin sang, war nun auch hier mit der Gräfin, ihrer ersten in italienischer Sprache, besetzt. Obwohl ich diese Künstlerin seit Langem außerordentlich schätze, ob in Oper oder Konzert, war ich mit ihrer (ersten) Gräfin nicht so recht glücklich – auf dem Wege von Susanna zur Gräfin ähnelte sie Lukyanenko zu sehr in Größe der Stimme und Timbre, führte ihr Material zwar technisch sehr gekonnt und kultiviert, und trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass sie schon bei der Gräfin angekommen war. Im Grunde ist „Nozze di Figaro“ die ideale Aufstiegsoper für Soprane. Aus vielen Barbarinas wurde Susanna, aus vielen Susannas wurde die Gräfin. Aber wenn die Proportionen zwischen diesen Partien nicht stimmen, müsste man – um im Gleichgewicht zu bleiben – Barbarina mit einem Knabensopran besetzen und nicht mit einer Stimme, bei der man schon Susanna heraushört. Folgerichtig dann die Gräfin mit einer Sängerin, die sich in Volumen und Klangfarbe von der Susanna unterscheidet.

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Anastasia Kalagina (Foto: Archiv Sune Manninen)

Wie „Samson et Dalila“ kam auch „Simon Boccanegra“ erst in der vergangenen Saison heraus. Die Aufführung am 2.10. profitierte davon, dass der Chef höchstpersönlich am Pult stand, nachdem er noch am Nachmittag in der Konzerthalle Shchedrins „The Enchanted Wanderer“ geleitet hatte. In der von Christian Knapp dirigierten Vorstellung im April dieses Jahres hatte ich ein besseres Zusammenwirken von Bühne und Orchester vermisst und ein stärkeres Eingehen auf die einzelnen Sänger, doch unter Gergiev war alles in bester Ordnung. Seinen Musikern liegt der dunkle Klang gerade dieses Stücks besonders gut, und Gergiev erwies sich als ein perfekter, mit den Sängern atmender Kapellmeister.
Am Vorabend seines 40. Geburtstages bewies VLADISLAV SULIMSKY in der Titelpartie, dass er heutzutage zu den führenden Verdi-Baritonen gehört. Ein so dunkel getöntes, im Grunde genommen weiches Material, doch mit gewaltiger Strahlkraft in den Höhen versehen und zudem mit äußerster Nuancierung gehört einfach an die größten Bühnen dieser Welt – ein Versäumnis, dass er dort bisher noch nicht zu hören war. ROMAN BURDENKO, den ich im April noch als Simon hörte, war mit seinem dramatischen Bariton ein eindrucksvoller Paolo, während OLEG SYCHOV als Pietro wieder seinen schwarzen Bass hören ließ. Wesentlich besser als zuvor der Fiesco YURI VOROBIEV’s, der im April bei dem Dirigat Christian Knapps, Mühe hatte, sich gegenüber der Dominanz des Orchesters Gehör zu verschaffen. Hier erwies sich Gergiev als idealer, anpassungsfähiger und -williger Begleiter, und somit konnte Vorobiev seinen weichen, in der Tiefe knarzig-schwarzen Bass sehr schön zur Geltung bringen. IRINA CHURILOVA’s Amelia klang mir anfangs zu gläsern-kühl, fand jedoch im Verlaufe des Abends zur gewohnten Stimmpracht zurück, bei der besonders die Höhenpiani betörten. In dem Georgier OTAR JORJIKIA hat Mariinsky hoffentlich den Tenor gefunden, der die Tenormisere im Verdi-Fach beenden könnte. Sein Gabriele Adorno berechtigte jedenfalls zu den schönsten Hoffnungen mit einem der Partie adäquaten mediterranen Timbre und kultivierter Stimmführung.

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Vladislav Sulimsky (Copyright Laura Luostarinen / Mikkeli Music Festival)

Am 3.10. bewies das Mariinsky seine unangefochtenen Fähigkeiten, mit kurzfristigen Änderungen fertig zu werden. Vorgesehen war für diesen Abend eigentlich ein Konzert des Mariinsky-Orchesters unter Gergiev, das offenbar als Generalprobe für das ursprünglich am nächsten Tag in Samara beginnende Rostropovich-Festival in Samara dienen sollte, doch wurde dieses Festival um einen Tag vorverschoben, so dass Chef und Musiker schon an diesem Tag im fernen Samara zu sein hatten. Doch die Mariinsky-Administration zauberte einen eindrucksvollen Ersatz aus dem Hut. Der junge französische Pianist LUCAS DEBARGUE hatte beim letztjährigen Tschaikowsky-Wettbewerb zwar nur den 4. Preis gewonnen (er hatte bei diesem Konkurs erstmalig mit Orchester konzertiert!!!), war jedoch mit dem Preis der Moskauer Musikkritik bedacht worden und hatte als Bonus einen Vertrag über CD-Aufnahmen mit einem renommierten Label erhalten. Unter der Leitung ZAURBEK GUGKAEVs spielte Debargue Rachmaninows populäres 2. Klavierkonzert, und wie er es kraftvoll und doch sensibel und nuancenreich interpretierte, zwang geradezu zum Zuhören – ein Ausnahmetalent! Dass dem Mariinsky-Orchester, auch wenn es nicht in Bestbesetzung spielt, der süffige Klang Rachmaninows liegt, versteht sich von selbst.

Sune Manninen

 

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